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Ist die Erinnerung an Adolf Guyer-Zeller noch zeitgemäss?

Adolf Guyer-Zeller ist der bekannteste Industrielle des Zürcher Oberlands. Er profitierte aber auch ganz direkt von der Sklaverei und äusserte sich rassistisch. Wie geht man in der Region heute damit um?

Der Bäretswiler Industrielle Adolf Guyer-Zeller machte im 19. Jahrhundert Geschäfte mit von Sklaven produzierter Baumwolle.

Foto: Seraina Boner

Ist die Erinnerung an Adolf Guyer-Zeller noch zeitgemäss?

Die Stadt Zürich nimmt derzeit 26 Statuen genauer unter die Lupe. Sie will wissen, ob problematische Figuren auf den Sockeln stehen und allenfalls heruntergeholt werden sollen. Auslöser war die Alfred-Escher-Statue vor dem Hauptbahnhof.

Wegen der Verstrickungen der Familie Escher in die Sklaverei wurden in der Zürcher Stadtpolitik auch schon Stimmen laut, die das Denkmal vom Bahnhofsplatz verbannt und ins Museum verschoben haben wollen. Andere fordern, dass man zumindest mit einer Tafel auf problematische Aspekte und Hintergrundinformationen zum historischen Kontext hinweisen müsste.

«Zum Dienen geboren»

Im Zürcher Oberland fand eine solche kritische, gesellschaftliche Debatte zur kolonialen Vergangenheit bisher kaum statt. Dabei gibt es mit Adolf Guyer-Zeller einen bekannten Industriellen, der ganz direkt von der Sklaverei profitierte.

Der Baumwollfabrikant war anfänglich ein klarer Verfechter der Sklaverei. Seine Haltung legte er in seinen Tagebüchern dar, in denen er von seiner Reise durch die Südstaaten der Vereinigten Staaten berichtete.

«Die Natur hat dem Neger eine Constitution verliehen, die ihm ermöglicht, da zu arbeiten, wo der Weisse es eben nicht kann.»

Adolf Guyer-Zeller in seinen Tagebüchern

Um zu schauen, woher der Rohstoff kommt, den sein Vater in der Fabrik in Neuthal verarbeitet, reiste Guyer-Zeller um 1860 dorthin und besuchte einige Baumwollplantagen. Dort machte er sich zur Zeit des Bürgerkriegs zum ersten Mal ein Bild der Sklaverei.

In seinen Tagebüchern verteidigte er zunächst die Sklaverei, die ihm zufolge den «göttlichen Gesetzen» und der «zum Dienen geborenen» Natur der Afrikaner entsprach. Die Sklaverei war für Guyer folgerichtig, denn die Natur habe «dem Neger eine Constitution verliehen, die ihm ermöglicht, da zu arbeiten, wo der Weisse es eben nicht einmal kann», schrieb er einst.

«Guyer-Zeller argumentierte aus seiner Sicht als Patron eines Unternehmens und erachtete die Sklaverei als notwendiges Übel.»

Wolfgang Wahl, Historiker und Guyer-Zeller-Kenner

Solche Aussagen wertet Historiker Wolfgang Wahl zwar als rassistisch, er differenziert aber. «Guyer-Zeller argumentierte aus seiner Sicht als Patron eines Unternehmens und erachtete die Sklaverei als notwendiges Übel», sagt der Wilemer, der seine Dissertation über das Wirken von Adolf Guyer-Zeller verfasste.

Der Industrielle sei sich der globalen Bedeutung der Baumwolle und der Sklaverei damals bewusst gewesen. Ohne die Sklavenarbeiter wäre es zu einem Engpass dieses Rohstoffs gekommen. Von sogenanntem transatlantischem Kapital könne man aber kaum sprechen. Gemeint sind umfassende Profite, die europäische Unternehmer und Kaufleute aus dem Dreieckshandel über den Atlantik erzielten. Dabei wurden unter anderem Textilien und Waffen aus Europa an der Küste Westafrikas gegen Sklaven eingetauscht und diese an Plantagen und Minenbesitzer im südlichen Nordamerika verkauft. Die Schiffe brachten schliesslich Rohstoffe wie Baumwolle, Zucker, Tabak und Kaffee zurück nach Europa.

Von Blocher verteidigt

Im Gegensatz zu anderen Unternehmern sei es Adolf Guyer-Zeller nie gelungen, mit dem Import und der Verarbeitung von Baumwolle ein Vermögen zu machen, sagt Historiker Wolfgang Wahl. «Dieses erzielte er erst später mit Gewinnen aus dem Kursgewinn von Eisenbahn-Aktien von 1877. Ausserdem hatte er von der Familie Geld geerbt.» Ende des 19. Jahrhunderts war der Baumwollfabrikant Milliardär und einer der reichsten und mächtigsten Männer der Schweiz.

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Ein gegenwärtiger Milliardär verteidigte Guyer-Zellers anfänglich defensive Haltung in der Sklavenfrage. So sagte Unternehmer und Alt-Bundesrat Christoph Blocher (SVP) anlässlich eines Referats in Wetzikon, in dem historische Oberländer Figuren würdigte, dass es Guyer-Zeller als Schweizer auch nicht angestanden gewesen sei, sich gegen die Sklaverei in den amerikanischen Baumwollplantagen einzusetzen.  «Wir Industriellen leben natürlich näher an der Sünde als ein Historiker, der an einer Mittelschule lehrt», so Blocher damals.

Mit eigenen Augen gesehen

Guyer-Zellers Haltung zum Sklavenhandel änderte sich mit der Zeit . Ethisch und moralisch beeinflusst durch seine fromme Familie sprach er sich später gegen den Menschenhandel aus. Laut Wahl wurden solche Bedenken im Verlauf der 1860er-Jahre generell immer lauter. Er spricht von einem «Gesinnungswandel» Guyer-Zellers.

Dieser sei auch damit zu erklären, dass dieser auf seinen Reisen in Nordamerika die Schrecken des Sklavenhandels mit eigenen Augen gesehen hatte – so beispielsweise auch, wie einem Sklaven wegen eines Fluchtversuchs ein Bein abgehackt wurde.

Andererseits hätten sich die wirtschaftlichen Begebenheiten geändert, da mittlerweile auch Baumwolle aus Indien, Südostasien und Ägypten importiert wurde.

« Aus Sicht der Gemeinde Bauma kann es vorliegend nicht darum gehen, im wortwörtlichen Sinne eine Figur vom Sockel zu holen. »

Roberto Fröhlich, Gemeindeschreiber von Bauma

Der Historiker zeichnet daher ein differenziertes Bild des Zürcher Oberländer Industriellen. Er habe das Thema Sklaverei je länger je mehr aus einer ethischen Perspektive angesehen und diese Praxis zunehmend verurteilt.

Guyer-Zeller habe sich nie nur als Unternehmer, sondern stets auch als Wohltäter betrachtet. So liess er etwa ein ganzes Wanderwegnetz für die Öffentlichkeit bauen. «Dies aber auch mit dem Hintergedanken, dass seine Fabrikarbeiter dadurch schneller zur Arbeit in der Fabrik ankommen.»

« Erinnerungskultur verändert sich »

Aufgrund seiner grossen Bedeutung wird in der Region in verschiedener Form an Guyer-Zeller erinnert. In Bauma befindet sich das monumentale Familiengrab des Industriellen. Der Gemeinderat hat sich angesichts der aktuellen Debatte bereits Gedanken über das Erbe des berühmtesten Toten der Gemeinde gemacht.

« Unseres Erachtens können Denkmäler nur aus dem jeweiligen historischen Kontext verstanden werden, wie auch Geschichtsschreibung immer auch Wertungen und Deutungen der Gegenwart beinhaltet » , sagt Gemeindeschreiber Roberto Fröhlich. « Mit Sicherheit war Adolf Guyer-Zeller für seine Zeitgenossen, gerade im Tösstal, eine herausragende Persönlichkeit. »

« Die Geschichte von heute ist weder die Geschichte von gestern noch jene von morgen. Erinnerungskultur, auch im Falle von Adolf Guyer-Zeller, verändert sich, kann aber nicht verordnet werden » , sagt Fröhlich. « Aus Sicht der Gemeinde Bauma kann es vorliegend nicht darum gehen, im wortwörtlichen Sinne eine Figur vom Sockel zu holen. »  Dazu sei nur schon die Grabanlage viel zu bedeutend. Ausserdem hätten Bilderstürme selten Gutes bewirkt.

Offen für Auseinandersetzung

In Bauma zeigt sich der Gemeinderat aber offen für eine kritische Auseinandersetzung. « Wichtig wird es sein, alle Aspekte des Wirkens von Adolf Guyer-Zeller richtig, das heisst zeitgemäss, entsprechend den heutigen Wertvorstellungen, einzuordnen » , sagt Fröhlich.

Aus Sicht des Gemeinderats sei das Anbringen einer Plakette denkbar. Ob es das Richtige ist, will Fröhlich derzeit offen lassen. « Vielleicht bedarf es mehr als das. »  Da es sich beim Grabmal um ein Objekt von kantonaler Bedeutung handelt, würde man dazu gegebenenfalls auch die kantonale Denkmalpflege beiziehen. Weiter sei zu berücksichtigen, dass es sich um ein Familiengrab und nicht um ein Denkmal handle und es noch Familienangehörige gebe.

Kein Anlass für einen Denkmalsturz

In Wetzikon trägt eine Strasse den Namen des Industriellen. Der Gemeinderat beschloss im Jahr 1994 den westlichen Teil der Hofstrasse als Guyer-Zeller-Strasse zu benennen. « Der Grund für die Namensbezeichnung war, dass die im Jahre 1901 eröffnete Uerikon-Bauma-Bahn ein Werk des Fabrikanten und Unternehmers Adolf Guyer-Zeller ist »,  sagt Stadtschreiberin Martina Buri.

Aus Sicht des Gemeinderats sei es deshalb gerechtfertigt gewesen, in Bahnhofsnähe einen direkten Bezug zu Adolf Guyer-Zeller herzustellen. Für die aktuelle Debatte scheint man sich in Wetzikon allerdings nicht gross zu interessieren. Der heutige Stadtrat hat sich gemäss der Stadtschreiberin nicht mit der Frage einer allfälligen Umbenennung des Strassennamens befasst.

Aufgrund seines Gesinnungswandels tauge Guyer-Zellers Werdegang nicht zur Skandalisierung, findet auch Wolfgang Wahl. Der Historiker sieht deshalb – ähnlich wie die angefragten Gemeinden – beim Oberländer Baumwollfabrikanten keinen Anlass für einen Denkmalsturz. (Marco Huber/Andreas Kurz)

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