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«Für das Genre der Seemannslieder sind neue Chancen entstanden»

Über die sozialen Medien segelte das Walfanglied vom «Wellerman» deutlich schneller um die Erde als die Seefahrer, die es ursprünglich sangen. Shanty-Sänger Beat Reichen aus Hittnau freut sich über den Trend.

Beat Reichen (vorne) ist Mitglied bei den Shanty Men - ein Chor aus Stäfa, der sich Seemannsliedern verschrieben hat., Der Schotte Nathan Evans landete mit dem Seemannslied «Wellerman» auf Tiktok einen viralen Hit., Die Shanty Men erhielten unter anderem aufgrund dieses Trends neue Mitgliederanfragen., Dass die Seemannslieder durch den Wellerman neue Bekanntheit erlangt haben, erfreut Beat Reichen (links).

PD

«Für das Genre der Seemannslieder sind neue Chancen entstanden»

«Es war einmal ein Schiff, das in See stach. Der Name des Schiffs war Billy of Tea.» Mit dieser Zeile beginnt das inzwischen weltberühmte Seemannslied oder «Shanty» «Wellerman». Ein Postbote aus Schottland namens Nathan Evans stellte Ende Dezember 2020 ein Video auf das soziale Netzwerk Tiktok, in welchem er das alte Walfanglied singt. Der Clip kaperte das Internet und wurde zum viralen Hit.

Tausende Nutzer folgten Nathan Evans Beispiel und stellten eigene Versionen ins Netz. Diese wurden zu gigantischen Ensembles zusammengeschnitten. Die Künstler liehen hierfür nicht nur ihre Stimmen – sie spielten auch auf Instrumenten, tanzten oder machten einen Remix aus dem Seemannslied. Der Erfolg brachte Nathan Evans den ersten Platz in den britischen Charts und einen Plattenvertrag ein. Aber was bedeutet er für die Shantys?

Neue Chancen für die Seemannslieder

Shanty-Sänger und Seefahrt-Experte Beat Reichen aus Hittnau findet diese Entwicklung «fantastisch». «Für das Genre der Seemannslieder sind dadurch neue Chancen entstanden. Unsere Leidenschaft wurde insbesondere den jungen Generationen nähergebracht.» Der Hobbysänger ist Mitglied der Shanty Men in Stäfa – ein Chor, der sich Seemannsliedern verschrieben hat. «Tatsächlich haben wir einige Mitgliederanfragen erhalten, die auch auf den Wellerman-Hype zurückzuführen sind.» Darüber sei man sehr froh, weil die stetige Mitgliederwerbung für jeden Chor wichtig sei.

«Das Singen ist eine Massage für die Seele. Man fühlt sich innerlich butterweich danach»

Beat Reichen, Shanty-Sänger

Bleibt noch die Frage, warum ausgerechnet ein Shanty in diesem Jahr aufblüht? Ihr Erfolg beruht laut Beat Reichen auf der Einfachheit von Melodie und Text. Die Melodie der Shantys sei eingängig und der Text wiederhole sich häufig. «Dabei singt der sogenannte Shantyman vor und die Crew antwortet, was das Mitsingen für Jedermann einfach macht.»

Beat Reichen glaubt, dass dieser Trend in Zeiten der Corona-Pandemie die Sehnsucht der Leute ausdrückt, etwas zusammen zu unternehmen. «Das Singen ist eine Massage für die Seele. Man fühlt sich innerlich butterweich danach», sagt der Tenorsänger. Ausserdem hätten all die Musiktalente während der Corona-Pandemie mehr Zeit und Lust gehabt, sich am Shanty zu versuchen.

Vom wehmütigen Arbeitslied zum modernen Chor-Song

Shantys waren ursprünglich Arbeitslieder der Seefahrer. Sie sollten einerseits die harte körperliche Arbeit der Crew unterstützen, indem sie rhythmisch die Bewegungsabläufe im Team koordinierten. Andererseits wurde nach getaner Arbeit zusammengesessen und musiziert.

Inhaltlich wurde über das Leben auf See gesungen, über die Arbeiten geklagt oder dem Heimweh Ausdruck verliehen. Die Freizeitlieder waren fröhlich und nicht selten vulgär. Im Wellerman-Shanty geht es um ein Wahlfangschiff, welches auf den sogenannten Wellerman wartet – ein Versorgungsschiff, das Proviant sowie die Post liefert. «Diese Sehnsucht nach etwas, was ein Stück Normalität in die Einsamkeit bringen könnte, dürfte vielen Menschen währen der Corona-Pandemie aus der Seele sprechen», sagt  Beat Reichen.

«Ich habe meine zukünftige Frau kennengelernt. Und bin nicht gefahren.»

Beat Reichen, wollte einst Matrose werden

Der 63-Jährige wäre als junger Mann beinahe selbst zur See gefahren. Als Kind verschlang er alle Bücher zum Thema Schifffahrt. Mit 16 Jahren sah er in Kopenhagen seinen ersten Segler aus der Nähe. Da beschloss er: «Ich werde Matrose.» Alles war bereit. Eine Reederei in Basel hatte Beat Reichen auf einer Hochseeflotte angemeldet – er wartete nur noch auf die Ankunft des Schiffs. Und dann kam, wie in jeder guten Geschichte, die Liebe. «Ich habe meine zukünftige Frau kennengelernt. Und bin nicht gefahren.» Beat Reichen hat diese Entscheidung noch keinen Tag bereut. Heute ist er 36 Jahre verheiratet und war viele Jahre lang für ein Finanzunternehmen tätig, wo er seine Reiselust stillen konnte.

Ganz losgelassen hat Beat Reichen die Schifffahrt nie. Er fuhr Jahre später doch noch als Matrose auf einem Grosssegler zehn Tage lang zur See. «Das war ein tolles Erlebnis!» Nach seiner Pensionierung packte ihn das Fieber erneut und er wurde 2016 Mitglied bei den Shanty Men. «Meine Leidenschaft für die Seefahrerei war schon immer da. Das Thema hat mich gefangen.»

«Ich freue mich riesig darüber, dass Nathan Evans als junger Mensch ausgerechnet ein Shanty gesungen hat.»

Beat Reichen, Shanty-Experte

Die Shanty Men wollen den Wellerman in ihr Ensemble aufnehmen. Die sozialen Medien werden sie damit aber vorerst nicht erobern, sagt Beat Reichen. «Die technischen Anforderungen für einen guten Zusammenschnitt, wie er gerade auf den sozialen Medien kursiert, sind extrem hoch.» Wenn allerdings die jüngeren Generationen mit ihren Social Media-Kenntnissen Einzug in den Chor nehmen würden, wäre vieles möglich.

Natürlich klängen auch nicht alle Versionen auf den sozialen Medien wie das Original, das früher auf den Schiffen gesungen wurde. «Dennoch ist das tolle Musik. Aus dem Shanty wurde etwas Neues gemacht, was die Leute begeistert», freut sich Beat Reichen. «Wenn ich Nathan Evans einmal zufällig treffen sollte, würde ich ihm gratulieren und sagen: Ich freue mich riesig darüber, dass du als junger Mensch ausgerechnet ein Shanty gesungen hast.»

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