«Der neue Bischof steht vor einer Herkulesaufgabe»
Das Bistum Chur geniesst einen bedenklich schlechten Ruf. Aufgrund streng konservativer Ansichten in verschiedenen Glaubensfragen aber auch zur Homosexualität oder zur Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare fiel der umstrittene Churer Bischof Vitus Huonder in Ungnade. Auch darum gilt Chur im Vatikan als Problem-Bistum.
2017 reichte Huonder seinen Rücktritt ein. Bis zur offiziellen Ernennung seines Nachfolgers führte der apostolische Administrator Pierre Bürcher das Bistum interimistisch. Viel Beachtung wurde deshalb der Wahl von Huonders Nachfolger beigemessen. Der Papst legte dem sogenannten Domkapitel, das den Bischof wählt, eine Dreierliste vor, eine sogenannte Terna.
Dann der Knall: Generalvikar Martin Grichting, der zweitmächtigste Mann in Chur, schlug an der Versammlung vor, auf die Liste respektive auf die Wahl nicht einzutreten. Zu wenig linientreu, zu moderat waren die vorgeschlagenen Kandidaten dem erzkonservativen inneren Zirkel des Bistums, in dem zuweilen sogar der Papst als zu moderat gilt.
Diese Rückweisung durch eine Mehrheit der 22 Domherren glich denn auch einem Putsch, einem Affront gegenüber dem Vatikan. Als Konsequenz daraus kümmerte sich der Pontifex persönlich um die Ernennung des Churer Bischofs. Nun hat Papst Franziskus nach langem Warten Domherr und Offizial Joseph Bonnemain zum neuen Bischof berufen.
Stefan Isenecker, Leiter der Dreifaltigkeitspfarrei Rüti-Dürnten-Bubikon und Vorsitzender des Dekanats Zürcher Oberland, hat durch sein Amt und seine engen Kontakte das Wahlprozedere mitbekommen. Dem Bistum Chur sind auch sämtliche Zürcher Dekanate angegliedert. Für ihn ist klar, dass der neue starke Bischof ein Segen ist für die katholische Kirche und dieser die dringend notwendige Aussöhnung vorantreiben werde.
Ist die Wahl von Joseph Bonnemain als Nachfolger des umstrittenen Bischof Vitus Huonder für Sie der Aufbruch in eine bessere Zeit für die katholische Kirche in der Schweiz?
Dekan Stefan Isenecker: Wir haben schon lange massive Spannungen im Bistum Chur. Das Bistum ist tief gespalten in liberale, progressive, konservative und ultrakonservative Gruppen. Darunter leiden viele in der Diözese (der territorial abgegrenzte Verwaltungsbezirk innerhalb der katholischen Kirche). Die Zustände sind übel. Es wäre gut, wenn es endlich eine nachhaltige Lösung gäbe. Die Wahl eines der Männer aus der vorgelegten päpstlichen Dreierliste wäre sicher eine gute Möglichkeit gewesen, um mit der Aussöhnung zu beginnen.
« Das war vor allem ein machtpolitisches Spielchen. »
Was halten Sie davon, wie die Wahl im dafür zuständigen Domkapitel ablief?
Die Wahl wurde sabotiert, weil die Konservativen innerhalb des Domkapitels um den bisherigen Generalvikar Martin Grichting die drei päpstlichen Kandidaten als zu moderat empfanden. Deshalb hat eine Mehrheit dann auch die Kandidatenliste nicht berücksichtigt und diese an den Vatikan zurückgewiesen. Damit wurde das Churer Wahlprivileg für diese Wahl aufgegeben und quasi an den Papst abgetreten. Generell gilt: Wird ein Bischofsstuhl vakant, beginnt der sogenannte Informativprozess. Darin können sich Laien und Priester an den Nuntius (vatikanischer Botschafter in der Schweiz) wenden und Kandidaten empfehlen oder werden von diesem direkt über mögliche Kandidaten befragt.
Wollte das Domkapitel also einen nicht genehmen Kandidaten verhindern?
Es ist offensichtlich, dass diese drei Kandidaten verhindert werden sollten. Dies kommt auch daher, weil der bisherige Generalvikar vermutlich Angst hatte, seinen Posten und damit seinen Einfluss zu verlieren. Das war aus meiner Sicht vor allem ein machtpolitisches Spielchen.
Generalvikar Grichting dürfte eine entscheidende Rolle gespielt haben. Sind Sie froh, dass er sich nicht selbst als designierter Nachfolger Vitus Huonders gesehen hat?
Ich kenne Martin Grichting. Er kam schon damals nicht zum Zug als es darum ging, dass Chur einen zweiten Weihbischof erhalten sollte. Der Vatikan respektive der Nuntius sahen ihn wohl kaum an der Spitze einer Diözese.
« Die Zugehörigkeit zu einer geistlichen Gemeinschaft ist zweitrangig. »
Der designierte Bischof Joseph Bonnemain gehört der konservativen Organisation Opus Dei an. Was ist das für ein Zeichen, wenn so jemand – vom Vatikan beglaubigt – an die Spitze dieses Bistums kommt?
Ich kenne Joseph Bonnemain gut. Er hat alle menschlichen und fachlichen Qualitäten, um ein Bistum leiten zu können, er ist weltoffen und moderat. Er verfügt auch über die Gabe, Menschen zusammenzuführen. Die Zugehörigkeit zu einer geistlichen Gemeinschaft ist zweitrangig. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe, welche die Missbrauchsvorfälle aufarbeitet und geniesst innerhalb der katholischen Kirche hohes Ansehen. Gründe genug, um ihn auf die päpstliche Wahlliste zu setzen.
Von aussen betrachtet scheint es, als herrsche im Bistum Chur eher Diktatur als Demokratie.
Eigentlich gäbe es bei einem päpstlichen Dreiervorschlag wenig zu diskutieren. Wenn man auf diese Vorschläge nicht eintritt, ist das vor allem auch eine deutliche Kritik am Papst selber, der in diesen konservativen Kreisen ebenfalls als zu moderat gilt. Von einer Diktatur würde ich dennoch nicht reden. Allerdings findet eine starke Ideologisierung statt. Das fängt damit an, dass die Bistumsleitung und das Domkapitel sehr einseitig besetzt sind. Unterschiedliche Auffassungen und Meinungen gehören jedoch zur katholischen Kirche dazu. Dies müssen auch das Domkapitel und die Bistumsleitung in Chur aushalten.
Welche Rolle spielt die Bischofskonferenz im Wahlprozess?
Jeder Bischof meldet dem Heiligen Stuhl geeignete Kandidaten für das Bischofsamt. Dies tun auch die Bischöfe in der Schweiz. Darüber hinaus mischt sich die Schweizer Bischofskonferenz aber nicht ins Wahlverfahren ein. Das würde als sehr unschicklich gelten.
Innerhalb der katholischen Landeskirche haben viele gehofft, dass Papst Franziskus die Wahl zur Chefsache erklärt und in Eigenregie einen neuen Bischof ernennen wird.
Die Wahl des neuen Bischofs von Chur war und ist Chefsache. Ich habe gehofft, dass der Papst die Sache möglichst rasch an die Hand nimmt und einen der drei offiziellen Kandidaten zum Churer Bischof macht. Auf jeden Fall steht der neue Bischof vor einer Herkulesaufgabe. Die Bereitschaft zur Versöhnung ist unter den moderaten Vertretern aber vorhanden.
« Wir müssen die Vergangenheit konsequent aufarbeiten, um so zu einer Aussöhnung zu kommen. »
Wie wird sich das angekratzte Image des Bistums Chur mit einem neuen Mann an der Spitze verändern?
Das Bistum Chur hat der katholischen Kirche über Jahre immer wieder negative Schlagzeilen beschert. Das sehen wir nur schon anhand der Kirchenaustritte. Deshalb wäre es gut, wenn eine Persönlichkeit mit positiver Ausstrahlung die Nachfolge übernimmt, ein Mann, der zusammenführen kann. Wir müssen die Vergangenheit konsequent aufarbeiten, um so zu einer Aussöhnung zu kommen, die dringend notwendig ist. Ebenso braucht es eine ganz neue Konfliktkultur. Auch das würde der katholischen Kirche wieder positive Meldungen bescheren. Gerade für die vielen kirchlichen Mitarbeiter wäre dies ein wichtiger Schritt. In unseren Pfarreien wird wertvolle Arbeit für Menschen geleistet, die hinter den negativen Schlagzeilen unterzugehen droht.
Ändert sich mit einem modernen Bischof auch die Haltung zur Homosexualität?
Der Papst hat klar gesagt, dass niemand aufgrund seiner Sexualität diskriminiert werden darf. Seine Worte zur Homosexualität machen Mut. Für die Kirche sind dies ganz neue Töne. Liebe ist Liebe und Treue ist Treue, unabhängig davon, in welcher geschlechtlichen Konstellation sie gelebt werden. In diesem Bereich müssen wir als Kirche noch viel lernen. Da wird sich aber einiges tun, auch wenn innerhalb der katholischen Kirche immer noch einige auf die Bremse treten.
Die Katholische Kirche des Kantons Zürich begrüsst die Wahl und erhofft sich, dass Bischof Bonnemain das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen kann. Dafür müsste er wohl für Transparenz sorgen und Prozesse überdenken. Hat er das Zeug zum Reformator?
Er hat wenig Zeit dafür, wird aber die Zeit nutzen. Ich erlebe ihn als sehr guten Zuhörer. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Er hat die notwendige Sensibilität im Umgang mit Menschen. Ich bin froh, dass der Bischof von Rom, Papst Franziskus, einen konzilianten, moderaten und weltoffenen Mann, einen Brückenbauer, zu unserem Bischof gemacht hat. Als solchen sollten wir ihn begrüssen und mit ihm gemeinsam verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen.