Die Gemeinde der Einbäume
Die grosse Einbaumregatta wird einer der Höhepunkte des diesjährigen Pfahlbauerjahres sein. Am 11. September werden sich bei der Schifflände Niederuster zunächst internationale Archäologieteams messen, ehe am Nachmittag Hobbygruppen im Greifensee um die Wette paddeln können.
Einen See weiter oben muss es vor rund 5700 Jahren auch schon einigen Schiffsverkehr gegeben haben. Ob die Pfahlbauer auf dem Pfäffikersee damals bereits Wettkämpfe veranstaltet haben, muss offen bleiben. Was wir wissen, ist, dass diese aus einem Stamm gehauenen Boote für Transporte oder fürs Fischen verwendet worden sind.
Fünf Stämme gefunden
An beiden Seen sind in den vergangenen 150 Jahren schon einige Überreste von solchen Einbäumen aus dem Schlick oder der Erde geborgen worden. Besonders zahlreich sind die Funde allerdings auf dem Boden der Gemeinde Seegräben gewesen. In seiner 1973 erschienen Seegräbner Chronik berichtet der Autor Edwin Messikommer, dass hier alleine seit 1898 fünf Exemplare geborgen worden sind.
Messikommer muss es wissen, schliesslich war er im September 1957 bei der Hebung des bisher letzten Boots selbst dabei und hat als Seegräbner Ortskorrespondent für den damaligen « Freisinnigen » , den heutigen « Zürcher Oberländer » , einen Bericht verfasst. Und der bekannte Botaniker liess es sich nicht nehmen, « die Holzart des fossilen Fahrzeuges » gleich selbst zu ermitteln. Wie beim letzten Fund 1943 kam er auch jetzt zum Schluss, dass ein Eschenstamm für den Einbaum verwendet worden war.
Zwei Messikommer-Brüder
Nicht ganz so sorgfältig wie er waren nach Meinung von Edwin Messikommer die Entdecker des Einbaums vorgegangen. « Leider wurde bei dem jetzigen Nachweis anlässlich der Grabarbeiten der grösste Teil des sonst noch gut erhaltenen Wasserfahrzeuges zerstückelt und an die Luft emporgeschafft, so dass zurzeit nur noch die beiden Enden im Boden stecken blieben. » Das rund vier bis fünf Meter lange Boot war aus einem Stück gefertigt und hatte eine Breite von 73 Zentimetern. Die Wände waren gerade einmal 12 Zentimeter hoch. Gefunden worden war der Einbaum wie schon die meisten anderen in der Nähe der Messikommer-Eiche.
Seit 1927 ist dieser Ort nach dem Pfahlbau-Forscher Jakob Messikommer benannt, dessen Grabstein sich seit der Aufhebung des Friedhofs Guldisloo neben dem markanten Baum befindet.
Und wie könnte es anders sein: Auch der Finder des Einbaums im Jahre 1957 trägt den Namen Messikommer: Es war Ernst Messikommer, über den Stammvater der Seegräbner Linie im 16. Jahrhundert weit entfernt mit dem erfolgreichen Amateur-Archäologen verwandt – und Bruder des Algenforschers Edwin Messikommer. Der Landwirt und Bezirksrat war zufällig beim Torfstechen in etwa 50 Zentimeter Tiefe auf das grosse Holzstück gestossen. Anders als im Bericht von Edwin Messikommer am 4. September 1957 heisst es im bebilderten Beitrag, der im Dezember 1957 im « Heimatspiegel » erschien, dass der Landwirt Messikommer darauf « die Arbeit mit so viel Sorgfalt fort(setzte), dass er schliesslich das Fundstück freilegen konnte, worauf man das Landesmuseum zur wissenschaftlichen Registrierung informierte, das dann auch durch einen Fachbeamten die erforderlichen Untersuchungen vornahm. »
Eine Siedlung vermutet
Bisher sind am Pfäffikersee auf Wetziker Boden zwei und auf Pfäffiker Terrain fünf jungsteinzeitliche Seeufersiedlungen nachgewiesen. Für Seegräben gibt es noch keinen Beleg. Der Archäologe Kurt Altorfer, Leiter der archäologischen Sammlungen des Kantons Zürich, kommt im vor zwei Jahren erschienenen Seegräbner Jubiläumsbuch jedoch zum Schluss, dass im Ofenriet die Reste einer bislang unentdeckten Pfahlbauersiedlung liegen dürften. « Die auffallende Fundhäufung bei der Messikommer-Eiche » – dazu gehören auch fast zwei Dutzend Stein- sowie zwei Silexgeräte – ist für ihn ein klares Indiz.
Alt und Neu im Wappen
Fast so schwierig wie die Pfahlbauer-Spurensuche ist jene nach der Antwort, wie es der silberne Einbaum aufs Wappen von Seegräben schaffte. So viel ist klar: Der obere Teil mit dem flachen Kahn ist viel jüngeren Datums als der untere. Jener geht nämlich auf die « Edlen von Aathal » zurück und ist bereits in Edlinbachs Wappenbuch von 1488 überliefert. Das Vollwappen zeigte unten fünf in blau und gold – nicht gelb! – gehaltene Spickel und oben einen Stern auf rotem Grund. Dieser wurde 1931 durch den silbernen Einbaum verdrängt. Seit jenem Jahr hat Seegräben wie so viele andere Zürcher Gemeinden erst ein offizielles Wappen.
Zuvor verfügten die Seegräbner im Dorf oben ein gegen Ende des 19. Jahrhunderts kreiertes Wappen. Sie verwendeten es allerdings kaum, stellte die kantonale Wappenkommission 1930 fest, als sie es überprüfte. Der Einbaum, mit dem unter anderem die 1865 ersetzte Feuerspritze und die dazugehörenden Feuerkübel verziert waren, gab nicht viel her. Das Schildbild füllte der Kahn nur ungenügend aus, sodass er schon aus geringer Distanz nicht mehr zu erkennen gewesen sei.
Der Einbaum dürfte schon vor der Ausgrabung des ersten Boots auf Seegräbner Boden am 22. August 1899 als Ortsemblem gedient haben. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Referenz an den weltweit bekannten Ortsbürger Jakob Messikommer, der ab 1858 die Pfahlbausiedlung im nahen Robenhauser Riet erforschte, die heute zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Dabei zog er auch Einbäume aus dem Torfgrund, darunter auch das erste Seegräbner Exemplar.
