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Politik

Eine Geschichte von Tränen und Sex

Immer Ärger mit Meghan, grosse Aufregung um den Nachwuchs: Die britische Monarchie ringt um Contenance. Früher war sie noch würdevoll. War sie nicht?

Perfekte Inszenierung: Prinz Charles, Prinzessin Diana mit ihren Söhnen William und Harry im Jahr 1991.

Foto: Keystone

Eine Geschichte von Tränen und Sex

Die lange, fast Tausend Jahre alte Geschichte der Royals mit ihren Gewändern, Zeremonien und Schlössern lehrt vor allem eins: Manchmal kanns verdammt schnell gehen.

Eine Königin, der das Pech am Fuss klebt; ein König, dem es am nötigen Grips fehlt; eine Aufwallung im Volk – und schon sind Jahrzehnte der diplomatischen Feinarbeit dahin.

Auch deshalb bleibt dem Buckingham Palace nichts übrig, als die jüngsten Rassismusvorwürfe sehr ernst zu nehmen. Ihren Anfang nahm diese Debatte mit dem CBS-Interview von Meghan und Harry im März, Auftrieb bekam sie letzte Woche: Der «Guardian» veröffentlichte Dokumente, die eine Präferenz bei der Auswahl der Bürolisten zeigten. Farbige seien «nicht üblich», hiess es noch vor nicht allzu langer Zeit. Dass man in der britischen Kolonialzeit ganz vorne mit dabei war, macht die Sache nicht einfacher.

Zusätzlich verkompliziert wird sie durch den jüngsten royalen Nachwuchs, die letzten Freitag geborene Lilibet Diana. Sie hält die «woken» Royal-Rebellen Meghan und Harry im Gespräch.

Die Windsors sind in Turbulenzen. Einst verstanden sich die Royals als quasigöttliche Wesen, nun braut sich vielleicht gerade ihre Ende irgendwo tief unten in den Facebook-Kommentaren zusammen.

Und wenn es tatsächlich so weit käme? Dann bliebe den Britinnen und Briten immerhin noch die in verschiedensten Farben herrlich glänzende Anekdotenperlenkette, die die Königinnen und Könige über die Jahrhunderte hinweg aufgereiht haben – Geschichten, blutiger, drolliger und tragischer als jeder Roman und jede TV-Serie.

1066: Eine Portion Neunaugen, bitte

Alles beginnt mit einem glücklichen Bastard. Seine Mutter ist die Tochter eines Gerbers, sein Vater ein normannischer Herzog. 1066 landet er mit seinem Heer an Englands Küste. Zur selben Zeit zerfleischen sich der Norwegerkönig und der bisherige Herrscher Englands. Letzterer hastet William bei Hastings ins Messer, plötzlich hat der Normanne die Insel für sich. Sein Name: William I.

Die ersten Royals sind recht seltsam. Sie lieben Gerichte mit Neunaugen, aalartigen Fischen, und springen rau miteinander um. William I. wird von seinem eigenen Sohn in einem Scharmützel verletzt. Doch der Bastard überlebt, verfettet aufs Alter hin.

Der König habe zuletzt wie eine Schwangere ausgesehen, schreibt ein erster Chronist. Bei der Beerdigung sei der Sarg aufgeplatzt und die Kirche von einem üblen Gestank erfüllt worden, schildert ein zweiter. Ein dritter schliesslich stellt fest: Das Leben habe William I. fraglos besser hingekriegt als das Sterben.

Es läuft gut für Matilda, das einzige Kind von Henry I. Sie hat Anspruch auf den Thron und kann 1141 ihren gefährlichsten Rivalen wegsperren. Triumphal zieht sie in London ein. Doch dann beleidigt sie die Briten gleich doppelt: im Herzen und im Portemonnaie. Ihre Feinde behandelt sie arrogant, und von den Untertanen verlangt sie neue Steuern. Bei der nächsten Schlacht wird ihr Halbbruder gefangen genommen. Und schon ist es weg, das schöne Momentum. Matilda wird nicht die erste Queen.

1300: Ein sexy Ritter gesellt sich dazu

Im Jahr 1300 kommt Piers Gaveston an den Hof von König Edward II. Gaveston ist ein Ritter und sieht offenbar fantastisch aus. Er wird der beste Freund von Edward II. Historiker gehen von einem erotischen Verhältnis aus. Edward I. verstösst den Ritter mehrmals, aber Edward II. holt seinen Liebling immer wieder zurück.

Der Hof nervt sich: Gaveston läuft mit viel Schmuck herum und holt an einem Ritterturnier gleich mehrere Earls aus dem Sattel. Das Problem wird schliesslich auf sehr mittelalterliche Weise gelöst: Gaveston wird geköpft. Edward II. müht sich danach mit schottischen Rebellen ab (genau: «Braveheart»). Nach mehreren Niederlagen muss er als erster Royal abdanken. Über seinen Tod kursieren die grausamsten Gerüchte.

1326: «She-Wolf» greift an

Edwards Frau ist Isabella, die Prinzessin von Frankreich. Eine komplizierte Ehe: der Mann offenbar schwul, zudem elf Jahre älter. Als England in Konflikt mit Frankreich gerät, schickt Edward Isabella als Vermittlerin hin. Das ist keine gute Idee. In Paris beginnt Isabella eine Affäre mit dem Aristokraten Roger Mortimer. Mit französischer Unterstützung stellen Isabella und Roger ein Heer auf, landen 1326 an der Küste und entmachten Edward II. Gemeinsam herrschen sie fünf Jahre lang über England. Dann wird Isabella ihrerseits von ihrem Sohn entmachtet, Edward III. Ihr Liebhaber wird erst auf einer Ochsenhaut herumgeschleift und dann aufgehängt. Sie selber geht ins Kloster. In Erinnerung bleibt Isabella als kriegerische Regentin, als «She-Wolf of France».

1399: Was peinlich beginnt…

Die Krönung Henrys IV. verlief laut Chronist folgendermassen: Erst soll er einen Schuh verloren haben. Dann einen goldenen Sporn. Schliesslich sei ihm die Krone vom Kopf gerutscht. Immerhin gelingt es Henry IV., die Herrschaft seines House of Lancaster in die nächste Generation zu retten.

1453: Geburt eines unmöglichen Kindes

Dieses Kind müsse der Heilige Geist gezeugt haben, rätselte Henry VI. später. Seine Frau hat gerade einen Sohn geboren. Tatsächlich ist das Gerücht vom gehörnten König ziemlich realistisch. Denn Henry ist den Geistlichen hörig, und ein Bischof hat ihm schliesslich geraten, «not to come nigh her».

Ausserdem ist er jener König, unter dem das Stammland der Royals, die Normandie, definitiv verloren geht. Henry VI. war der Traum eines jeden Pfarrers: lammfromm und stockdumm.

Edward IV. hat die ausgeprägte Neigung, mit älteren Frauen ins Bett zu steigen. Die Frauen lockt er mit echten, heimlichen und angetäuschten Heiraten. 1464 heiratet er heimlich zum zweiten Mal, eine Witwe. Deren Söhne, Brüder und Schwester ziehen nun ebenfalls an den Hof, heiraten sich ebenfalls ein. Da kann es schon mal vorkommen, dass ein 20-Jähriger mit einer 80-Jährigen verheiratet wird.

1537: Der nackte Ehewahnsinn

Kein Royal macht ein grösseres Baby-Drama als Henry VIII. Der Tudor-König heiratet insgesamt sechsmal. Um eine Mätresse ehelichen zu können, betreibt er einen ziemlichen Aufwand. Weil der Papst seine Zustimmung verweigert, macht Henry extra die anglikanische Kirche gross. Irgendwie muss er ja an seinen Segen kommen. Die geehelichte Mätresse gebiert ihm dann allerdings auch keinen Sohn. Als man zu munkeln beginnt, es handle sich bei ihr um eine Hexe, lässt Henry sie köpfen.

Seine dritte Frau bekommt 1537 tatsächlich einen Sohn, Edward VI., stirbt aber rasch am Fieber. Henrys nächste Hochzeitsnacht mit seiner nächsten Frau verläuft unglücklich: Der König beschwert sich danach über deren Bauch und Brüste. Die Gattin berichtet ihrerseits, der König würde sie nur küssen und dann Gute Nacht sagen. Kurz darauf ehelicht Henry die nächste Mätresse. Diese ehrt offiziell zwar den alt, fett und offenbar impotent gewordenen König, vergnügt sich ansonsten allerdings lieber mit dem Kammerdiener. Als Henry davon erfährt, greift er zu einem bewährten Mittel: Er lässt die beiden köpfen.

In der sechsten Ehe regt sich Henry über die theologischen Gespräche auf, die seine Frau immer wieder anfängt. «Eine schöne Anhörung ist das, wenn Frauen solche Geistlichen werden.» Das Bündnis blieb dann aber trotzdem bis zu Henrys Tod bestehen.

1714: Ze Germans say Hello

Wie foppt man einen Engländer? Indem man ihm sagt, die Queen sei eine Deutsche. Tatsächlich erinnert der Stammbaum der Royals zuweilen an die Aufstellung des FC Bayern. Manche Könige sprachen nicht mal richtiges Englisch. Zum Beispiel George I., mit dem 1714 die Ära des House of Hanover begann. Von ihm ist folgendes Zitat überliefert: «I hate all boets and bainters.»

Die deutschen Royals haben auch ihre familiären Querelen. So bezeichnet George II. seinen erstgeborenen Sohn Frederick als «den grössten Arsch auf Erden». Dieser Frederick macht sich als Initiant eines Opernunternehmens einen Namen, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dem Komponisten Georg Friedrich Händel regelmässig die besten Sänger abzuwerben. Händels grösster Fan, muss man dazu wissen, ist Fredericks Vater George II.

1839: Die Tragödie der Lady Hastings

Auch Queen Victoria, die imposanteste aller Queens, hatte Skandale. So etwa jenen um die unverheiratete Hofdame Flora Hastings, die Anfang 1839 offensichtlich schwanger geworden ist. Besser: Man denkt, die unverheiratete Lady Hastings sei schwanger geworden. Schliesslich wölbt sich ihr Bauch. Gerüchte verbreiten sich, der Ruf der Hofdame ist ruiniert. Auch die Queen geht von einem Kind im Bauch aus, obwohl Lady Hastings ihre Schwangerschaft energisch bestreitet. Lady Hastings stirbt im März 1839 im Alter von nur 33 Jahren. Die Obduktion zeigt: Sie ist nicht schwanger gewesen. Ein Polyp hat in ihrem Bauch gewuchert.

Eigentlich entstammen die heutigen Royals ja dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha. Um 1917 muss aber dringend ein anderer Name her. Schliesslich befindet man sich gegen die Deutschen im Weltkrieg. Ein Beamter kommt auf Idee, die Monarchie ins deutlich britischer klingende «House of Windsor» umzubenennen. Die Royals finden das exzellent. Einen tieferen Grund hat die Umbenennung in House of Windsor nicht.

1936: Ein König haut ab

«Mein Vater fürchtete seine Mutter. Ich fürchtete meinen Vater. Und ich werde mich verdammt nochmal bemühen, dass sich meine Kinder von mir fürchten.» Das schreibt George V. Sein Sohn Edward VIII. hat dann allerdings andere Pläne. Als er 1936 die Macht übernehmen soll, zieht er lieber mit seiner amerikanischen Geliebten Wallis Simpson in die USA.

1940: Den Nazis getrotzt

Bis heute zehren die Royals von der Prestige-Dividende, die sie im Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Ihre wichtigste Leistung damals: die ganze Zeit über bleiben sie in London. Sie sei fast froh, bombardiert worden zu sein, sagt die zähe Queen Mum im Herbst 1940, als die deutschen Luftattacken den Höhepunkt erreichen. Es sind die rustikalsten Jahre der Royals seit langem. So lernt die spätere Elizabeth II. in dieser Zeit, Lastwagen zu fahren und Autos zu flicken.

Warum Prinzessin Diana bei einem Autounfall in Paris starb, wird bis heute diskutiert. Die einfachste Theorie geht davon aus, dass der Fahrer betrunken gewesen war. Diana wird postum zur royalen Pop-Figur: Elton John eignet ihr geschwind die Hymne «Candle in the Wind» zu, ein Erinnerungskonzert füllt das Wembley-Stadion (Duran Duran, Take That).

2021: Ein Vorwurf geht um

Da habe sie jetzt aber gerade ein paar ziemlich schockierende Dinge gesagt, sagt Oprah Winfrey im Ankündigungsvideo zu Meghan Markle. Tatsächlich wird das CBS-Interview vom 7. März zu einem Event, das die Royalisten trifft wie der Schlag. Zumal der Rassismusvorwurf wabert seither durch den Buckingham Palace.

Meghan und Harry bestreiten auch die aktuellste Episode. Indem sie ihre Tochter Lilibet Diana nennen, signalisieren sie der Welt vor allem eines: dass sie in der 1000-jährigen Seifenoper gern noch ein Weilchen mitspielen möchte.

(Autor: Linus Schöpfer)

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