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Corona sorgt für mehr leere Betten in Oberländer Heimen

Das Coronajahr 2020 ist für die Oberländer Alters- und Pflegeheime nicht nur emotional sehr belastend gewesen, sondern hat vielerorts auch tiefe Spuren in der Kasse hinterlassen. Senioren zögern ihren Eintritt hinaus.

Die Ustermer Heime - im Bild das «​​​​​​​Im Grund» - verzeichnen im 2020 tiefere Belegungszahlen. Schuld ist das Virus., Ein Bild aus den Anfangszeiten der Pandemie: Das Grüninger Altersheim wird Ende März 2020 fast hermetisch abgesperrt., Daniel Bachmann, Leiter des Pfäffiker Alterszentrums Sophie Guyer, rechnet bis im Sommer mit einer Normalisierung des Betriebes., Das Zentrum Spiegel in Rikon kam glimpflich durchs 2020 und kann mit schwarzen Zahlen abschliessen. Zur Zeit ist es voll belegt., Keine Besuche mehr möglich: Das Alterswohnheim Am Wildbach in Wetzikon schliesst im März 2020 die Türen., Felix Graf, Leiter des Altersheimes Blumenau in Bauma, ist froh, dass das Virus nicht ins Haus gelangt ist., Im Zentrum Breitenhof in Rüti kosten die zusätzlichen Massnahmen wegen Corona rund 150'000 Franken. , Das Alters- und Pflegeheim Schätti in Hinwil gehört zu den rund 30 Institutionen in der Region., Martin Summerauer, Gesamtleiter der Heime Uster, meint, dass das Image von Heimen wegen Corona grundsätzlich gelitten habe. , Das Alters- und Pflegeheim Grüneck in der Gossauer Aussenwacht Ottikon spürt eine Zurückhaltung bei den Neueintritten., «Drei-Tannen»-Leiter Hubert Rüegg (zweiter von rechts) - hier im 2015 mit dem Neubaumodell - rechnet mit einem grossen Defizit. , Das im Oktober 2018 neu eröffnete Oase in Effretikon verzeichnete auch im 2020 eine Auslastung von 97 Prozent., Das Haus Geeren in Fischenthal war im 2020 zwar weniger stark belegt, doch finanziell hat es keinen Verlust erlitten.

Foto: Seraina Boner

Corona sorgt für mehr leere Betten in Oberländer Heimen

Rund 55 Prozent aller Corona-Todesfälle im Kanton Zürich haben im letzten Jahr Bewohnerinnen und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen betroffen. Gespürt haben dies auch Institutionen in der Region. Eine Umfrage bei den rund 30 Heimen in der Region – 22 haben eine Rückmeldung gegeben – zeigt allerdings, dass sie sehr unterschiedlich tangiert wurden.

Ein Drittel vom Virus verschont

Sieben Häuser blieben vom Virus ganz verschont. Bei anderen bewegten sich trotz Virus-Erkrankten die Todesfälle im Rahmen der Vorjahre. Nur wenige Heime verzeichneten mehr Sterbefälle. Dazu gehört etwa das Pfäffiker Zentrum « Sophie Guyer » , das über 74 Einzelzimmer und eine Wohngruppe mit 10 Plätzen verfügt. « Im Vergleich zum normalen Heimbetrieb mit 20 bis 25 Todesfällen pro Jahr verzeichneten wir wenig mehr Todesfälle im Jahr 2020. Anders als in den Vorjahren hatten wir aber etwa 20 Kurzaufenthalte aus Spitälern, welche wir für die Palliativphase oder zur Übergangspflege aufnahmen. 11 dieser Patientinnen und Patienten verstarben wie erwartet nach kurzer Zeit. Die Belastung für das Personal der Pflege-, Hotellerie- und der Verwaltung stieg dadurch sehr » , erklärt Geschäftsleiter Daniel Bachmann.

« Spitäler haben Coronapatienten rasch wieder entlassen und sie in die Heime zum Auskurieren geschickt. »
Silvia Rotondi, « Grüneck »-Geschäftsleiterin

Die Verlagerung aus den Spitälern hat auch das « Grüneck »  in der Gossauer Aussenwacht Ottikon, das über 34 Betten verfügt, zu spüren bekommen. Noch vor der zweiten Welle sind dort fast ein Drittel der Bewohner verstorben. Die freien Kapazitäten sind darauf für Kurzaufenthalter genutzt worden, wie Geschäftsleiterin Silvia Rotondi festhält. « Spitäler haben Coronapatienten rasch wieder entlassen und sie in die Heime zum Auskurieren geschickt. »

Immer kürzere Aufenthaltsdauer

Dass die vielen Corona-Todesfälle sich kaum sichtbar in den einzelnen Heimstatistiken niederschlagen, hängt mit der hohen Fluktuation zusammen. Wie Hubert Rüegg, Geschäftsleiter des Walder « Drei Tannen »  mit einem Pflegezentrum und einem Altersheim und total 120 Betten, ausführt, liege die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei einem halben bis eineinhalb Jahren. « Wir verzeichnen jährlich etwa 60 bis 80 Austritte – Todesfälle und Verlegungen in Spitäler oder andere Institutionen. »  

Matthias Mäder, Leiter des Rütner Zentrums Breitenhof, weist denn auch darauf hin, dass die Todesfälle seit Jahren anstiegen und in gleicher Konstanz die Aufenthaltsdauer sinke, « da der Eintritt in eine Altersinstitution in immer höherem Alter stattfindet. »  Zudem nehme der Aufenthalt in Altersinstitutionen zur Sterbebegleitung, zum Beispiel von Krebspatienten, zu.

Deutlich weniger Neueintritte

Was die Heime im Zusammenhang mit der Pandemie viel stärker zu spüren bekommen haben, ist die Zurückhaltung bei den Eintritten: « Es treten nur noch Senioren ein, welche wirklich kommen müssen, weil es zu Hause nicht mehr geht. Auch bei der Akut- und Übergangspflege stellen wir fest, dass die Bewohner baldmöglichst wieder nach Hause gehen, teilweise vor Ablauf der geplanten Aufenthaltsdauer. Zudem werden die entsprechenden Verträge kaum mehr verlängert, im Gegensatz zu früher. Die Leute haben Angst, eingesperrt zu werden, sich anzustecken und vor einem Besuchsverbot » , bringt es der Effretiker Heimleiter Christoph Bächtold auf den Punkt.

« Die Angst vor dem Pflegeheim ist spürbar. »
Elisabeth Villiger, Leiterin Oase-Gruppe

Und Elisabeth Villiger, Leiterin der Oase-Gruppe mit Seniorenzentren in Wetzikon, Oetwil und Effretikon, ergänzt:  « Die Angst vor dem Pflegeheim ist spürbar. Die Angst vor Besuchsverboten, Isolation in den Zimmern und Freiheitseinschränkungen ist grösser als die Angst vor einer Ansteckung. »

« Viele Menschen zogen es vor, sich zuhause von der Spitex pflegen zu lassen, soweit der gesundheitliche Zustand dies zuliess. Heimeintritte erfolgten mehrheitlich nur auf ausdrückliche Empfehlung der Angehörigen, Spitex, Spitäler, Kliniken oder Hausärzte » , meint Stephan Mäder, Leiter des Alters- und Pflegeheims Tabor in Wald.

Jedes zweite Heim mit Rückgang

Dieses Zögern schlägt sich in den Belegungszahlen der Heime im 2020 nieder. Die Hälfte der Heime in der Region verzeichnet einen leichten bis starken Rückgang gegenüber den Vorjahren. Das bedeutet zwei bis sechs Prozentpunkte weniger. Und dann gibt es noch die beiden Spezialfälle Geratrium Pfäffikon und das Walder « Drei Tannen » . Geratrium-Direktor Enrico Caruso erklärt:   « Im 2020 liegt die Belegung insgesamt rund 9 Prozentpunkte tiefer als budgetiert. Das liegt daran, dass im Rahmen der Realisierung des Projektes ‹ geratriumPLUS ›  im Jahre 2020 eine Steigerung von 80 auf 120 Pflegeplätze beziehungsweise von vier auf sechs Pflegeabteilungen vorgesehen war und diese aufgrund von Corona nur teilweise ausgelastet werden konnten. »

Und die dürftige Belegung von rund 80 Prozent, etwa 10 Prozentpunkte weniger als in den Vorjahren, führt « Drei-Tannen » -Leiter Rüegg neben der Corona-bedingten Zurückhaltung bei den Eintritten darauf zurück, dass viele nicht mehr in die alten Gebäude, sondern direkt in den Neubau einziehen wollen. « Eigentlich wollten wir die neuen Räumlichkeiten schon im letzten Jahr beziehen, doch es gab immer wieder bauliche Verzögerungen » , hält Rüegg fest. Nun ist der Umzug auf Juni terminiert. « Wir haben eine relativ lange Warteliste. »  Die Verzögerung kommt das Heim teuer zu stehen. « Jeder Monat bedeutet wegen der tiefen Belegung rund 250‘000 Franken weniger Einnahmen. »

Rote Zahlen in der ganzen Region

Die geringere Auslastung heisst für viele Heime, dass sie fürs 2020 mit roten Zahlen rechnen müssen. Dies auch, weil noch Mehrausgaben für Coronaschutzmassnahmen sowie zusätzliche Personaleinsätze hinzukommen und Ertragsausfälle wegen geschlossener Restaurants oder Seminarräumen verkraftet werden müssen, Zum Teil kann das Defizit aus dem Eigenkapital gedeckt werden. Zum Teil müssen aber auch die Gemeinden geradestehen.

« Die Budgetabweichung für 2020 beträgt rund 1,43 Millionen Franken. Davon können rund 1,24 Millionen ganz direkt Corona zugeschrieben werden. Das Ergebnis ist deutlich schlechter als in den Vorjahren. Wegen der tieferen Bettenauslastung fallen jedoch auch die Beiträge, welche die Stadt an die Pflegekosten im stationären Bereich zahlt, um 1,2 Millionen tiefer aus » , veranschaulicht Martin Summerauer, Gesamtleiter der Heime Uster, zu denen das Dietenrain und das Im Grund gehören.

« Es fehlen uns die Einnahmen für den Tagestreff. »  
Bruno Kleeb,
« Böndler »- Heimleiter

Bei rund einer Million Franken liegt der Verlust beim Zentrum Rämismühle, das über 200 Menschen im Pflegeheim und in 30 Mietwohnungen Platz bietet. Der Betrag muss aus dem Vermögen des privaten, gemeinnützigen Vereins gedeckt werden. Neben den Auswirkungen von Corona und den Schutzmassnahmen – der Seminar- und Hotelbetrieb des Zentrums verzeichnet einen Umsatzeinbruch von über 90 Prozent –  ortet Geschäftsführer Markus Schaaf auch den Strukturwandel als Ursache. Dazu gehört etwa, dass vermehrt nur noch Einzelzimmer gefragt seien, im Kanton immer mehr Pflegeplätze entstünden und generell mehr Spitex statt Heim gewünscht werde.

Auf immerhin noch rund 300‘000 Franken dürfte sich das Minus im Baumer « Böndler »  belaufen. « Es fehlen uns die Einnahmen für den Tagestreff in der Höhe von 120’000 Franken. Dieser konnte aufgrund der Coronamassnahmen bis heute nicht eröffnet werden. Das dafür angestellte Personal wurde für mehr Aktivierung besonders während dem Lockdown eingesetzt. Die Belegung im ersten halben Jahr war unterdurchschnittlich tief, was zu weiteren Einnahmeneinbussen führte. Dazu kommen noch rund 100’000 Franken Mehrkosten aufgrund der Coronamassnahmen » , sagt Heimleiter Bruno Kleeb.

«Loogarten» dank Neuausrichtung in schwarzen Zahlen

Es gibt in der Region etwa mit dem Loogarten in Esslingen auch Heime, die im vergangenen Jahr finanziell erfolgreich operierten: « Ab Mitte 2018 bis Ende 2020 hatten wir eine sehr hohe Auslastung. Dies ist zurückzuführen auf eine strategische Neuausrichtung mit der Aufnahme von polymorbiden, postakuten und palliativen  Bewohnenden. Nach 2018, welches wie die Vorjahre noch ein Defizit auswies, zeigten sich die Jahre 2019 sowie 2020 auch in finanzieller Hinsicht als äusserst erfolgreich » , hält Geschäftsführer Gregor Frei fest.

Ausbau im Geratrium verschoben

Als Reaktion auf die tiefere Belegung wurden in einzelnen Häusern nicht mehr alle frei gewordenen Stellen wieder besetzt. Im Pfäffiker Geratrium wurde der geplante Ausbau hinausgezögert. So wurde die Eröffnung der sechsten Pflegeabteilung auf diesen Februar verschoben.

« Die Massnahmen, um die finanzielle Schieflage, in die die Heime Uster geraten sind, zu korrigieren, werden zurzeit diskutiert. »
Martin Summerauer, Gesamtleiter Heime Uster

Und die Heime Uster haben zu Beginn der zweiten Welle ihre Dienstleistungen zunächst erweitert und im Pflegezentrum Dietenrain innert weniger Tage eine Covid-Abteilung aufgebaut, um das Spital Uster zu entlasten. Da dieser Bedarf aber nicht mehr existiert, wurde dieser wieder geschlossen ist. Zum Defizit meint Summerauer: « Die Schritte und Massnahmen, um die finanzielle Schieflage, in die die Heime Uster geraten sind, zu korrigieren, werden zurzeit diskutiert und erst öffentlich kommuniziert, wenn sie beschlossen sind. »

Sicherheit kehrt mit Impfung zurück

Obwohl die Coronapandemie anhält, geben sich die meisten Heimverantwortlichen fürs 2021 vorsichtig optimistisch. Das liegt daran, dass viele Bewohner und auch Pflegende nun mittlerweile mindestens einmal geimpft worden sind und damit Sicherheit zurückkehrt. Dies zeigt sich auch darin, dass die Anmeldungen und damit die Belegungszahlen wieder zugenommen haben. Diverse Häuser wie etwa das Wetziker « Am Wildbach »  oder das Wetziker « Oase » , das « Rosengarten » in Gossau oder die Pflegezentren Tösstal sind voll belegt.

Hoffen auf volle Häuser

Und mit dem Herunterfahren der Schutzmassnahmen sollte bis im Sommer eine Normalisierung eintreten –  eine Rückkehr zum früheren Betrieb, in dem auch spontane Besuche ohne besondere Vorkehrungen möglich sind. Dann, so rechnen oder hoffen einige Heimbetreiber, würden auch jene, die jetzt wegen der Schutzmassnahmen noch daheim geblieben seien, in die Heime eintreten.

Diesen Optimismus teilt auch Daniel Bachmann: « Unser in Kürze fertiggestellter Neubau mit je zwölf Studios und Wohnungen ist bereits zu fast drei Viertel vergeben. Das neue Angebot – Wohnen mit Dienstleistungen – ist auf reges Interesse gestossen. Die Stiftung Alterszentrum Sophie Guyer bietet im neu erstellten Haus Stocker ab April 2021 eine neue Wohnform an: Wohnen mit Dienstleistungen. »  Und auch Hubert Rüegg hofft, dass bis Ende dieses Jahres alle Betten im neuen « Drei Tannen »  belegt sein werden.

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