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Schleichender Verkehr, Phantom-Zebrastreifen und ein Mittelfinger

Es knorzt noch da und dort, aber das von den Gegnern prophezeite Chaos ist ausgeblieben: Nach fünf Tagen scheinen sich die meisten mit Tempo 30 im Stadtzentrum Dübendorf arrangiert zu haben. Doch ganz ohne Verbesserungen wird es wohl nicht gehen.

Wie war das jetzt nochmal mit dem Rechtsvortritt? Ein Kurzzeitiges Autoknäuel beim Lindenplatz. , Die neue Tempo-30-Zone umfasst den Bereich zwischen Bahnhof und Stadthaus. , Hanspeter Schmid (links) und Marco Strebel ziehen nach fünf Tagen eine positive Zwischenbilanz., Eines der Eingangstore zur 30er-Zone im Zentrum. Hier gibt es allenfalls noch Anpassungen. , Das ist einer der Phantom-Zebrastreifen: Nicht mehr da, aber irgendwie eben doch noch vorhanden. , Die Stadt setzt auf Signalisation. Bauliche Massnahmen wolle man wenn immer möglich vermeiden, so der Stadtrat., Velofahrer müssen hier mit unliebsamen Überraschungen rechnen.

Thomas Bacher

Schleichender Verkehr, Phantom-Zebrastreifen und ein Mittelfinger

An der Kreuzung Bahnhof-/Neuhofstrasse unterhalten sich ein Fussgänger und ein Autofahrer leicht gereizt über Verkehrsregeln. Autofahrer: «Was läufst du mir direkt vors Auto, du Idiot?» Fussgänger: «Geht’s noch? Hier ist Tempo 30, ich habe Vortritt!» Der Autofahrer braust davon, der Fussgänger winkt ihm mit dem Stinkefinger hinterher.

Es ist Montagmorgen, 7.15 Uhr, Tag fünf seit der Einführung von Tempo 30 im Dübendorfer Stadtzentrum. Und eines kann man schon mal sagen: Zum «kompletten Chaos», wie es einige besonders pessimistische Gegner der Massnahme prophezeit haben, ist es nicht gekommen. Wie Ende Woche rollt der Verkehr einigermassen unspektakulär durch die Rushhour.

Ein bisschen Rumgefuchtel

Wobei es immer wieder zu temporären Verkehrskolläpschen kommt, die meistens damit zu tun haben, dass das Vortrittsrecht unterschiedlich ausgelegt wird. Dass neu Rechtsvortritt gilt, sorgt etwa auf der Kreuzung Bahnhofstrasse/Strehlgasse immer wieder für Verwirrung. Die einen haben sich noch nicht daran gewöhnt, dass sie eigentlich vom Gas sollten, während die anderen es offenbar gar nicht glauben können, dass sie nun nicht mehr endlos warten müssen.

Sobald zu viele Autofahrer mit unterschiedlichen Verkehrsregeln im Hinterkopf aufeinandertreffen, verkeilen sie sich regelrecht ineinander. Nach ein bisschen Rumgefuchtel und dem einen oder anderen Hupen löst sich der Knäuel aber jeweils schnell wieder auf.

Dann ist da noch die Sache mit den aufgehobenen Fussgängerstreifen. In einer Tempo-30-Zone sind markierte Übergänge nur erlaubt, wo ein «besonderes Bedürfnis» nachgewiesen ist, also etwa in der Nähe von Schulen oder Heimen sowie bei grossem Fussgängeraufkommen im Bereich von ÖV-Haltestellen. Wo es keine Zebrastreifen gibt, dürfen Passanten die Strasse queren, haben aber keinen Vortritt.

Die Verantwortlichen der Stadt haben daher allein im Bereich der dicht befahrenen Bahnhofstrasse drei Fussgängerstreifen entfernt, was jedoch meist deutlich weniger emotionale Folgen hat als der eingangs erwähnte Konflikt. Denn die Übergänge existieren einfach als Phantom-Fussgängerstreifen weiter. Die Passanten tun so, als gäbe es sie nach wie vor, und die Autofahrer, offenbar beeindruckt von so viel Selbstbewusstsein, fügen sich.

Gefährlich für Velofahrer?

Nichts geändert hat sich hingegen für die Velofahrer: Die meisten sind nach wie vor so unterwegs, als hätten sie grundsätzlich überall Vortritt. Das gilt zumindest für die in windschlüpfrige Funktionskleidung gequetschten Profi-Velopendler.

Wobei: So einfach ist es dann auch wieder nicht. So kritisiert ein Leserbriefschreiber, dass die Velofahrer wegen der in die Fahrbahn ragenden Eingangstore zur 30er-Zone einen gefährlichen Schwenker vollführen müssten. Und gegenüber dem Eingang zum City Center schnitten die Autofahrer den Velofahrern wegen einer solchen Verbauung regelrecht den Weg ab.

10.30 Uhr, Ortstermin auf dem Lindenplatz mit Sicherheitsvorstand Hanspeter Schmid (BDP) und Marco Strebel, dem Leiter der Abteilung Sicherheit. Schmid blickt auf den vorbeischleichenden Verkehr und nickt zufrieden: «Es ist spürbar ruhiger geworden, auch in den Hauptverkehrszeiten», sagt er. «Das dauernde Stop-and-Go gehört der Vergangenheit an, die ganze Situation wurde entschleunigt.»

Zur Beruhigung des Zentrums seien auch Strassensperrungen oder ein grossräumiges Einbahnregime zur Debatte gestanden, verweist Schmid auf einen Bericht von externen Verkehrsplanern. Diese Massnahme wäre jedoch mit Nachteilen für Anwohner und das Gewerbe verbunden gewesen. «Von einer Temporeduktion profitieren am Ende aber alle Verkehrsteilnehmer.»

Strebel zieht ebenfalls ein positives erstes Fazit. Gleichzeitig räumt er ein, dass noch nicht alles reibungslos laufe. «Die meisten Probleme werden aber verschwinden, sobald sich die Leute an das neue Verkehrsregime gewöhnt haben.»

«Bleibt das so?»

Jetzt steuert ein Dübendorfer Geschäftsmann sein Sportwagen-Cabriolet an den Strassenrand. «Bleibt das so mit den Fussgängerstreifen?», ruft er Strebel entgegen. Dieser beginnt die Idee hinter dem Ganzen zu erläutern. Man merkt es schnell: Das ist nicht das erste Mal, dass die beiden diese Unterhaltung führen. Kurz darauf bemerkt ein Passant, dass hier auf dem Lindenplatz ein paar «Verantwortliche» herumstehen. Auch er schimpft darüber, wie «unhaltbar» die Situation durch die entfernten Fussgängerstreifen geworden sei. Strebel beginnt noch einmal mit seinen Erklärungen.

Schmid sagt: «Der Stadtrat hat immer betont, dass er Nachbesserungen gegenüber offen ist.» Auch Strebel, der die Diskussion mit dem Passanten wieder beendet hat, verspricht: Man werde die Sache sicher wieder anschauen und bei Bedarf – und nach Rücksprache mit dem Kanton – optimieren. Das könne die Signalisation betreffen, ebenso wie die Positionierung einzelner Eingangstore und sogar die Fussgängerstreifen.

Der Kanton wird nachmessen

Auch der Kanton als oberste Stimme in Sachen Verkehr wird die neue 30er-Zone im Auge behalten und im Sommer kommenden Jahres Geschwindigkeitsmessungen durchführen. Falls sich dann ein gewisser Prozentsatz der Verkehrsteilnehmer nicht an Tempo 30 hält, muss die Stadt nachbessern.

Kommt nun also die von den Gegnern vorausgesagte Bussenflut? Schmid und Strebel winken ab. Erst einmal sei eine Plakatkampagne geplant. Des Weiteren wolle man die Verkehrsteilnehmer mit einem neuen Speedy, einer portablen Geschwindigkeitsanzeige, sensibilisieren. Strebel: «Falls sich dennoch zeigen sollte, dass die Leute zu schnell fahren, muss dann halt auch mal der Blitzer zum Einsatz kommen.»

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