Der Biber erobert den Pfäffikersee
In der Nacht des 3. Dezembers ist es ziemlich dunkel, doch dank des klaren Himmels wird die Mitte des Aabachs durch den Mond gut beschienen. « Erst ist es nur eine kleine Bugwelle, die aufs Aabach-Brüggli zukommt. Es ist klar: Das ist keine Ente. Und dann sehe ich den Biber, wie er rund zehn Meter von mir entfernt abdreht und ins Ufergestrüpp verschwindet. » Antonia Zurbuchen, die Leiterin des Naturzentrums Pfäffikersee, ist die erste, die den Biber im Pfäffikersee zu Gesicht bekommt.
Dafür musste sie einige Zeit ausharren in der kalten Nacht, « wenigstens hatte ich warmen Tee dabei » . Nur vier Tage vorher hatte ein Ranger beim kleinen Brüggli, dort wo der Aabach den Pfäffikersee Richtung Greifensee verlässt, Frassspuren an Sträuchern entdeckt. Diese deuteten auf die Präsenz des grössten Nagetiers Europas hin. Seither ist der erste Biber im Pfäffikersee mindestens drei weitere Male gesichtet worden, meist kurz nach 21 Uhr, offenbar der bevorzugten Zeit für einen Schwumm durchs Revier. Frassspuren sind bis hinüber zur Badi Seegräben gesichtet worden und den Aabach hinunter bis zur ehemaligen Robenhauser Badeanstalt.
Viele Hindernisse auf dem Wasserweg
Für Urs Wegmann, den Leiter der kantonalen Biberfachstelle in Uster, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Biber auch im Pfäffikersee ankommt. Im jüngsten, erst Mitte 2020 publizierten Bericht über die Entwicklung der Biber-Population im Kanton, konstatierte er noch, dass der Pfäffikersee sich grundsätzlich als Lebensraum eigne. « Er ist allerdings schwer zu erreichen. Das nächste produktive Familienrevier liegt im Greifensee. Von hier müssten die Biber durch die Aa und das Aathal wandern. Die historischen Kraftwerke und Wehre bilden allerdings massive Wanderhindernisse für den Biber. »
Vor fünf Jahren schaffte es ein Biber in den Zellweger-Weiher mitten in Uster. (Video: Biberfachstelle Uster)
Immerhin schaffte es vor einigen Jahren ein Biber bis mitten nach Wetzikon hinein. Damit er im Strassenverkehr nicht zu Schaden kam, wurde er von der Polizei eingesammelt und durch die Biberfachstelle dann wieder im Greifensee frei gelassen.
Gefährliche Strassen
Denn ein weiteres grosses Hindernis auf den Wanderungen der Biber sind die Strassen. Vor einigen Jahren wurde an der Hauptstrasse durchs Aatal ein toter Biber gefunden. Die Tiere sind zwar flink im Wasser, an Land sind sie aber langsamer unterwegs. So sind im Kanton Zürich im letzten Jahr von den 15 tot aufgefunden Bibern 8 überfahren worden. Und im 2019 waren es von den 36 Stück Fallwild gleich 15 Nager, die dem Verkehr zum Opfer gefallen waren.
Ein weiteres Biberrevier liegt in Illnau-Effretikon an der Ortsgrenze zu Fehraltorf. Doch die nahe gelegene Kempt hat keine oberirdische Verbindung zum Pfäffikersee. Daher ist sich Wegmann ziemlich sicher, dass es sich beim Exemplar im Pfäffikersee um einen zweijährigen Biber aus dem Greifensee handelt. Ein weiteres Indiz für diese Herkunft ist die Sichtung eines Bibers im Aatal letzten Oktober.
Jungtiere werden von Familie verjagt
Dass es sich um ein zweijähriges Tier handelt, leitet Wegmann vom familiären Umgang der Biber ab. « Pro Jahr hat ein Biberpaar eines bis drei Junge. Daher werden jeweils im Folgejahr die Älteren rausgeschmissen. » Die Glatt, der Greifensee und auch der Aabach bis nach Mönchaltorf hinauf sind mittlerweile gut besetzt. In den zwölf vor einem Jahr registrierten Revieren wurden insgesamt 46 Biber gezählt. Acht Reviere werden von Familien besetzt, die anderen vier von Paaren oder Einzeltieren. « Dadurch müssen die Jungtiere nun weiter wandern » , hält Wegmann fest.
Er nimmt zudem an, dass der erste Biber schon im Herbst im Pfäffikersee angekommen sein dürfte. Die Wanderung finde zwischen Frühling und Herbst statt. Doch der Bezug eines neuen Reviers könne häufig erst im Winter, nach der Vegetationszeit, festgestellt werden. Der Biber stelle nämlich im Herbst seine Nahrung im Herbst auf Gehölzpflanzen um. Dann könnten auch die angeknabberten Stämme gefunden werden.
« Ob der Pfäffikersee nun verstärkt besiedelt wird, ist allerdings schwierig zu sagen » , meint der Biberfachmann. Nur weil sich ein Gebiet eignet, heisse das noch nicht, dass eine Besiedlung auch erfolge. Das Revier des ersten Bibers könne übrigens jetzt den ganzen Pfäffikersee umfassen. Wenn das Nahrungsangebot dann wieder üppig sei, schrumpfe der Bewegungsradius.
Freude im Naturzentrum
Dass es noch weitere Tiere in den Pfäffikersee schaffen, hofft Antonia Zurbuchen. « Es wäre schön, wenn es hier zu einer Familiengründung käme. » Ob das aber eintrifft, sei schwierig zu beobachten. Am Pfäffikersee sind die meisten Uferpartien, wo sich die Tiere aufhalten, kaum zugänglich. Gleichwohl werden sie und ihre Mitarbeitenden nun vermehrt Ausschau halten.
« Meine Begeisterung haben die Biber jedenfalls geweckt. Und wenn es dann wieder wärmer wird, lässt sich auch länger draussen ausharren » , meint die Naturschützerin in Erinnerung an ihre kalte Dezembernacht. Und sie ist überzeugt, dass die besondere Entdeckung auch bei den Besuchern des Naturzentrums auf Interesse stossen wird.
Schnellste Ausbreitung im Oberland
Einst war der Biber in der Schweiz vollständig ausgerottet. Um ihn wieder anzusiedeln, wurden in der Schweiz bis in die 1970er Jahre 141 Tiere ausgesetzt, einige auch im Kanton Zürich. Mittlerweile hat sich der Bestand gut erholt. Der einst ausgestorbene Nager hat den nördlichen Kantonsteil bereits dicht besiedelt. In den letzten Jahren hat er sich auch im Süden des Kantons in neuen Revieren niedergelassen.
An der Glatt, Kempt und Töss
In der Region ist dies vor allem entlang der Glatt und am Greifensee, in Dübendorf, Uster oder Wangen, aber auch an der Kempt zwischen Illnau und Fehraltorf oder auch an der Töss bei Kollbrunn und Rikon und sogar, mindestens vorübergehend, auch in Fischenthal. Nur der Pfäffikersee blieb die ganzen Jahre über frei von Bibern, weil er für die Tiere auf dem Wasserweg wegen der vielen Wehre nur sehr schwer zu erreichen ist.
136 Reviere
Das ist nun jedoch Geschichte mit dem dem Biber, der alle Hindernisse überwunden hat und nun seit einigen Wochen im Pfäffikersee daheim ist. So kommt ein weiteres neues Revier zu den vor Jahresfrist kantonsweit gezählten 135 Revieren hinzu. Diese Gebiete werden von rund 480 Bibern besiedelt.
Der Bestand hat in den letzten drei Jahren damit um mehr als einen Fünftel zugenommen. Die stärkste Zunahme der Population seit 2017 hat dabei im Gebiet der Glatt und des Greifensees stattgefunden mit zehn neuen Revieren. Der jetzt erfolgte Vorstoss zum Pfäffikersee ist damit nur die logische Folge dieser Entwicklung. (cb)
