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Schulpolitiker debattieren über die beste Tagesbetreuung

Ende November stimmen die Dübendorfer über eine Tagesschule ab. Was sagen Bildungspolitiker aus Zürich, Uster und Volketswil zu diesem Modell? An einem Podium nahmen sie Stellung – und waren sich nicht wirklich einig.

Wäre hier eine Tagesschule möglich? Im Schulhaus Högler hat es zwar noch Platz, dafür ist es nicht zentral gelegen., Susanne Hänni befürchtet, dass es durch eine Tagesschule zu einer Entmischung der sozialen Schichten kommt., Patricia Bernet will das Tagesschul-Angebot in Uster ausbauen., Für Yves Krismer ist das Betreuungsangebot in Volketswil ausreichend.

Archiv: Christian Merz

Schulpolitiker debattieren über die beste Tagesbetreuung

Vor 20 Jahren stimmten die Dübendorfer das letzte Mal über eine Tagesschule ab – und kassierten eine deutliche Niederlage. Nach mehreren parlamentarischen Vorstössen versuchen es die Befürworter nun erneut: Am 29. November kommt die Volksinitiative «Bezahlbare Tagesschule jetzt» an die Urne. Die Primarschulpflege, der Stadtrat und eine Mehrheit des Gemeinderats lehnen das Begehren aus den Reihen von Links-grün ab.

Am Sonntag debattierten Bildungspolitiker aus Zürich, Uster, Dübendorf und Volketswil auf Einladung der Initianten über das nach ihrer Meinung nach beste Modell. Das Podium im Singsaal des Högler-Schulhauses fand Corona-bedingt ohne Publikum statt.

Zu wenig freie Plätze

Die Initiative verlangt als Ergänzung zu den bestehenden Tagesstrukturen die Einrichtung «mindestens einer Tagesschule». Deren Besuch soll freiwillig und bis auf die Kosten fürs Mittagessen unentgeltlich sein; Kosten fallen nur für eine allfällige Betreuung ausserhalb der Schulzeit an. Diese Forderung entspricht in etwa der derzeitigen Situation in Uster, wo es seit knapp sechs Jahren eine Tagesschule mit vier Klassen gibt.

«Es geht es um die Frage, welches Modell den Kindern am meisten bringt.»

Susanne Hänni (GLP/GEU), Primarschulpräsidentin von Dübendorf

Für die Ustermer Primarschulpräsidentin Patricia Bernet (SP) ist die Tagesschule «ein zukunftsgerichtetes Modell». Für die Eltern bringe es Planungssicherheit, die Mitarbeitenden profitierten von einem interessanteren Arbeitsumfeld und die Kinder erhielten mehr Stabilität und eine verbesserte Chancengleichheit. Die Primarschule Uster plant denn auch, das Modell auf weitere Standorte auszuweiten, denn, so Bernet, die Nachfrage übersteige das Angebot bei Weitem.

Eltern werden bevorzugt

Susanne Hänni (GLP/GEU), die Präsidentin der Primarschule Dübendorf, rechnete vor, dass eine Tagesschule die Stadt jährlich 200‘000 bis 400‘000 Franken kosten würde – zusätzlich zu den bereits existierenden Betreuungskosten. Gemäss Weisung würden Tagesschul-Eltern bevorzugt, weil sie etwa über Mittag nichts für die Betreuung zahlen müssten. Für die Bereitstellung der erforderlichen Räumlichkeiten geht die Schulpflege ausserdem von Infrastrukturkosten von 6 bis 15 Millionen Franken aus.

Der Grund für die Ablehnung der Initiative sei aber nicht in erster Linie ein finanzieller, sagte Hänni am Sonntag. «Vielmehr geht es um die Frage, welches Modell am besten zu Dübendorf passt und den Kindern am meisten bringt.» Womit sie den Kredit von 3 Millionen Franken für den Ausbau der Tagesstrukturen ins Spiel brachte, über den die Dübendorfer ebenfalls Ende November abstimmen.

Es handelt sich dabei nicht um einen offiziellen Gegenvorschlag zur Tagesschulinitiative, das heisst, je nach Laune der Stimmberechtigten könnten beide Vorlagen angenommen und umgesetzt werden. Ein Szenario, das die Initianten ausdrücklich begrüssen würden. Anders als die Tagesschule war der Kredit im Parlament nicht umstritten und wurde im März einstimmig durchgewinkt.

Nur für Reiche?

Für Hänni spricht die grosse Kontinuität in der Betreuung für Tagesstrukturen à la Dübendorf. Man müsse nicht durch die halbe Stadt zum Tagesschulhaus fahren, «denn bei uns sind sämtliche Angebote auf der Schulanlage». Ebenso seien die Kinder so mit den Gspänli aus der Nachbarschaft zusammen. Bei einer Tagesschule an einem zentralen Standort aber würden die Kinder «aus der ganzen Quartierstruktur herausgerissen».

«Die Diskussion erinnert mich an die Debatte, die wir vor Jahren in der Stadt Zürich geführt haben.»

Roberto Rodriguez (SP), Präsident der Schulkreises Uto

Beispiele von anderen Tagesschulen zeigten ausserdem, dass «eine Entmischung» stattfinde, weil vor allem bildungsnahe, finanziell besser gestellte Eltern das Angebot nutzten. Die Ustermer Schulpräsidentin Patricia Bernet bestätigte dies, wollte angesichts der wenigen Tagesschüler allerdings nicht von einer Gefahr mangelnder Durchmischung sprechen.

Weiter berichtete Hänni von einem Besuch in der Tagesschule Blumenfeld in Zürich, wo sie das Mittagessen als Massenabfertigung erlebt habe. «Es war sehr laut», sagt sie. In Dübendorf hingegen habe man am Mittagstisch eine angenehme, familiäre Atmosphäre.

«Die Diskussion erinnert mich an die Debatte, die wir vor Jahren in der Stadt Zürich geführt haben», sagte Roberto Rodriguez (SP), Präsident der Schulkreises Uto (und damit nicht fürs «Blumenfeld» zuständig). Sämtliche Stadtzürcher Schulen sollen künftig als sogenannt freiwillige, gebundene Tagesschulen geführt werden.

Der Ausschlag dazu sei nicht allein von der Politik gekommen, sagte Rodriguez. «Die zunehmende Wahlmöglichkeit der verschiedenen Angebote in der Tagesbetreuung hat bei so vielen Kindern zu unlösbaren organisatorischen Dilemmas geführt.» Irgendwann sei man gezwungen gewesen, ein System zu schaffen, das eine bessere Planbarkeit ermögliche – sowohl in Bezug auf den Personaleinsatz als auch im Zusammenhang mit den Kosten. «Ökonomisch gesprochen produzieren wir, auf das einzelne Kind heruntergebrochen, heute günstiger als mit der früheren Tagesbetreuung.»

Von einer verbesserten Planbarkeit profitierten ebenso die Eltern, deren Arbeitspensum laut Befragungen signifikant zugenommen habe. Dies auch wegen der Betreuungskosten: Arbeit lohne sich für die Eltern wieder. Rodriguez: «Für uns sind Tagesschulen nicht nur ein pädagogisches, sondern auch ein volkswirtschaftliches Mandat.»

Einfach mal ausprobieren

Laut Rodriguez wird in einer Tagesschule das Kind ins Zentrum gestellt. Dies etwa, indem die Hausaufgabenstunde in die Betreuung integriert wurde. In den Tagesschulen in seinem Schulkreis seien die jüngeren Kinder in einem sogenannten Familientischmodell, «aber irgendwann wollen die Kinder nicht mehr betreut werden».

«Es ist  jedem Bewohner selber überlassen, wo er aufgrund welchen Angebots hinziehen will.»

Yves Krismer (FDP), Schulpräsident von Volketswil

Dafür werde mit zunehmendem Alter das Essen wichtiger, weshalb man mittlerweile Köche angestellt habe. Auch Rückzugsmöglichkeiten gebe es genügend, wenn man etwa Schulzimmer und Turnhalle über Mittag offen halte. Letztlich riet er der Schule Dübendorf, das Modell Tagesschule auszuprobieren und die Erfahrungen als Basis für die weitere Entwicklung zu nehmen.

Schritt für Schritt in Volketswil

Der Volketswiler Schulpflegepräsident Yves Krismer (FDP) gab sich kritisch. In Volketswil hätten Elternbefragungen gezeigt, dass die bestehende Tagesbetreuung an vier Standorten «absolut ausreicht». Ein zentrales Tagesschulhaus mit Schülertransporten aus der ganzen Gemeinde macht für ihn keinen Sinn.

Krismer warnte davor, dass man einen Bedarf mit einem entsprechenden Angebot auch kreieren könne. «Da muss man aufpassen.» Die Schweiz habe ein föderalistisches System mit Gemeinden, die in einem gewissen Wettbewerb zueinander stünden. So gesehen sei es jedem Bewohner selber überlassen, wo er aufgrund welchen Angebots hinziehen wolle. Er wolle nicht ausschliessen, dass es in Volketswil irgendwann einmal eine Tagesschule geben werde. «Doch damit das funktioniert, muss diese Entwicklung Schritt für Schritt erfolgen.»

Dem schloss sich die Dübendorfer Schulpräsidentin Susanne Hänni an. Auf Anfrage führte sie aus, dass die Tagesbetreuung in fünf bis sechs Jahren wohl dem entspreche, was gemäss der Definition des Kantons als Tagesschule gilt. «Oh», entfuhr es da Susanne Schweizer, der Moderatorin und Co-Präsidentin der Dübendorfer SP, «das freut uns aber!»

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