Der Greifenseer «Klotz» ist Altpapier
Eigentlich hätten die Greifenseer am Mittwochabend nur darüber abstimmen sollen, ob die Gemeinde ein Bauprojekt der gemeinnützigen Stiftung Zentrum im Hof mit verschiedenen Mitteln unterstützen sollte. Für den auf 15,5-Millionen Franken geschätzten Bau sollte der Stiftung Zentrum Im Hof ein neues Baurecht eingeräumt und eine finanzielle Unterstützung zugesichert werden.
Doch sie fokussierten sich an der Gemeindeversammlung im Stadthofsaal Uster – mit 248 Stimmberechtigten rege besucht – auf den Baukörper. Der fünfeckige Neubau, der sechs Stockwerke hoch werden soll, ist dabei der auffälligste Bestandteil des Projekts.
«Der Kern des Dorfes verschandeln wir mit dem blöden Turm.»
Votantin aus Greifensee
Die Erweiterung des Alters- und Pflegezentrums ist vielen Greifenseer ein Dorn im Auge – Kritik wurde seit deren Bekanntgabe immer lauter. Auch am Mittwoch nahmen die Kritiker die Gelegenheit wieder wahr, ihr Unbehagen zu äussern.
Damit rechnete auch Gemeinderätin Franziska Graf Schläppi (Aktion G). «Ich bin mir bewusst, dass hier nicht wenige Personen sind, die das Projekt aus unterschiedlichen Gründen ablehnen wollen.» Doch bei einer Absage würde ausgerechnet die Generation benachteiligt, die das Dorf gross gemacht habe, so Graf Schläppi.
«Verschandelter Kern»
Dies schien bei den Stimmberechtigten hängen geblieben sein. So schmückten viele ihre Voten damit, wie lange sie schon im Dorf leben. «Ich bin eine Ureinwohnerin von Greifensee», sagte eine Frau. Für sie sei der damalige Bau des heutigen Alters- und Pflegezentrums unumstritten gewesen. Und auch dessen Ausbau sei nötig, die Frage sei allerdings wie. «Der Kern des Dorfes verschandeln wir mit dem blöden Turm.»
Ein Senior setzte nach: «Wenn meine Vorrednerin eine Ureinwohnerin des Dorfes ist, muss ich ein hiesiger Höhlenmensch sein.» Das Greifenseer Bauprojekt sei für die Anwohner bezüglich Schattenwurf vergleichbar mit dem des Fussballstadions inklusive der Hochhäuser.
Natürlich war die Aussage übertrieben. Jedoch zeigte sich, dass sich die Greifenseer mit dem geplanten sechsstöckigen Erweiterungsbau im Dorfzentrum schwer tun.
Ein Nein für eine bessere Lösung
Ein Herr sagte etwa, er sei nicht grundsätzlich gegen eine Erweiterung des Zentrums im Hof. Doch die vorliegende Variante habe keine Rücksicht auf das Ortsbild genommen. Es sei ein anderes Projekt anzustreben: «Ein Nein zu einer zweifelhaften Lösung ist oft ein Ja zu einer besseren Lösung.» Die Bauerweiterung sei am geplanten Ort sowohl vom Charakter wie auch vom Ausmass ein «völliger Fremdkörper»– ein «sechsstöckiger Klotz». Der Mann erhob den Vorwurf, dass die vielfach gezeigte Visualisierung des Baus, nicht die wirkliche Grösse wiederspiegle.
«Der Bau ist markant, das stimmt.»
Peter Andreas Reichart, Stiftungsrat Zentrum im Hof
Dies beanstandeten auch andere Votanten. Eine junge Frau bat gar, dass ihr Foto der ausgesteckten Bauprofile auf die Saalleinwand projetziert werden soll, denn die obersten Stockwerke kämen mit ihrer Lage einem Penthouse gleich.
Auf der Befürworterseite erinnerte Gemeindepräsidentin Monika Keller (FDP) daran, dass ein gesetzlicher Auftrag der Gemeinde bestehe, einen Pflegplatz sicher zu stellen. Benötige jemand einen solchen, müssten die Behörden innert 24 Stunden einen Platz anbieten können. Dafür genügten die bestehenden Leistungsvereinbarungen mit Heimen von anderen Gemeinden nicht , es brauche zusätzlich den Ausbau des Pflegzentrums.
Zurückhaltende Befürworter
Im Plenum hatten die Ausbaupläne der Stiftung Zentrum im Hof aber einen schweren Stand. Die Stimmberechtigten, die dafür waren, verzichteten auf ihr Wort. Auch Stiftungsratspräsidentin Heidi Kropf, der als Auswärtiger erst das Rederecht erteilt werden musste, machte davon erst nicht Gebrauch. Erst nach der Aufforderung einer Dame aus Greifensee, dass «die Chefin» doch bitte Stellung beziehen soll, ergriff Kropf das Wort.
«Es geht heute nicht um ein Alterskonzept, sondern um Pflegeplätze.»
Monika Keller (FDP), Gemeindepräsidentin Greifensee
Sie sagte, dass in Greifensee trotz gut funktionierender Spitex Menschen gebe, die nicht mehr alleine zuhause wohnen könnten. «Weil sie beispielsweise vereinsamen oder oft depressiv sind.» Diese seien froh, wenn sie Anschluss und Gestaltungsmöglichkeiten im Alltag hätten. Dafür eigne sich der Bau.
Hartnäckige Kritik an Greifenseer Altersheimplänen
07.02.2020

Umstrittener Erweiterungsbau
Die Stiftung Zentrum «Im Hof» informierte zum wiederholten Mal über ihre Ausbaupläne. Beitrag in Merkliste speichern Unterstützt wurde sie von Stiftungsrat Peter Andreas Reichart, der auf den wunden Punkt des Baukörpers zurückkam: «Der Bau ist markant, das stimmt.» Solche Bauten seien aber im Gesundheitswesen nicht ungewöhnlich, betrachte man das Spital Uster oder Wetzikon.
Forderung nach Alterskonzept
Neben der Architektur störten sich die Greifenseer aber auch am grundsätzlichen Vorgehen des Gemeinderates. Erst müsse ein Alterskonzept her, bevor ein konkretes Projekt vorläge, hiess es immer wieder.
Monika Keller, die wie Graf-Schläppi zusätzlich im Stiftungsrat Zentrum im Hof sitzt, sagte. «Es geht heute nicht um ein Alterskonzept, sondern um Pflegeplätze.»
Nach fast zweistündiger Debatte wurde per Ordnungsantrag die Schlussabstimmung erzwungen. Mit 153 Nein zu 64 Ja stimmten die Greifenseer deutlich gegen die Unterstützung der Erweiterungspläne.
Nur kurzfristige Lösung
Somit kann die Stiftung ihr Projekt nicht umsetzen. Trotz der immer wieder geäusserten Kritik gegen das Vorhaben, sei bis zum Schluss unklar gewesen, wie gross die Opposition wirklich sei, sagt Monika Keller auf Anfrage. Obwohl die Abstimmung verloren ging, sagt die Gemeindepräsidentin: «Ich bin froh, dass das Verdikt so klar ausgefallen ist.»
Denn so sei wenigstens deutlich klar, was die Leute nicht wollten. Ein neues Bauprojekt auf die Beine zu stellen, dauere aber erfahrungsgemäss mindestens fünf Jahre.
Kurzfristig könnten weitere Leistungsvereinbarungen mit Institutionen wie Heimen oder Spitex helfen, den Pflegebedarf der Gemeinde zu decken, sagt Keller. «Mittelfristig werden wir uns aber weitere Gedanken machen müssen.»
