Eine Storchenberingung mit Hindernissen
Wie selbstverständlich watscheln zwei Enten auf der Greifenseer Strasse Im Langacher und zwingen Autofahrer zum Anhalten. Auf dem Areal, wo auch das Unternehmen Mettler-Toledo steht, fühlen sich Vögel offenbar wohl. So auch das Storchenpaar das seit Frühjahr auf der Wiese hinter der Wohnsiedlung brütet und auf einem Baum ihr Nest gebaut hat.
Jäh unterbrochen wird das geruhsame Zusammensein der Storchenfamilie, als sich ein Achtertrupp Feuerleute mitsamt Leiter nähert. Denn die beiden Jungstörche sollen beringt werden. Jetzt zeigt sich wie zerbrechlich der Familienbund der Vögel ist, die Eltern nehmen Reissaus und beobachten von einem nah gelegenen Baum, wie die Feuerwehr Greifensee die Leiter an den etwa 15 Meter hohen Baum anbringt, wo ihre Jungen im Nest liegen.
Zu kleiner Storch
Für Storchen-Rangerin Maria Rohrer ist das Verhalten der Störche keine Überraschung. «Bei Gefahr flüchten die Eltern und lassen ihre Brut allein», sagt sie. Danach krabbelt die Storchen -R angerin mit einem Seil gesichert bis zum Horst empor. Nach wenigen Minuten kommt sie zurück und zieht die blauen Handschuhe aus. «Einer ist zu klein, dem konnte ich keinen Ring anlegen.». Weil die Länge des Unterschenkelknochens des Vogels noch zu kurz sei, könne ein zu früh angebrachter Ring die Beweglichkeit des Jungstorches einschränken und den Wachstumsprozess stören.
«Es besteht die Gefahr, dass sie so ungeschützt zur Beute von Greifvögeln werden.»
Maria Rohrer, Storchen-Rangerin
Es seien die kleinsten Jungtiere, die sie in der diesjährigen Beringung in der Region angetroffen habe, sagt Rohrer. «Eigentlich müssten die Störche zwischen fünf und sieben Wochen alt sein, um sie beringen. Diese hier sind sicherlich jünger.» Es sei im Vorfeld schwierig abzuschätzen, wie alt die Brut ist. Denn dazu müsste sie von oben in den Horst schauen können, was die Vögel wiederum in ihrer Ruhe stören würde. Schlimm sei der fehlende Ring des einen Storches indes nicht. «Fliegen können sie auch ohne Ring», sagt Rohrer und lacht.
Junge stellen sich tot
Die Beringung macht die Rangerin, damit die Herkunft der Störche , Verwandtschaftsverhältnisse, Zugrouten, Rastplätze und Todesursachen erforscht und dokumentiert werden können . Die individuelle Kennzeichnung der Vögel mit einem Ring erweise Wissenschaft und Naturschutz einen Dienst. Auf dem Schwarzen Plastikring steht HES was für «Sempach Helvetia» steht und eine alphanumerische Identifikationsnummer. Die Storchen-Rangerin hat dem Jungvogel den Ring bewusst am linken Bein angelegt. «In ungeraden Jahren wird der Ring links angebracht und in geraden rechts», sagt Rohrer.
Und wie haben die Jungstörche auf den Eindringling reagiert? Gar nicht, sie stellten sich tot als Rohrer sich ihnen näherte. «Wenn sich ein potentieller Feinde nähert, stellen sich Störche in den ersten paar Lebenswochen tot. Diese sogenannte Akinese legen die Tiere später wieder ab und verteidigen sich dann im Notfall oder sind gross und alt genug um wegzufliegen », sagt Rohrer.
Stress rund ums Nest
Nachdem die Feuerwehrleute die Leiter entfernt haben und sich von dannen machen, bleiben die Storcheneltern erstmal argwöhnisch und auf Distanz. Die Storchen-Rangerin beobachtet die Tiere mit gebührendem Abstand. Ein Elternteil fliegt Richtung Nest dreht dann allerdings wieder ab. Keine ungefährliche Situation für die Jungen. «Wenn sie zu kalt bekommen, erfrieren sie. Ausserdem besteht die Gefahr, dass sie so ungeschützt zur Beute von Greifvögeln werden», sagt Rohrer. Selber erlebt habe sie so etwas aber noch nie.
Um den Bestand der Störche der Greifenseegemeinden steht es laut Rohrer gut. «Die Storchen-Population steigt.» In Fällanden, Egg und Maur niste je ein Storchenpaar und auch Dübendorf und Volketswil beheimate einige Horste. Rund um den Greifensee gebe es 35 Storchenhorste.
Dann ist es endlich soweit und einer der Störche getraut sich zurück ins Nest. Kurz darauf heben auch die Jungen wieder ihren Kopf. Ob es beim Elternteil um den Vater oder die Mutter handelt, könne nur von Auge und rein äusserlich nicht gesagt werden, sagt Rohrer. Doch letztlich sei das auch egal, weil sich beide um die Aufzucht der Jungen kümmern würden. Die Storchen-Rangerin ist zufrieden mit der Aktion. «Ein Happy End, auch wenn sich die Elternstörche mit der Rückkehr ins Nest etwas Zeit gelassen haben.»
