Vorwürfe an Eiffelturm-Bauer und Hallenbad-Tragödie
Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt, kurz Empa, ist heute eine Forschungseinrichtung von Weltrang. Über 1000 Fachkräfte forschen täglich an den drei Standorten St.Gallen, Thun und Dübendorf für neue Materialien, Technologien und Energien. Läuft man der Überlandstrasse entlang, fällt das Innovationsgebäude Nest der Empa ins Auge. Dies nicht nur der speziellen Architektur wegen, sondern auch weil dort meist Baugerüste stehen. Es befindet sich in stetigem Wandel und der Forschungsprozess ist von aussen sichtbar.
Ein kürzlich erschienenes Buch zum 140-jährigen Jubiläum wirft ein Blick zurück auf die Anfänge der staatlichen Materialprüfanstalt. Es beleuchtet den Werdegang zur heutigen Grösse und internationalen wissenschaftlichen Bedeutung der Institution. Dies gelang nur, weil die Empa selbst immer wieder auf dem Prüfstand stand.
Die Entstehung der Empa ist eng verbunden mit der Geschichte des Eisenbahnbaus in der Schweiz in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Besonders für die Konstruktion von Eisenbahnbrücken ist die Festigkeit der verwendeten Baumaterialien wichtig. Zu dieser Zeit fehlt jedoch das entsprechende Wissen. Eine neue Maschine zur Prüfung von Materialen soll Abhilfe schaffen. Der Bund bewilligt die Anschaffung einer sogenannten Universalprüfmaschine für das Eidgenössische Polytechnikum in Zürich, der heutigen ETH. Damit wird der Grundstein für die heutige Empa gelegt.
Der Gotthard ruft
Gegründet wird die eidgenössische Anstalt 1880 mit einem damals noch engen Aufgabenbereich, der Prüfung von Baumaterialien. Und die neue Institution muss mit einem kleinen Raum im Untergeschoss des Polytechnikums auskommen. Nach einem Jahr wird der jährliche Betrag des Bundesrats von 7000 Franken bereits wieder in Frage gestellt.
Doch dann kommt die Rettung: Als die Kosten für den Bau des Gotthardtunnels zu explodieren drohen, werden gut ausgebildete Ingenieure händeringend gesucht. Die Mineure haben mit dem harten Granit des Gotthard-Massivs zu kämpfen und verschleissen deutlich mehr Bohrer als berechnet. Daher erhöht der Bundesrat den staatlichen Beitrag an die Empa substanziell.
Ermittlungen zu grösstem Eisenbahnunglück
Um die Jahrhundertwende erfährt die Institution erstmals internationale Anerkennung. Die Prüfaufträge entwickeln sich rasant: von 500 im Gründungsjahr auf 4500 im Jahr 1899. Und erstmals kann die Empa ihre Expertise für eine Unfallermittlung beweisen. Sie wird mit der Untersuchung des Einsturzes der Eisenbahnbrücke bei Münchenstein von 1891 beauftragt. Es ist das bisher grösste Eisenbahnunglück Europas. 71 Menschenleben forderte es.
Die Experten der Empa legen in ihrem Untersuchungsbericht detailliert dar, dass Unterlassungen im Baukonzept für den Zusammenbruch verantwortlich waren. Und diese Anschuldigungen richten die beiden Professoren Wilhelm Ritter und Ludwig von Tetmajer an niemand geringeren als an Alexandre Gustave Eiffel, der auch den Eiffelturm gebaut hat.
Empa deckt Bunker-Skandal auf
Während des zweiten Weltkriegs unterstützt die staatliche Prüfanstalt Empa zunächst die Schweizer Armee. Dies etwa bei der Herstellung von Ersatztreibstoffen, denn Ressourcen wie Benzin oder Diesel sind knapp. Im Jahr 1946, also kurz nach Kriegsende, enthüllt die Empa, dass die Schweiz bei einem bewaffneten Konflikt stark verwundbar gewesen wäre.
Dank Analysen hunderter Proben konnte sie belegen, dass der Beton bei zahlreichen Bunkern des Reduit minderwertig war – und im Ernstfall kaum Schutz geboten hätte. Untersuchungen bringen ans Licht, dass namhafte Schweizer Firmen mit Unterstützung der Armee minderwertigen Beton lieferten. Ein nationaler Skandal, der zu laustarken Protesten unter den Wehrmännern führt und die Politik alarmiert.
Umzug nach Dübendorf
Die Schweiz ist Anfang der 1950er-Jahre in einer Aufbruchsphase. Im Gegensatz zu anderen Ländern leidet sie nicht an den Folgen der Kriegszerstörung. Die Empa ist auf 260 Mitarbeitende angewachsen und verzeichnet Einnahmen von 4 Millionen Franken. Doch die Institution leidet noch immer an akutem Platzmangel. Sie ist immer noch notdürftig in mehr als 20 Gebäuden in der Stadt Zürich eingemietet.
1953 bewilligt das Parlament stolze 62,5 Millionen Franken für den Umzug nach Dübendorf. Es ist das bis anhin teuerste zivile Bauvorhaben der Nachkriegszeit. Zehn Jahre später ist es soweit: Die Forscher beziehen den neuen Campus an der Überlandstrasse. Ein Areal im Stil der klassischen Moderne, entworfen vom Zürcher Architekt Werner Forrer.
Nun haben die Angestellten in Dübendorf genügend Raum. Doch niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, welch turbulente Jahrzehnte auf die Empa zukommen sollten. Zunächst schlittert sie in eine interne Krise, als der neue Direktionspräsident Theodor Erismann den Auftrag erhält die Empa zu reorganisieren. Die drei teils stark autoritär geführten Hauptabteilungen sollen für sechs Ressorts weichen. Das sorgt für interne Spannungen, denn die neue Organisation wird nicht von allen begrüsst.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Schweiz 1974 in eine Rezession fällt. Das Stimmvolk beschliesst eine Ausgabenbremse für den Bund, was einen Einstellungsstopp für alle Bundesbetriebe – inklusive der Empa – zur Folge hat. Dieser gilt bis in die 1980er-Jahre.
Immerhin kann man in Dübendorf 1984 die stärkste Seilzerreiss-Maschine der Welt einweihen. Eine Maschine, die etwa Seile für Brücken einer Zugkraft von bis zu 3000 Tonnen aussetzen kann. Aber die Zerreissprobe findet damals mehr in den Sitzungszimmern als in den Laboren statt. Denn der Bundesrat beschliesst 1985 für die Empa eine Budgetkürzung.
Das Drama von Uster
Im selben Jahr werden die Experten der Empa zu einem Unfall gerufen, der wie beim Eisenbahnunglück das ganze Land erschüttern sollte. Am 9. Mai stürzt um 20.30 Uhr die untergehängte Betondecke im Hallenbad Uster auf das Becken. Zwölf Menschen sterben, 19 werden zum Teil schwer verletzt.
« Die Institution ist was Materialforschung betrifft zu sehr auf Baumaterialien fokussiert »
Louis Schlapbach, Empa Direktor 2001 – 2009
Empa-Untersuchungen ergeben, dass die Decke nicht nur ein Drittel schwerer als ursprünglich projektiert ist, sondern auch an Chromstahl-Bügeln hing, die unter der hohen mechanischen Spannung und der chlorhaltigen Luft Risse bekamen. Den meisten Baufachleuten waren die Materialeigenschaften dieses Stahls nicht bekannt. In der Folge klärte die Empa Fachleute mit Kursen und Berichten auf, um solche Unfälle zu vermeiden.
Forschung rückt ins Zentrum
Dann im Jahr 1988 fällt der Bundesrat eine der wohl wegweisendsten Entscheide für die Empa: Die Forschung und der Technologietransfer zur Wirtschaft soll verstärkt werden. Zur gleichen Zeit beginnt eine Modernisierungswelle der Arbeitsbedingungen. Nach Druck durch den Frauenstreik Anfang der 90er-Jahre werden Frauen aufgemuntert, Führungsverantwortung zu übernehmen. Zudem führt die Empa Teilzeitarbeit und Homeoffice ein.
Für den neuen Direktor Louis Schlapbach war die Empa nach der Jahrtausendwende noch immer nicht richtig ausgerichtet. Die Institution sei was Materialforschung betrifft zu sehr auf Baumaterialien fokussiert. Sein Verdikt: Die Empa hinke in vielen Bereichen der globalen Entwicklung in der modernen Materialforschung hinterher. Deshalb richtete er die Empa neu zu 60 Prozent auf anwendungsorientierte Forschung, 10 Prozent Lehre und nur noch zu 30 Prozent auf anspruchsvolle Dienstleistungen aus.
Gian-Luca Bona, der auf Schlapbach folgte, verstärkte den Fokus auf Forschung und die Nähe zur Wirtschaft noch. Er steigerte die Kooperation mit Firmen aus der Industrie von rund 50 im Jahr 2009 auf heute über 150. Unter seiner Leitung entstand 2015 in Dübendorf zudem das Gebäude Nest, das weltweit für Aufsehen sorgte. Dort wird am Hausbau der Zukunft geforscht. Das Haus ist von Studenten bewohnt und periodisch werden modulare Einheiten ab- und dazu gebaut. Damit ist das Haus eine Art Sinnbild für die Geschichte der Empa, denn es ist in stetigem Wandel.