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Der gute Mensch vom Rychenberg

Derr Immobilienunternehmer und Mäzen Robert K. Heuberger ist vergangenes Wochenende, knapp einen Monat nach seinem 99. Geburtstag, verstorben. Heuberger war der Gründer der Einkaufszentren Illuster, Uster 77 und Effi-Märt.

Robert K. Heuberger im Salon seines Hauses am Rychenberg, 2014.

Foto: Heinz Diener

Der gute Mensch vom Rychenberg

Er wohnte in einem der schönsten unter den neuen Häusern Winterthurs, an bester Lage am sonnigen Rychenberg. Er besass Villen im Suvrettatal und in Spanien. Andere führten Prozesse, wenn sie in der «Bilanz» unter den 300 reichsten Schweizer vorkamen. Robert Heuberger freute sich darüber.

Die Idee, die ihn schon vor dem 30. Lebensjahr richtig reich machte, hatte Heuberger an einem ereignislosen Vormittag an der Schwelle der 1950er-Jahre am Schalter der Schweizerischen Volksbank Winterthur. Dort vertrat er als junger Direktionssekretär manchmal den Hauptkassier und bekam die Sorgen der Kunden hautnah zu spüren. Am Anfang der Woche hatte ein junger Familienvater um einen Hypothekarkredit für sein Einfamilienhaus ersucht und eine Absage kassiert. Die streng kartellisierten Banken gaben damals nur Hypotheken im 1. Rang bis zu 65 Prozent der Bausumme. Aber der junge Kunde hätte noch 20’000 als zweite Hypothek gebraucht. Tief enttäuscht verliess er die Bank.

In der gleichen Woche kam ein wohlhabender Kunde vorbei und schimpfte über die schon damals lausigen Zinsen auf Sparguthaben.

Die Idee, die ihn reich machte

Robert Heubergers Idee bestand darin, die beiden Bankkunden zusammenzubringen und das Problem des einen mit dem Problem des anderen zu lösen. Der Vorgesetzte Heubergers bewilligte das Experiment. Es funktionierte auch tatsächlich. Das System sprach sich blitzartig herum. Bald landeten auf Heubergers Schreibtisch nicht nur Kreditgesuche für Einfamilienhäuser, sondern für ganze Überbauungen. Die Ersparnisse des reichen Winterthurers reichten bald nicht mehr aus. Wenn nicht durch die Bank, so wurden die Heuberger-Hypotheken nun halt durch die Basler Versicherung refinanziert. Die Verbindung zu einem dortigen Sachbearbeiter hatte Heuberger aus dem Militär. Kurz darauf lief Heuberger zur Bâloise über und machte sich als Generalagent in Frauenfeld selbstständig.

Ruth Heuberger-Mötteli, Roberts im Oktober 2016 verstorbene treue Lebens- und Geschäftspartnerin, sorgte als frühere Banksekretärin für tadellose Akten und Anträge. Heubergers Hypothekenmaschine lief längst auf Hochtouren, als die meisten Banken die Chance noch nicht einmal erkannten. Ruth Heuberger war lebenslang auch die tüchtige Geschäftspartnerin von Robert; ausserdem sorgte sie sich um das soziale Engagement des erfolgreichen Unternehmens.

Lebenslang der Armee verbunden

Lebensdisziplin und Arbeitslust von Robert Heuberger gründeten in der bedrohlichen Erfahrung einer schwierigen Jugend als Halbwaise. Sein Vater war im Militärdienst an Lungenentzündung gestorben. Lebensprägend waren auch eine fordernde Lehre als Bankkaufmann und vor allem der Aktivdienst, der Robert Heubergers lebenslängliches kämpferisches Engagement für die Armee begründete. Gerne erzählte er die wahre Geschichte, dass er als Minderjähriger als Filialleiter der Volksbank Aarburg eingesetzt wurde, weil seine Chefs ins Militär mussten. Alsbald rüffelte ihn die Direktion, weil er beim Geldwechseln mehr Gewinn machte, als vorgeschrieben war.

Die 1950er- bis 1970er-Jahre waren Bonanza für das Immobilien- und Baugewerbe. Die Heubergers und ihre inzwischen gegründete Siska AG (für «Sichere Schweizer Kapitalanlagen») mischten kräftig mit bei der Realisierung von Grossüberbauungen. Die 450 Wohnungen im Gutschick (Planung und Bau 1957–1963) stellten für Winterthur eine neue Grössenordnung dar. Die stramm sozialdemokratische Stadtregierung, in offener Parteilichkeit dem genossenschaftlichen Wohnungsbau zugeneigt, tat nichts, um solche Privatinitiativen zu fördern. Doch die sechs gewerblichen Mattenbach-Investoren unter Führung von Heuberger setzten sich durch. Zu gross war die Nachfrage der anlagehungrigen Versicherungen, Pensionskassen – und Banken, die später dann doch noch auf den Zug aufsprangen.

Das Gutschick-Projekt war überzeugend: Es war das erste Quartier der Stadt Winterthur, das sich durch einen betont neuzeitlichen, skandinavisch anmutenden Charakter auszeichnet. Der Vergleich mit den Reihenhauskolonien der Zwanziger- und Dreissigerjahre oder mit ersten schüchternen Versuchen der aufgelockerten Überbauung bei einheitlichen Stockwerkzahlen macht die Unterschiede augenfällig. Öffentliche Anliegen – Schulraum, Grünflächen, Quartierläden – waren für Heuberger keine lästige Last, sondern selbstverständliches Zubehör des Gesamtprojekts.

Stefanini schirmte sich ab, Heuberger zeigte sich

Zu seinen Prinzipien gehörten eben auch das gute Einvernehmen mit den Behörden und die Offenheit für die Wünsche der Öffentlichkeit. Diese Offenheit hat Heuberger über viele Jahre hinweg das Vertrauen von Anlegern, Ankermietern wie Migros, Landeigentümern, Banken und, ja, auch von Baubehörden eingetragen. Sie war der damals auffälligste Gegensatz zum fast gleichaltrigen Bruno Stefanini, der ebenfalls in Winterthur eine Karriere in vergleichbarer Grössenordnung machte. Stefanini schirmte sich ab, Heuberger war so offen, dass er schliesslich sogar seine Steuerrechnung publizierte.

Tatsache ist, dass die beiden eher Kollegen als Konkurrenten waren. In der Boomzeit zwischen 1955 und 1975 war genug zu tun für beide. Gelegentlich trafen sie sich zu einem Kaffee und sprachen sich, was den Kauf von Liegenschaften betraf, ab. Beim Sulzer-Hochhaus freilich waren sie Konkurrenten. Heuberger bot einen Franken, Stefanini, der das Wahrzeichen Winterthurs unbedingt wollte, bot 18 Millionen und machte den Deal.

Bald verwaltete Robert K. Heuberger viele Hundert Wohnungen. Er verschenkte nichts, aber er war ein anständiger Vermieter, der Wert auf friedliche Verhältnisse und langfristige, nachhaltige Rendite legte. Als Bauträger sorgte er mit enormer Detailfreude für praktische Grundrisse und vernünftigen Ausbau, was massvolle Mietzinse ermöglichte und damit jahrelangen Frieden zwischen Vermietern und Mietern.

Eine Spürnase für gute Lagen

Bewährung und Solidität im Tagesgeschäft waren die Voraussetzungen für die nächste Stufe der Heuberger-Rakete. An zwei Standorten in Uster und in Effretikon realisierte er Einkaufszentren. Schliesslich deblockierte er 1979 die verfahrene Situation um die Planung des Winterthurer Neuwiesenzentrums – alle übrigens in Bahnhofnähe, ein unverhandelbares Argument bei Heubergers Standortwahl. Mit dem Verhandlungskunststück beim Neuwiesenzentrum löste er sozusagen das Eintrittsticket zum Kapital der alten Winterthur-Versicherung, die ihn ausdrücklich nicht als Auftragnehmer, sondern als Partner auf Augenhöhe dabeizuhaben wünschte. Dass sie (bzw. die Credit Suisse) ihm später die Mehrheit am Zentrum abtrat, war zwar überraschend, aber irgendwie logisch.

Gezielt und mit sicherem Urteil beteiligte sich Heuberger an der grossen Transformation Winterthurs von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Ausbildungsstadt. Konsequent hielt er sich vom Sulzer-Areal fern («Zu viele Köche…»). Dafür führte er das komplexe Banana-City-Projekt, die Umwandlung des alten Volg-Hauptsitzes in harter Konkurrenz gegen die ganze Generalunternehmer-Prominenz der Schweiz zum Erfolg.

Ein Theaterfreund und Mäzen

Viel zu wenig Raum wird in diesem Nachruf die einmalige Grosszügigkeit des Stifter-Ehepaars Heuberger einnehmen. Ihre Stiftung schüttete zeitweise alljährlich sechs, manchmal mehr Millionen Franken für gemeinnützige Zwecke aus. Heuberger hat zusammen mit seinem früheren politischen Gegner, dem Ex-Stadtpräsidenten Ernst Wohlwend, dafür gesorgt, dass der Club of Rome nach Winterthur kam. Die Heubergers haben auch in grossem Stil bezahlbare Studentenunterkünfte gebaut. Robert Heuberger stiftete den bestdotierten Jungunternehmer-Preis der Schweiz und veröffentlichte 1984 erstmals auch seine Geschäftszahlen wie ein börsenkotiertes Unternehmen. Auch als hobbymässiger Theaterautor gewann er Anerkennung.

Robert Heuberger war eine starke und eigenwillige Persönlichkeit. Er stiess manche vor den Kopf, nicht zuletzt in der eigenen Familie. Er war unnachgiebig, wenn er seine Ziele verfolgte. Aber er hatte ein gutes Herz, weil er nie vergass, dass er von ganz unten gekommen war und es aus eigener Kraft nicht nur in die Rangliste der reichsten, sondern auch in den viel engeren Kreis der grosszügigsten und nobelsten Schweizer geschafft hatte.(Karl Lüönd)

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