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Wenn die Schlange über den Vorplatz schleicht

Ein Rütner wurde in seinem Garten von einer besonders grossen Ringelnatter überrascht. Reptilienexperte Thomas Meyer erklärt, wie man in einem solchen Fall vorgehen sollte und weshalb die Schlangenart vom Aussterben bedroht ist.

Obwohl die Ringelnatter im Oberland die häufigste Schlangenart ist, steht sie auf der Roten Liste der bedrohten Tiere., Andreas Meyer vom Fachbereich Reptilien der Infofauna Schweiz erklärt, wie man sich bei einer solchen Begegnung verhalten sollte

PD

Wenn die Schlange über den Vorplatz schleicht

Den Rütner Otto Lüthi erwartete eine schuppige Überraschung, als er im Juni auf seinen Vorplatz in Rüti trat: Eine grosse Schlange ringelte sich auf den Steinen neben einer Mauer. «Eine Ringelnatter», kommentierte ein Facebook-Nutzer Lüthis Post.

«Ich bin sicher, dass es in der Umgebung mehrere Exemplare gibt», schreibt Lüthi auf Anfrage. „Aber dass sich ein so schönes und grosses Tier so zeigt, ist vermutlich eher selten. » Doch nicht alle teilen seine Freude an der Schlange: «Ich hätte vor Schreck einen Sprung gemacht, wenn ich die bei mir angetroffen hätte», kommentierte eine Nutzerin den Post.

Ringelnattern auf der Roten Liste

Dass es sich bei der Schlange um eine Ringelnatter handelt, bestätigt Andreas Meyer vom Fachbereich Reptilien der Infofauna Schweiz. «Typisch sind die beiden hellen, meist gelblichen Halbmondflecken am Hinterkopf und die auffällig schwarz-weiss gefärbten Oberlippenschilder», sagt Meyer.

Gemäss Meyer kommen Ringelnattern in der ganzen Schweiz vor. Einst waren sie zahlreich vertreten. «Doch mit dem Verlust vieler Feuchtgebiete und naturnaher Fliessgewässer sowie der Intensivierung der Landwirtschaft sind die Tiere seltener geworden», sagt Meyer.

Heute stehen sie auf der Roten Liste der gefährdeten Reptilienarten. Dennoch: «Im Zürcher Oberland ist die Ringelnatter die häufigste Schlangenart», sagt Meyer. Neben ihr lebe nur eine einzige weitere Schlangenart im Oberland, die ungiftige Schlingnatter. Diese sei aber viel, viel seltener.

Von den neun Schlangenarten, die in der Schweiz vorkommen, sind zwei giftig, sagt Meyer, nämlich die Kreuzotter und die Aspisviper. «Beide Arten kommen aber nicht im Zürcher Oberland vor.»

Manche mögen’s heiss

Wie sich der Klimawandel auf die Schlangen auswirke, wisse man noch nicht mit Sicherheit, sagt Meyer. «Es kann sein, dass wärmeliebende Arten eher profitieren, während andere Arten wie die Kreuzotter, die kühlere und feuchtere Lebensräume bevorzuge, an gewissen Standorten verschwinden dürften.»

Entscheidend sei aber nicht der Klimawandel allein, sondern vor allem das Vorhandensein von geeigneten Lebensräumen. Wenn diese fehlen, dann «nützen» laut Meyer den Schlangen auch höhere Temperaturen nichts.

Scheinbisse und Sekret

«Du wärst sicher kreischend davongerannt», kommentierte eine Frau Lüthis Facebook-Post und markierte eine Freundin. Doch gemäss Meyer sind Ringelnattern für den Menschen vollkommen harmlos. «Die Tiere würden nicht einmal dann versuchen zu beissen, wenn man sie in die Hand nimmt», sagt er. «Und selbst wenn: Der Biss wäre harmlos, da Ringelnattern nicht giftig sind.»

Anstatt zu beissen, würden Ringelnattern in bedrohlichen Situationen die Flucht ergreifen, erklärt Meyer. «Manchmal zischen sie dabei und platten ihren Vorderkörper und Kopf wie eine Kobra ab, um grösser zu erscheinen.» Wenn die Tiere nicht flüchten können, führen sie manchmal Scheinbisse in Richtung Bedrohung aus, jedoch ohne wirklich zuzubeissen, sagt Meyer.

Wenn man die Tiere in die Hand nimmt, scheiden sie laut Meyer häufig ein übelriechendes Sekret aus. «Manchmal stellen sich Ringelnattern auch tot und warten, bis die Gefahr vorüber ist.»

Gärten sind für Schlangen attraktiv

Normalerweise leben Ringelnattern vor allem in Feuchtgebieten und entlang von Gewässern aller Art, sagt Meyer. Man könne dann und wann aber auch eine Ringelnatter am Waldrand oder im Wald finden, oder eben auch in Garten- oder Parkanlagen.

Dass sich die Schlange auf Lüthis Vorplatz gewagt hat, ist laut Meyer keine Überraschung. «Ringelnattern sind durchaus Kulturfolger, die auch menschgemachte Lebensräume besiedeln.» Besonders naturnahe Gärten seien attraktiv.

«Am besten gibt man der Schlange in einem solchen Fall Raum zur Flucht.»

Andreas Meyer, Fachbereich Reptilien Schweiz

«In Gärten suchen Ringelnattern vor allem nach Nahrung», sagt Meyer. Kompost- oder Schnittguthaufen können für Weibchen interessant sein, die eine Eierablagestelle suchen. Und wenn eine Ringelnatter den Garten erkunde, könne sie natürlich auch einmal auf einer Terrasse oder einem Sitzplatz auftauchen.

«Am besten gibt man der Schlange in einem solchen Fall Raum zur Flucht, indem man Abstand hält und dem Tier den Fluchtweg nicht versperrt.» Hunde sollten an die Leine genommen werden. Am wichtigsten sei es aber, dass man sich über ungewöhnliche Begegnungen wie die in Lüthis Vorplatz freue und die Chance nutze, das schuppige Tier zu beobachten. 

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