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So kämpften Oberländerinnen für ihre politischen Rechte

Seit genau 50 Jahren dürfen Frauen im Kanton Zürich stimmen und wählen. Vier Frauen berichten über Engagement, Generationenkonflikte und ländlichem Konservatismus.

An Fackelzügen machten die Frauen auf ihre politische Stimmlosigkeit aufmerksam., Die Frauenzentrale Zürich wiederholte diesen Fackelzug am 3. Februar 2020., Die Russikerin Gertrud Fischer..., ....Historikerin Heidi Witzig..., Und Altgemeinderätin Mäges Berlinger denken an die Zeit des Um- und Aufbruchs zurück., Am 15. November 1970 nahmen die Zürcher das kantonale Frauenstimm- und Wahlrecht an.

Foto: ETH Bibliothek Zürich, Wolfgang Lindroos

So kämpften Oberländerinnen für ihre politischen Rechte

Heidi Witzig war 15 Jahre alt, als ihr der Vater seinen Stimmzettel hinhielt. « Hier, dieses Mal darfst du ihn ausfüllen » , sagte er. Heidi Witzig notierte entschlossen zwei Buchstaben – ein Ja, für das die Schweiz 1958 noch nicht vorbereitet war. Erst am 7. Februar 1971 sollten die Schweizer Männer dem  Stimm- und Wahlrecht für Frauen zustimmen. Nur wenige Monate zuvor hatten die Zürcher ihren Frauen das kantonale Stimmrecht zugestanden.

Am Sonntag ist dieser Entscheid 50 Jahre her. Ihm voraus ging ein jahrhundertlanger Kampf von Frauen, die sich zwar Bürgerinnen eines Landes nennen durften, aber nicht von den vollständigen politischen Grundrechten Gebrauch machen konnten.

Der Zusammenprall von Generationen

Heidi Witzig, Historikerin und Autorin, ist eine von ihnen. Sie lebte lange Jahre in Uster und politisierte für die SP im Stadtparlament. « Mir ging es immer um mehr als nur das Stimmrecht. Mir ging es um die Bekämpfung des Patriarchats » , sagt die heute 76-Jährige, die sich in jungen Jahren in der Frauenbefreiungsbewegung FBB engagierte.

« Da wollten lauter gehobene Frauen im gediegenen Rahmen feiern, dabei hatten sie ihr Ziel noch nicht mal erreicht »
Heidi Witzig, Historikerin und Ustermer Altgemeinderätin (SP)

Einige Anhängerinnen der Organisation stürmten 1968 das Zürcher Schauspielhaus, wo der Frauenstimmrechts-Verband sein 75-jähriges Bestehen feiern wollte.  « Da wollten lauter gehobene Frauen im gediegenen Rahmen feiern, dabei hatten sie ihr Ziel noch nicht mal erreicht » , so Witzig. Die Störaktion, die als Auftakt der Neuen Frauenbewegung in Erinnerung bleiben sollte, war ein Clash der Generationen.

Auf der einen Seite jene Frauen, die seit Jahrzehnten mit Vorstössen und Fackelzügen auf ihr Anliegen aufmerksam machten. Auf der anderen Seite die junge Generation, die resoluter auftrat und sich mit dem Stimmrecht alleine nicht zufrieden gab. Ihr Ziel: Die absolute Gleichstellung von Frau und Mann.

« Die ursprüngliche Frauenbewegung entstand aus einem bürgerlichen Milieu » , sagt die Illnauerin Rosmarie Quadranti, Präsidentin der Frauenzentrale Zürich. Jene Frauen organisierten sich in Vereinen und Verbänden, nahmen an den ab 1959 organisierten Fackelzügen der Frauenzentrale teil. Jedes Jahr marschierten die Frauen friedlich durch die Zürcher Innenstadt und machten so auf ihr fehlendes Stimmrecht aufmerksam.

Fackelumzug der Frauen für Frauenstimmrecht in Zürich

Mit dabei auch die Russikerin Gertrud Fischer. Sie arbeitete zu jener Zeit in Zürich und nahm 1959 an einem Umzug teil. Kurze Zeit später zog sie mit ihrem Mann nach Pully bei Lausanne. Der Kantonswechsel brachte für die junge Frau langersehnte Vorteile: Im Kanton Waadt durften die Frauen bereits 1959 an die Urne. 

« Ich erinnere mich, dass ich stolz war «dazuzugehören» und mitbestimmen zu dürfen » , sagt Gertrud Fischer.  Als dann ab 1970 auch im Kanton Zürich das Stimm- und Wahlrecht Realität wurde, sei dies für sie ein Freudentag gewesen.

Oberländer hätten Nein gesagt

Fünf Anläufe brauchte es letztlich, bis die Vorlage bei den Zürchern durchkam. Insbesondere im Zürcher Oberland hielten sich die Gegner hartnäckig. Die Abstimmung vom 14. September 1969 über das kommunale Stimm- und Wahlrecht für Frauen kam im ganzen Kanton wohl durch, hätte jedoch nur das Oberland abgestimmt, wäre die Vorlage einmal mehr abgelehnt worden (siehe Grafik).

Lediglich die Gemeinden im Bezirk Uster sprachen sich für das Frauenstimmrecht aus. Dass die Oberländer Gegner solange eine Mehrheit unter sich vereinen konnte, sei grösstenteils auf ländlichen Konservatismus zurückzuführen, sagt Historikerin Heidi Witzig. « Das Stadt-Land-Gefälle ist auf jeden Fall der wichtigste Faktor. Je mehr aufgeklärte Leute man hatte, desto eher stimmten die Männer ja. »  Gerade um Uster sei die Bildungsschicht gut vertreten gewesen, weshalb auch der Anteil der Befürworter grösser gewesen sei.

Rosmarie Quadranti: « Dass gerade die Bezirke Pfäffikon und Hinwil dem Frauenstimmrecht lange ablehnend gegenüber standen, lag sicherlich an ihrer bürgerlich-konservativen Prägung. Auch die Häufung an Kirchen und Freikirchen dürfte dabei eine Rolle gespielt haben. »

« Auch die Österreicher, Deutschen und Franzosen hätten länger nein gesagt, wäre die Vorlage an die Urne gekommen. »
Historikerin Heidi Witzig

Im internationalen Vergleich ist die Schweiz eines der letzten europäischen Länder, die das Frauenstimmrecht eingeführt haben: 53 Jahre nach Österreich, 52 Jahre nach Deutschland, 27 Jahre nach Frankreich. Für Heidi Witzig hinkt jedoch der Vergleich mit den Nachbarländern: « Dass uns diese Länder so viele Jahre voraus waren, liegt auch daran, dass sie nicht über das Thema abgestimmt haben. »  

Die Einführung dieses politischen Rechts wurde meist im Zuge eines Parlamentsentscheids eingeführt. Sie ist überzeugt: « Auch die Österreicher, Deutschen und Franzosen hätten länger nein gesagt, wäre die Vorlage an die Urne gekommen. »

Einfluss der Kriegsjahren

In der Schweiz nahm die Debatte in den 60er Jahren an Fahrt auf. Der öffentliche Diskurs und der Zeitgeist ist geprägt von Frauen, die mit einem neuen Selbstverständnis aufgewachsen sind. Die langjährige Russiker Gemeinderätin Mäges Berlinger (FDP) erinnert sich: « Bei uns zuhause wurde viel politisiert. Und auch ich beteiligte mich gerne daran. » 

Besonders ihr Onkel, ein Gemeinderat, und ihre Tanten hätten dabei Einfluss geübt. « Meine Tante erzählte von jenen Tagen, als die Frauen während dem Krieg den Bauernhof geführt haben. Die Männer waren ja an der Front. »  Diese Erfahrung hätte viel geändert.

Zürich, Stadelhoferplatz, Blick nach Südosten (SE) in die Theaterstrasse, Ballonpropaganda für das Frauenstimmrecht

Auch im Oberland engagierten sich viele Frauen für ihre Rechte. Zum Beispiel im Frauenstimmrechtverein Zürcher Oberland. Heidi Witzigs Schwiegermutter, die Ustermerin Claire Vetterli, war eines der aktivsten Mitglieder.

Der Verein nahm regelmässig am Uster Märt teil, wo die Frauen eigenhändig gestrickte Socken verkauften, um Geld für Inserate zu sammeln, die sie im Vorfeld der eidgenössischen und kantonalen Abstimmungen publizierten. « Sogar Bauern, die gegen das Stimmrecht waren, haben diese Socken gekauft » , weiss Heidi Witzig von Erzählungen ihrer verstorbenen Schwiegermutter. « Es waren eben die besten Socken. »

« Die jungen Frauen waren frech und mutig. »
Rosmarie Quadranti, Präsidentin der Frauenzentrale

Die Beharrlichkeit der Frauen zahlte sich aus. « Die Zeit war irgendwann reif, auch dank den hartnäckigen Frauenorganisationen, die immer wieder für ihr Anliegen einstanden » , sagt Rosmarie Quadranti. Verstärkte Bewegung in die Sache brachten jedoch die jungen Frauen. « Die waren frech und mutig. »

Der Zwiespalt der Linken

Beim Marsch auf Bern am 1. März 1969 versammelten sich diverse Verbände und Aktivistinnen. Bürgerliche, linke und autonome Frauen standen geschlossen für ihre Rechte ein. «Die traditionellen Linken  waren dabei auch immer etwas im Zwiespalt » , erinnert sich Heidi Witzig.

Die grosse Frage war, ob man sich  primär mit den Männern der eigenen Klasse oder mit den Frauen auch bürgerlicher Kreise engagieren solle . Einmal in Bern angekommen, blieben die Lager zumindest in einem räumlichen Sinn dann auch getrennt. Die jungen Frauen blieben auf dem Bundesplatz. « Die Frauenzentrale traf sich im Kursaal » , so Quadranti.

Am Marsch auf Bern nahmen rund 5000 Personen teil, darunter auch viele Männer. Er war einer der historischen Schlüsselmomente im Kampf um das Stimmrecht.

« Per Sie » bis ins Grab

Als das Stimm- und Wahlrecht auf nationaler Ebene eingeführt wurde, lebte die Russikerin Mäges Berlinger zusammen mit ihrem Mann im Kanton Waadt. Im selben Jahr kam ihre Tochter auf die Welt. « Wir nannten sie deshalb oft scherzhaft das Stimmrechtskind. »

« Da gab es männliche Mitglieder, die mir das Duzis erst nach ein paar Jahren anboten. Andere blieben per Sie –  bis zu ihrem Tod. »
Margrit Berlinger, Altgemeinderätin (FDP)

Als die junge Familie kurz darauf nach Russikon zurückkehrte, begann sich Berlinger vermehrt in Gremien zu engagieren. Sie wurde Präsidentin des Pfäffiker Kinderhauses, war die erste Frau im Vorstand der Dorfgenossenschaft Russikon.

« Da gab es einige männliche Mitglieder, die die Hände verwarfen. Es gab solche, die mir das Duzis erst nach ein paar Jahren anboten. Andere blieben per Sie –  bis zu ihrem Tod. »  1994 kam sie in den Gemeinderat. Bis zu ihrem Rücktritt 2018 war sie oftmals die einzige Frau.

Positiv in die Zukunft

Als Präsidentin der Frauenzentrale und Altnationalrätin (BDP) hat sich Rosmarie Quadranti die Förderung der Frauen in der Politik auf die Fahne geschrieben. « Wir wollen die Frauen für die nächsten Gemeindewahlen 2022 motivieren. Es müssen mehr Frauen auf die Listen. »  

Der Kampf um das Stimmrecht mag der Vergangenheit angehören, der Kampf um die Gleichstellung dauert noch an. Quadranti gibt sich derweil optimistisch, wenn auch in langfristiger Hinsicht: « Spätestens in 50 Jahren ist die Gleichstellung erreicht. Das muss sie sein. »

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