Der Fall der Burg Neu-Bichelsee
Von meiner Küche aus blicke ich auf einen bewaldeten Hügelzug, der sich zwischen meinen Wohnort Seelmatten und Bichelsee schiebt. Das Dorf liegt knapp drei Kilometer vom See gleichen Namens an der Kantonsgrenze zwischen Zürich und Thurgau entfernt.
Wir Seelmättler nennen eine Erhebung auf diesem Hügelzug «Burstel». Korrekt ist das allerdings nicht. Auf Landkarten wird diese Stelle als «Guggenhürli» bezeichnet. Der «Burstel» liegt demnach auf der anderen Talseite beim Haselberg.
Burgen beflügeln Fantasie
Ganz von ungefähr kommt die umgangssprachliche Namensgebung nicht. Sie leitet sich von Burgstelle ab. Das bestätigt die «Burgenkunde» von Otto Piper. Dort wird der Ursprung von Burstel mit Burgstall oder Burgstell erklärt. Tatsächlich thronte einst eine Burg auf der erwähnten Erhebung.
«Als Kinder spielten wir nicht selten am Fuss des Burghügels.»
Albert Büchi
Burgen, ob noch sichtbar oder nicht, beflügeln die Fantasie. Als Kinder spielten wir nicht selten am Fuss des Burghügels oder auf ihm selbst. Darauf hoffend, ein Ritter trete aus dem Gebüsch. Oder davon träumend, einen vergrabenen Schatz zu finden. Das trat natürlich nie ein.
Nicht einmal einen Stein oder ein Stück Metall, das an eine Burg erinnerte, konnten wir entdecken. Was im Nachhinein betrachtet nicht verwunderlich ist. Denn die Burg wurde bereits vor Jahrhunderten zerstört, und die Natur hat sich die Stelle längst zurückerobert.
Sitz der Edlen von Bichelsee
Die «Burgenkarte der Schweiz, Blatt 2» ist nicht sehr ergiebig. Es sei die «spätere Burg der Herren von Bichelsee» gewesen, die 1274 von König Rudolf von Habsburg zerstört und nicht wieder aufgebaut wurde. Aber wann wurde sie gebaut? Und warum wurde sie durch den damaligen König zerstört?
Darüber fand ich nie Informationen, auch nicht in der Chronik der Gemeinde Turbenthal. Ergiebiger ist «Die Geschichte der Herrschaft und Gemeinde Bichelsee» von Reinhard Braun – erschienen 1925. Da erfährt man doch einiges mehr über die Burg Neu-Bichelsee. Demnach wurde die Burg über dem Bichelsee anfangs des 13. Jahrhunderts von den Edlen von Bichelsee erbaut.
«Trotzig erhob sie sich auf dem beinahe unzugänglichen Felsenkegel direkt über dem See.»
Aus der Chronik der Gemeinde Bichelsee
Grund war einerseits, dass die Stammburg beim Dorf Bichelsee für die beiden Familien von Walther und Eberhard von Bichelsee zu klein wurde. Zudem bedurfte das Ritterlehen einer besseren Bewachung und Verteidigung von Westen her. «Trotzig erhob sie sich auf dem beinahe unzugänglichen Felsenkegel direkt über dem See», heisst es in der Chronik.
Die Edlen von Bichelsee waren Ministerialen (unfreie Verwalter und Soldaten) des Klosters St. Gallen. Dieses gebärdete sich im 13. Jahrhundert ziemlich weltlich.
Zwei Lager
Als nach dem Tod des kriegerischen und lebenslustigen Abtes Berchtold von Falkenstein 1272 ein Nachfolger gewählt werden sollte, teilten sich die Untergebenen in zwei Lager. Eines (darunter auch die von Bichelsee) sprach sich für einen Verwandten Berchtolds aus dem Schwarzwald aus, ein anderes für einen Abt aus dem Thurgau.
Zum zweiten Lager gehörte Walther von Elgg, seit Jahren ein erbitterter Feind der Herren von Bichelsee. Einige Jahre zuvor hatten der Elgger und seine Ritter bei einem Gefecht in der Nähe von Aadorf die Edlen von Bichelsee besiegt, waren aber von Berchtold von Falkenstein daran gehindert worden, ihre Gegner zu verfolgen.
Der König greift ein
In den 70er-Jahren des 13. Jahrhunderts brach der Zwist zwischen den beiden Lagern erneut aus, nachdem die Herren von Bichelsee immer wieder Raubzüge ins Gebiet von Elgg unternahmen. Walther von Elgg schwor sich deshalb, die Burg Neu-Bichelsee müsse fallen.
Die Erstürmung der Burg gelang jedoch nicht, die Belagerung blieb erfolglos. Da wandte sich Walther von Elgg an seinen Verbündeten Rudolf von Habsburg, der 1273 in Aachen zum König des römisch-deutschen Reiches gekrönt worden war.
Rudolf von Habsburg galt als Burgenbrecher, dem kaum eine Burg widerstehen konnte. Tatsächlich war er auch hier am Bichelsee erfolgreich. 1274 wurde die Burg Neu-Bichelsee durch seine Truppen zerstört und danach nicht mehr aufgebaut. Heute erinnert kaum noch etwas an dieses Bauwerk. Eigentlich nur der Name der Stelle – der aber genaugenommen nicht korrekt ist. (Albert Büchi)
