Wurst, Applaus und verschiedene Blicke auf die Corona-Krise
Dass die Gemeindeversammlung in Wila speziell war, erkannte man bereits an der Lokalität. Sie wurde nicht wie üblich im Saal des Primarschulhauses durchgeführt, sondern in der Manzenhub auf dem Bauernhof und Restaurant Heubode.
Auch das Programm war ein wenig anders als sonst: Neben den drei Jahresrechnungen waren ausserdem Interviews mit Betroffenen der Corona-Pandemie geplant. Gekommen sind rund 50 Stimmberechtigte. Sie nahmen in der Scheune neben dem Restaurant Platz.
Eine Präsentation mit Beamer gab es keine. Dafür eine gedruckte Broschüre und kleinere kürzere Unterbrechungen, weil eine Sau im Stall lautstark das Wort ergreifen wollte.
15 Monate ohne Händedruck
«Für einmal wollen wir den Aussenwachten die Ehre erweisen», meinte Gemeindepräsident Hans-Peter Meier (SVP) in seiner Eröffnungsansprache. «Und wir wollen wieder etwas Zuversicht verbreiten nach 15 Monaten ohne richtigen Händedruck.»
«Ich habe viele schwere Verläufe gesehen, musste manchen Patienten ins Spital einweisen. »
Hans-Peter Mösch, Hausarzt in Wila
Aus diesem Grund werde die Gemeinde im Anschluss an die Versammlung alle Anwesenden im Restaurant zu einem Getränk und einer Wurst einladen, so Meier.
Weg aus der Krise
Er übergab das Wort dann an Stefan Nägeli, den Programmleiter von Tele Top, der ebenfalls in Wila wohnt. Dieser liess die vergangenen «15 Monate ohne Händedruck» in kurzen Interviews noch einmal Revue passieren. Den Anfang machte der Hausarzt Hans-Peter Mösch, der am 5. Juni in einer grösseren Impfaktion rund 300 Dosen an die Tösstaler Bevölkerung verimpfte.
«Die Organisation ist schwierig», erklärte Mösch. Die Zusammenarbeit mit dem Kanton sei sehr anspruchsvoll. Für den Hausarzt führt trotzdem kein Weg vorbei an den Impfungen: «Ich habe viele schwere Verläufe gesehen, musste manchen Patienten ins Spital einweisen. Die Impfungen sind der einzige Weg aus der Krise.»
Bei der Frage nach allfälligen Auffrischungen zeigte sich Mösch zurückhaltend: «Man weiss es schlichtweg noch nicht.» Aber vielleicht sei es wie bei der Zeckenimpfung. «Dort ging man von einer kurzen Schutzwirkung aus.» Heute spreche man von einer Auffrischung alle zehn Jahre.
Auf dem falschen Fuss erwischt
Auch für Lea Keller, die neue Schulleiterin der Primarschule Wila, war die Corona-Zeit eine Herausforderung. «Während des ersten Lockdowns mit der Schulschliessung war ich noch Klassenlehrer in.» Die Schulen seien auf dem falschen Fuss erwischt worden, erklärte Keller im Interview mit Nägeli.
« Es wurde uns zwei Mal verboten, Geld zu verdienen.»
Josua Spörri, Mitinhaber des «Heubode»
«Übers Wochenende mussten wir schauen, wie wir weiterfahren wollen.» Unter dem Strich habe man sich gut arrangieren können. «Wir waren aber froh, dass die Schulen nicht noch ein zweites Mal geschlossen wurden», so die Schulleiterin.
Fleischverkauf auf Instagram
Weniger Glück hatte Josua Spörri, der Mitinhaber und -betreiber des «Heubode». «Wir mussten unseren Restaurantbetrieb insgesamt für rund sechs Monate zumachen. Es wurde uns zwei Mal verboten, Geld zu verdienen.» Die Hilfsgelder seien ein Tropfen auf dem heissen Stein.
« Wir wusste am Anfang nicht, welche Hilfeleistungen die Bevölkerung überhaupt braucht.»
Hans-Peter Meier (SVP), Gemeindepräsident von Wila
«Verloren ist verloren», meinte Spörri. Immerhin habe die Pandemie auch neue Optionen aufgezeigt. «Auf Social-Media hat meine Frau angefangen, Fleisch zu verkaufen.» Das sei sehr gut angekommen. «Ich musste in der ganzen Region bis nach Frauenfeld Bestellungen ausliefern.»
Applaus für die Verwaltung
Das Beste aus der Situation machen wollte auch die Gemeinde Wila. «Es gab so viele Unsicherheiten, wir wussten am Anfang nicht, welche Hilfeleistungen die Bevölkerung überhaupt braucht», erklärte Gemeindepräsident Meier im Interview mit Nägeli.
«Unsere Gemeindeverwaltung hat aber einen hervorragenden Job gemacht», betonte er. Dafür gab es für einmal an der Gemeindeversammlung Applaus.
Keine Fragen, keine Gegenstimme
Zufrieden sein konnte Meier nicht nur mit seiner Verwaltung. Die Rechnung 2020 schloss mit einem erfreulichen Resultat. Im Anschluss an die Interviews wurde dieses von Finanzvorsteher Simon Mösch (Die Mitte) präsentiert.
Sie schloss mit einem Gewinn von rund 850’000 Franken. «Das liegt vor allem an den aussergewöhnlich hohen Grundstücksgewinnsteuern», so Mösch. Die Folgen von Corona seien nicht oder noch nicht spürbar.
Fragen gab es zur Rechnung keine, so dass Gemeindepräsident Meier fast die Abstimmung vergass. Ohne Gegenstimme wurde die Rechnung 2020 angenommen. Die Anwesenden konnten sich zum Restaurant begeben und ihren Getränke- und Wurstbon einlösen.
Etwas weniger gesellig wird es wohl bereits am 30. Juni. Dann findet die ausserordentliche Gemeindeversammlung wieder im Eichhaldesaal statt. Die Stimmberechtigten werden dann über das weitere Vorgehen betreffend künftiger Gemeindestruktur befinden.
Schulrechnungen angenommen
Vor der Versammlung der Politischen Gemeinde fanden die beiden Rechnungsversammlungen der Sekundar- und Primarschulgemeinde statt. Auch diese beiden Rechnungen wurden ohne Gegenstimme genehmigt.
Die Sekundarschule schloss 2020 mit einem Gewinn von rund 140’000 Franken. Die Primarschulgemeinde musste einen Verlust von etwa 230’000 Franken hinnehmen, weniger als ursprünglich budgetiert.
