Auf Zeitreise im «Obstgarten»
Nicht jeder Tösstaler kennt das Restaurant Obstgarten in Oberlangenhard. Der Grund dafür ist ganz einfach: Wirtin Hedi Werren ist schon 77-jährig, das Haus ist nur einmal im Monat geöffnet, ansonsten kocht sie gerne für Gruppen von 25 bis 30 Personen. Aber: Der Ort ist legendär und gehört zum Bestand der alten Tösstaler Wirtshäuser.
«Wir wirten jetzt schon in der vierten Generation», sagt Hedi Werren. Wer die niedrige Gaststube betritt, erlebt eine Zeitreise: Holztäfer, Kachelofen, einfaches Mobiliar. So mag es um 1900 ausgesehen haben.
Viel Gartenarbeit
Die nächste Überraschung wartet im Garten: Gezähmte Wildnis möchte man die Gartenpracht nennen. Feldblumen, Rosen, Sträucher und alte Bäume. Einiges lässt sich in der Küche verwenden wie Pfefferminz, Lindenblüten oder Salbei.
Im angrenzenden Feld wachsen Äpfel, Birnen, Zwetschgen – ein richtiger Obstgarten. Die roten Fensterläden des Hauses bilden einen wundervollen Kontrast zum satten Grün, und dazwischen blühen Blumen in allen Farben. Dahinter steckt viel Arbeit und tatsächlich verbringt Hedi Werren einen wesentlichen Teil ihrer Zeit mit Gartenarbeit.
Stolz präsentiert Hedi Werren einen Prospekt, den sie 2015 zum 125-Jahr-Jubiläum des Hauses gestaltet hat. Seine Geschichte beginnt mit dem Urgrossvater Ulrich Ramp, dessen Haus 1888 einem Brand zum Opfer fiel. 1890 zog die Familie in die heutige Liegenschaft am Dorfausgang von Oberlangenhard. Das Haus hiess damals noch Rosengarten, man benannte es aber bald schon in Obstgarten um.
Bauer und Wirt
Ulrich Ramp und seine Familie führten die Wirtschaft neben ihrem bescheidenen Bauernbetrieb. Ein altes Foto zeigt die Familie um 1920, abgebildet sind auch eine Kuh und der Knecht, der zum Betrieb gehörte. Zu trinken gab es hier nur eines: Sauren Most – deshalb auch der Name Obstgarten. Der Stall bot einst Platz für gerade mal vier Kühe. Heute ist er zu einem zusätzlichen Raum umgestaltet, der auch für Kurse genutzt werden kann.
«Einfache Küche mit erstklassigen Zutaten, wenn möglich Bio und viel Butter. Das gibt Geschmack.»
Hedi Werren, Wirtin des «Obstgartens»
Hedi Werren hat den Betrieb 1975 mit ihrem damaligen Mann, Edi Werren, übernommen. Von den Bauern im Dorf konnte der Betrieb nicht überleben. Man hatte schon früh die auswärtigen Gäste im Auge: Spaziergänger auf dem Weg von Kollbrunn und Tüfels Chilen zum Schauenberg oder noch weiter.
Nach der Trennung von ihrem ersten Mann war Werren lange mit dem Winterthurer Unternehmer Chrigel Hunziker zusammen. Mit ihm führte sie das Haus zu neuer Blüte. Gekocht wurde allerdings auch da nur auf Bestellung und am Wochenende führte Werrens Partner die Kochlöffel.
Nur einfache Küche
«Wir haben in jener Zeit aus beruflichen Gründen viele Schweizer Spitzenhotels besucht», erzählt Hedi Werren. Hat sie das inspiriert? «In einem gewissen Sinne schon. Es hat mich ermutigt, genau meinen Weg weiterzugehen und das Gegenteil von der raffinierten Spitzengastronomie zu machen: Einfache Küche mit erstklassigen Zutaten, wenn möglich Bio und viel Butter. Das gibt Geschmack.»
Zum Beweis trägt sie eine frische Rhabarberwähe auf – köstlich ist nur der Vorname. Frische Küche mit regionalen Produkten ist im Trend. Aber Hedi Werren hat eigentlich schon immer so gekocht. Nur mit der veganen Ernährung kann sie nichts anfangen. «Sowas gibt’s hier nicht, ohne Butter geht gar nichts», sagt sie lachend.
In den vielen Jahren sind auch dann und wann bekannte Gäste hier vorbeigekommen: Am 4. Mai 1997 war Königin Sonja von Norwegen zu Besuch. Ein kleiner Höhepunkt, an dem nicht alle nur Freude hatten, weil das ganze Haus für andere Gäste geschlossen war. Vor einigen Jahren filmte das Schweizer Fernsehen eine Folge der Sendung «Landfrauenküche». Dafür musste der halbe Garten umgestellt werden.
Weiterhin ein Geheimtipp
Denkt Hedi Werren mit ihren 77 Jahren langsam ans Aufhören? «Ich habe mir das auch schon überlegt. Aber das Haus, der Garten, die Küche – das ist mein Leben. Solange es geht, mach ich weiter.» In Silvia Suter aus Turbenthal hat sie eine Seelenverwandte gefunden, die ihr in der Küche zur Hand geht. Bei Anlässen helfen ihr manchmal Pensionierte unentgeltlich.
«Früher machten wir grosse Feste, Freiluft-Konzerte und kulturelle Anlässe», sagt Werren. «Manchmal mussten wir im Garten noch ein Zelt aufstellen, heute führen wir kleinere Anlässe mit 25 bis 30 Gästen durch.» Der «Obstgarten» in Oberlangenhard wird auch weiterhin ein Geheimtipp bleiben, und das ist vielleicht ganz gut so.
Koch-Tipps von Hedi Werren
Die «Obstgarten»-Küche ist einfach und regional. Ein paar Tipps hat Hedi Werren für die Leserinnen und Leser:
- Tössthaler Spätzli: 500 Gramm Mehl, 5 Eier, Salz, Milch und Mineralwasser mit Blöterli. Daraus wird ein Teig gemischt, der ziemlich dick sein soll. Die Knöpfli werden mit der Passevite ins kochend heisse Wasser geschabt. Wenn sie oben schwimmen, sind sie gar. Darüber kommt Nussbutter.
- Nussbutter: Ein grosses Stück Butter in der Pfanne erhitzen, bis sie schaumig wird. Temperatur zurücknehmen und warten, bis sie sich klärt und wieder flach wird. Noch einmal aufschäumen. Die geklärte Butter lässt sich über die Spätzli oder über das Gemüse giessen.
- Saftplätzli: 4 Rindsplätzli in die Bratpfanne geben, darüber geschnittene Zwiebeln und eine neue Lage mit 4 Rindsplätzli. Würzen mit Salz und Pfeffer, danach in den Ofen, etwas Rotwein dazu geben. 90 Minuten köcheln lassen. Gut Ding will Weile haben.
- Kartoffel-Gratin: Die rohen Kartoffeln werden mit der Röstiraffel verarbeitet und nicht in Scheiben geschnitten. Rahm mit etwas Butter in eine Form geben, bis diese zu zwei Dritteln voll ist. Hedi Werren lässt den Gratin 90 Minuten im Ofen bei mittlerer Temperatur. So können die Kartoffeln Rahm und Butter aufsaugen.
Der «Obstgarten» in Oberlangenhard hat jeden ersten Mittwochnachmittag im Monat von 14 bis 20 Uhr geöffnet. Das nächste Mal am 4. August. Für Gruppen wird auf Anmeldung gekocht: obst-garten.ch.