ÖV-Flaute geht Gemeinden ins Geld
Egal ob Zug oder Bus: Die Zürcher sind immer mehr mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs. Bis Corona kam. Der erste Lockdown im Frühling und die zweite Welle im Herbst mit der Aufforderung und dann Pflicht zu Homeoffice bremsten die Lust zum gemeinsamen Reisen. Und das riss ein gewaltiges Loch in die Kasse des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV). Im letzten Jahr gingen die Nutzerzahlen kantonsweit um rund 30 Prozent zurück. Vorbei sind die Zeiten, als die Ticketeinnahmen rund 69 Prozent des Gesamtaufwandes deckten.
In der aktuellsten Schätzung von Mitte Januar rechnen die ZVV-Verantwortlichen mit einem Defizit von 408 Millionen Franken fürs 2020. Die definitiven Zahlen werden zwar erst im Sommer vorliegen, doch der Verkehrsverbund dürfte sein Budget um 60 Millionen verfehlen. Ohne Sparmassnahmen und die Auflösung von finanziellen Reserven wäre die Budgetabweichung sogar fast doppelt so hoch.
Region zahlt 3,5 Millionen mehr
Das Loch in der ZVV-Kasse muss von der öffentlichen Hand gefüllt werden: 204 Millionen übernimmt der Kanton, die anderen 204 Millionen teilen die Zürcher Gemeinden unter sich auf. Die jeweiligen Kosten pro Gemeinde werden zu 80 Prozent über die ÖV-Haltestellen und die Frequenz berechnet. Dabei werden S-Bahn-Haltestellen bis zu neun Mal höher gewichtet als ein Bus-Stopp. Beim Verteilschlüssel spielt zu einem Fünftel auch die Finanzkraft der Einwohner eine Rolle. Den grössten Brocken übernimmt gemäss der aktuellsten Schätzung die Stadt Zürich mit 106 Millionen Franken.
22,39 Millionen Franken müssen die Gemeinden im Oberland, Glattal und im Tösstal übernehmen. Das sind 3,56 Millionen oder rund 19 Prozent mehr als eigentlich fürs 2020 eingeplant. Die grössten Zahler in der Region sind die Städte Uster mit 2,87, Dübendorf mit 2,94, Wetzikon mit 2,08 und Illnau-Effretikon mit 1,66 Millionen Franken.
Turbenthal bekommt Angebotsausbau zu spüren
Verhältnismässig tiefer in die Tasche greifen müssen jene Gemeinden, die ihr Angebot im 2019 oder 2020 ausgebaut haben. Weil sie sich nun stärker an den Kosten beteiligen müssen, wirkt das Corona-Defizit wie ein Hebel, der das Ganze verstärkt.
« Von diesen Zahlen kann niemand überrascht sein. »
Heinz Schwyter (parteilos), Tiefbau- und Werkvorstand Turbenthal
So etwa in Turbenthal: Innerhalb eines Jahres ist der ÖV für die Gemeinde um rund 42 Prozent teurer geworden. Erst jetzt schlägt sich erst der Ausbau der S11 voll durch. « Von diesen Zahlen kann niemand überrascht sein » , meint Heinz Schwyter (parteilos), der Tiefbau- und Werkvorstand von Turbenthal. « Das Zentrum des mittleren Tösstals zu sein kostet etwas, auch wenn die Zahlen unschön sind. » Turbenthal sei verkehrstechnisch eine Spinne mit vielen Beinen. « Wir haben zwar viele Haltestellen, aber wenig Auslastung. »
Trotz der starken Kostensteigerung will Turbenthal nicht nur das heutige Angebot aufrechterhalten, sondern den ÖV noch optimieren. Wie Schwyter ausführt, stehe dabei die bessere Anbindung von Seelmatten am Bichelsee im Vordergrund. « Dort verzeichnen wir eine hohe Bautätigkeit. Ein besseres ÖV-Angebot soll dazu beitragen, mehr Leute auf Bus und Bahn zu bringen. »
Halbstundentakt im Tösstal
Die neuen Verbindungen mit der S11 – seit letztem Dezember mit einem zusätzlichen Halt in Rämismühle-Zell – hat auch Auswirkungen auf Schlatt und Zell, die fürs 2020 überdurchschnittlich mehr zahlen müssen.
Der Ausbau der S26 auf den Halbstundentakt zwischen Bauma und Rüti ab Dezember 2019 kommt insbesondere Wald und Dürnten teuer zu stehen. « Alle wollen ein gutes ÖV-Angebot » , meint Walds Gemeindeschreiber Martin Süss. 511‘000 Franken dürfte der ZVV-Beitrag der Gemeinde für 2020 ausmachen. Trotz des Mehraufwandes von 100‘000 Franken gegenüber dem Budget, was fast einem Steuerprozent entspricht, ist er aber nicht beunruhigt. In Relation zum gesamten Gemeindeaufwand sei dies verkraftbar und vor allem auch mit Corona erklärbar.
Ähnlich tönt es aus Dürnten und ganz ähnlich sind dort auch die Zahlen. Gemäss Gemeindeschreiber Daniel Bosshard hätten sie Rückstellungen für 2020 getätigt. Hier wirkt sich zudem die aufs 2020 hin realisierte namhafte Verdichtung auf der Linie 870 zwischen Hinwil und Oberdürnten nach Tann und Rüti aus.
Drei Steuerprozente für den ÖV
In Mönchaltorf, wo wegen der starken Bautätigkeit immer mehr Leute die Busse benutzen, ist die Linie 842 ausgebaut und Zusatzkurse zwischen Mönchaltorf und Esslingen Forchbahnstation eingeführt worden.
« Die gute Anbindung ist für uns ein wichtiger Standortvorteil. »
Melanie Häusler, Gemeindekanzleileiterin Mönchaltorf
« Das gut ausgebaute ÖV-Angebot ist für die Gemeinde Mönchaltorf von zentraler Bedeutung. Die gute Anbindung speziell in Richtung Zürich ist für uns ein wichtiger Standortvorteil » , hält Gemeindekanzleileiterin Melanie Häusler fest. Die ZVV-Beiträge von fast 250‘000 Franken machen knapp drei Steuerprozente aus. Und schon jetzt ist für die Gemeinde klar, dass sie wegen der anhaltenden Pandemie im 2021 wesentlich mehr für den ÖV aufwenden muss als die budgetierten 194‘100 Franken.
Drehkreuz Stettbach mit neuem Kostenteiler
Für den Mehraufwand im 2021 bereits gewappnet hat sich Dübendorf. Die Stadt muss für 2020 neben den Coronafolgen vor allem wegen eines angepassten Kostenschlüssels für das Drehkreuz Stettbach – neu 34 statt bisher 32 Prozent – rund 570‘000 Franken mehr berappen als ursprünglich eingerechnet. Für Mehrkosten sorgt auch der leichte Ausbau etwa auf der Buslinie 760. « Wir haben ein sehr gutes Haltestellennetz » , betont Marco Strebel, der Leiter der Abteilung Sicherheit. « Leider hat der ÖV in Pandemiezeiten an Attraktivität verloren. Aber der ÖV lebt davon, dass er flächendeckend die Gemeinschaft unterstützt. »
2021 wird noch teurer
Der ZVV selbst könne an seinen Kosten nur wenig schrauben, wie Sprecher Thomas Kellenberger gegenüber dem « Landboten » gesagt hat. «Wir sind bereits sehr effizient, da gibt es nicht mehr viel Luft.» Eine Angebotsreduktion, wie sie im letzten März geschah, kann nur der Bund verordnen. Damals sei die Nachfrage wohl auch so stark eingebrochen, weil noch keine Maskenpflicht im ÖV geherrscht habe und die Leute mehr Angst vor den Viren gehabt hätten.
« Die aktuelle Auslastung unserer Busse liegt bei 70 bis 80 Prozent des Vorjahreswertes. »
Joe Schmid, VZO-Vizedirektor
Dass die Oberländer infolge der verordneten Homeoffice-Pflicht den ÖV weniger benutzen, zeigte sich auch diesen Januar. « Die Fahrgastzahlen 2020 im ganzen ZVV-Gebiet sind zwar noch nicht bekannt. Doch die aktuelle Auslastung unserer Busse liegt bei 70 bis 80 Prozent des Vorjahreswertes » , erklärt VZO-Vizedirektor Joe Schmid.
Angesichts der aktuellen Lage rechnet der ZVV für 2021 noch einmal mit einem höheren Defizit als 2020. Auch weil die Reserven, die im letzten Jahr zur Minderung des Defizits verwendet wurden, nun aufgebraucht sind.
Für die Gemeinden könnte es deshalb, je nach Verlauf der Pandemie, fürs 2021 noch einmal deutlich teurer werden. In der Verordnung des ZVV ist aber eine Deckelung festgeschrieben: Gemeinden dürfen maximal mit sechs Steuerprozent belastet werden. Das heisst aber auch, dass die Obergrenze noch lange nicht erreicht ist.
