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Wenn der Gummiwurm zum Tod führt

Tiere sind oft die Opfer von Plastik, der vermehrt in die Umwelt gerät. Auch bei Störchen wurde das Problem mittlerweile festgestellt. Die Eltern verwechseln oft Gummibänder mit Würmern, die sie ihren Jungen verfüttern – mit verheerenden Folgen.

Als tierische Allesfresser landet auch vermehrt Abfall auf dem Speisezettel der Störche. , In den Mägen der Tiere wurden vor allem viele Gummibänder gefunden, welche wohl mit Würmern verwechselt wurden. , Storchen-Rangerin Maria Rohrer kennt das Problem. , Genau wie Stephie Burkart, stv. Leiterin des Naturzentrums Pfäffikersee (links), warnt sie vor den Folgen. , Ein Müllmonitoring soll genauer Aufschluss über die Gefahr von Abfall auf die Storchpopulation geben., Derweil dürften diese Tage die Jungen der Störche aus der Region schlüpfen. , Auch das Wetter der nächsten Wochen wird eine grosse Rolle für die Überlebenschancen der Kleinen sein.

Archivfoto: Christian Merz

Wenn der Gummiwurm zum Tod führt

Tiere, die aufgrund von Plastik in ihren Mägen oder um ihre Körper gewickelt tragisch verenden, verbindet man primär mit den Weltmeeren. Manch einer dürfte noch an die Plakate entlang von Kuhweiden denken, auf denen Autofahrer und Spaziergänger angehalten werden, ihren Abfall nicht einfach auf die Wiesen zu werfen. Doch das Problem von Plastik in der Umwelt hinterlässt auch in luftiger Höhe Spuren.

Die Stiftung Birdlife Schweiz schlägt Alarm: Viele Jungstörche verenden, da ihnen ihre Eltern Plastikteile zum Verzehr auftischen. Die erwachsenen Tiere verwechseln offenbar Dichtungsringe, Schnüre und Gummibänder mit Würmern.

Verhungern mit vollem Magen

«Störche sind tierische Allesfresser», sagt Stephie Burkart, stellvertretende Leiterin des Naturzentrum Pfäffikersee. «Was in den Schnabel passt, wird verspeist.» Hauptbestandteil ihrer Nahrung seien jedoch tierische Produkte wie Frösche, Mäuse – oder eben Würmer für die Kleinen.

Die Storcheneltern fressen zuerst alles selber. Zurück im Nest würgen sie die Masse wieder hervor und die Storchenbabys stürzen sich für gewöhnlich auf das Menü. Zwar wird ein Teil des Abfalls – Plastik, Knochen oder Haare – in Form von Speiballen ausgeworfen, ein grosser Teil verbleibt aber im Magen, wie auf der Website von Birdlife Schweiz zu lesen ist.

Dies wurde unter anderem in einer Studie in Spanien untersucht, wo Störche auf der Durchreise zu ihren Sommerquartieren häufig auf Mülldeponien ihre Nahrung suchen. Das Ergebnis: 63 Prozent der Vögel im ersten Lebensjahr und 35 Prozent der Altstörche hatten Plastik im Magen. Diese Plastikteile füllen die Bäuche der Tiere stetig weiter an, bis die Störche mit vollem Bauch verhungern.

Plastik wird jedoch nicht nur verfüttert, sondern oft auch als Nistmaterial gebraucht. «Je dichter ein Nest, desto grösser das Problem, dass sich das Regenwasser darin staut», sagt Zentrumsleiterin Stephie Burkart. Zwar würden die erwachsenen Tiere den Horst immer wieder etwas auflockern. «Doch befindet sich zu viel Plastik im Nest, wird das Geflecht wie zubetoniert und es kann ein kleines Schwimmbecken entstehen.»

Kälteperioden als Gefahr für Jungtiere

Bis ins Alter von rund sechs Wochen sind Jungstörche extrem empfindlich, was Temperatur und Feuchtigkeit angeht. Längere, nasse Kälteperioden bedeuten darum oft den Tod für den Nachwuchs. Für adulte Tiere sind wiederum Kollisionen und Stromschläge an Freileitungen die häufigsten Todesursachen in der Schweiz. «Durch die grosse Flügelspannweite kann bei ungünstig konstruierten Freileitungsmasten ein Kurzschluss ausgelöst werden», wie Maria Rohrer, Storchen-Rangerin der Greifensee-Stiftung, ausführt. «Die Tiere sterben dann an einem Stromschlag.»

«In unserer Region ist die Menge an Abfall, der offen herumliegt, bestimmt massiv kleiner – gerade wegen unseren grossen Naturschutzgebieten», sagt Stephie Burkart. «Aber trotzdem staunen wir bei der jährlichen Seeputzete immer wieder, wie viele Fremdstoffe wir dann doch einsammeln.»

«Untersuchungen zeigen, dass in städtischen Gebieten oft mehr Plastik verfüttert wird als in ländlichen Gebieten.»

Maria Rohrer, Storchen-Rangerin

Genau wie bei den Meerestieren ist für Vögel nicht nur der Plastik im Magen, sondern auch ausserhalb des Körpers ein Problem. Besonders Schnüre oder Fäden bergen eine grosse Gefahr, da sich die Tiere darin verheddern können. Gerade Wasservögel werden oft Opfer von zurückgelassenen Angelschnüren, deren Haken zusätzlich zu Verletzungen führen können.

Maria Rohrer kennt das Problem. «Untersuchungen zeigen, dass in städtischen Gebieten oft mehr Plastik verfüttert wird als in ländlichen Gebieten», sagt sie. Für die Greifensee-Region liegen bis jetzt noch keine Ergebnisse vor. In diesem Jahr startet allerdings das Müllmonitoring. «Das gemeinsame Projekt von der Gesellschaft Storch Schweiz und der Schweizerischen Vogelwarte Sempach wird Aufschluss darüber geben.»

«Opfer unserer Wegwerfgesellschaft»

Seit diesem Jahr sind die Teams, welche die Jungstörche beringen, darum dazu angehalten, tot aufgefundene Jungstörche an die Vogelwarte Sempach zu übermitteln. «Ihr Mageninhalt wird dann fachmännisch untersucht», so Rohrer. Mit dem Müllmonitoring an den Horsten soll zusätzlich herausgefunden werden, wie viel und welcher Müll als Futter in die Horste getragen wird. «Ein sorg- und gedankenloser Umgang mit Abfall kann schwere Folgen für viele Tiere haben. Sie werden zum Opfer unserer Wegwerfgesellschaft und unseres Wohlstandes.»

Mit dem Müllmonitoring sollen zudem schweizweit Brutstandorte entdeckt werden, die besonders schwer von der Müllproblematik betroffen sind. Weiter soll geklärt werden, inwieweit die Jungensterblichkeit vom Plastik verursacht wird.

An gewissen Standorten in der Schweiz sind bereits erste Jungtiere geschlüpft, so die Storchen-Rangerin. Jeweils drei bis fünf Eier werden durch beide Elternteile bebrütet. «In der Greifensee-Region schlüpfen die jungen Störche oft Ende April oder Anfang Mai, also in diesen Tagen», sagt Rohrer.

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