Rettet The Boss selber die Oberländer Springsteen-Session?
Die Springsteen-Session in der Region ist zur Tradition geworden. Seit über zehn Jahren füllen üblicherweise drei verschiedene Formationen mit ihren Perspektiven auf die Songs des amerikanischen Superstars jeweils im Spätherbst verschiedene Säle im Oberland.
Dass nun Corona der Sache heuer den Garaus macht, hat die Veranstalter, die selber Fans von Bruce Springsteen sind, schon etwas mitgenommen. Wenngleich der langjährige Co-Organisator Enrico Marzorati aus Bäretswil sagt, bei ihm sei ohnehin etwas die Luft draussen gewesen. «Wir Menschen sind irgendwie so. Wenn wir etwas zu lange tun, geraten wir ins Reklamieren und verlieren die Freude daran.»
«Es ist, als würde ich fliegen.»
Enrico Marzorati
Die Pandemie beflügelte dieses Empfinden noch – Veranstaltungen wurden unplanbar, Schutzkonzepte aufwendig und unangenehm. Doch nun ist etwas passiert, was eingefleischten Springsteen-Fans schon länger nicht mehr widerfahren ist. The Boss hat soeben ein neues Album mit seiner E-Street-Band herausgegeben, das so richtig gefällig ist. Eine Platte für die Fans – arm an Experimenten, aber reich an Nostalgie und breitem E-Street-Stadion-Sound.
« Ein Guss »
Marzorati sagt: «Es ist, als würde ich fliegen. So ein Gefühl hatte ich bei einem Springsteen-Album zuletzt vor 45 Jahren bei ‹Born To Run›.» Der Neuling «Letter To You» bringe genau das, was ein hervorragendes Album ausmache. «Es ist mehr als die Summe der einzelnen Songs. Es besteht aus einem Guss und doch trägt jedes Lied seinen eigenen Charakter.»
Sein Kollege Thomas Mäusli aus Bäretswil, der Solo oder als Bandleader der Oberländer Band Panikhertz bislang an jeder Session auch selber aufgetreten ist und diese mitveranstaltet hat, teilt diese Meinung. «Endlich wieder Hooks, Riffs und Beats – und endlich wieder Melodien und Band-Songs», sagt er. Selber habe er auch die Alben «The Rising» (2002) und «Devils & Dust» (2005) richtig gut gefunden. Und jetzt sei er «erstmals wieder ziemlich happy» mit einem neuen Album des Boss’.
«Der ideenlose Bruce-Pathos der letzten Alben hallt noch etwas nach.»
Thomas Mäusli
Die beiden sind sich zwar nicht ganz eins, was die Produktion des Albums angeht. Marzorati findet es etwa «nicht zu Tode produziert», wie teils Vorgängerscheiben. «Die Aufnahmen entstanden live, und pro Song wandte die Band gut drei Stunden auf. Da kann man gar nicht überproduzieren.» Mäusli indes ist der Meinung, ein Stück der zuletzt an Springsteen von Fans und Kritikern bemängelten kitschig-bombastischen Stimmung und Überproduktion sei nach wie vor vorhanden. «Der ideenlose Bruce-Pathos der letzten Alben hallt noch etwas nach.»
Ein schönes Ersatzgeschenk
So oder so ist das Album für die beiden aber ein schönes Geschenk. Denn die Springsteen-Session wäre nur zwei Wochen nach Veröffentlichung des neuen Albums gestiegen – also anfangs November. «Insofern kann man schon sagen, dass der Boss uns mit seinem Album gleich eigenhändig über den Ausfall der Session hinwegtröstet.»
Und zumindest Marzorati gibt dieses Gefühl auch etwas Rückenwind für die Zukunft. «Das Album löst in mir etwas aus – eine Art Bewegung.» Das neue Springsteen-Album mit alten Werten könnte für ihn sogar fast schon eine sinnbildliche Inspiration sein. «Ich kann verstehen, was Bruce mit diesem Album gemacht hat. Mit 71 spürt er langsam die Endlichkeit seiner Existenz. Nun kann er sich nochmals jung, euphorisch fühlen – mit seiner alten Band, seinem alten Stil, ohne verrückte Experimente.»
«Das markanteste E-Street-Riff seit Langem.»
Thomas Mäusli
Früher ging Marzorati, der nur zwei Jahre jünger als The Boss ist, oft nach Paris, wo er immer dieselbe Bar aufsuchte. Der Barmann dort sei auch ein Springsteen-Fan gewesen. «Er sagte mir mal: Weisst du, Enrico, die Musik von Bruce macht keinen Umweg über den Kopf, sondern geht direkt in den Bauch.» Genau das sucht Marzorati im Leben ebenso – und das Gefühl von damals, als Springsteen die Welt des Bäretswilers mit seiner Musik veränderte.
Auch Mäusli spürt diese Freude an der Musik eines seiner Helden zurückkehren. «Insbesondere die Lieder in der Mitte des Albums überzeugen mich – von ‹Power Of Prayer› bis ‹Ghost›. Und ‹If I Was The Priest› besitzt vermutlich das markanteste E-Street-Riff seit Langem.» Ob ihn die Songs auch inspirieren für eine neue Session im kommenden Jahr, will er aber noch offen lassen.