Abo

Politik

Von der Produktionsstätte zum hippen Wohn- und Kunstort

Das ehemalige Areal der Spinnerei Bühler bei Kyburg wird momentan umgebaut. Bis 2025 sollen hier dutzende Wohnungen und Gewerbeflächen entstehen.

Auf dem Bühler Areal wird sich in den nächsten Jahren einiges ändern., Im alten Fabrikgebäude, welches 1860 erstellt wurde, sollen 86 Wohnungen entstehen., Wie der Umbau vonstatten geht, erläuterte Martin Kägi, Geschäftsführer der Bühler AG., Das neuere Fabrikationsgebäude wird so umgebaut, dass es von Gewerbebetrieben genutzt werden kann. , Derzeit bespielen das Areal rund 30 Künstlerinnen und Künstler., Stadtpräsident Ueli Müller (links) und der Kurator der Kunstausstellung Peter Baracchi beim Rundgang durch die Ausstellung.

Foto: Eduard Gautschi

Von der Produktionsstätte zum hippen Wohn- und Kunstort

Am Donnerstagabend fanden sich über 20 Mitglieder des Illnau-Effretiker Politbetriebs auf dem Vorplatz der ehemaligen Baumwollspinnerei Bühler AG ein. Sie folgten einer Einladung des Stadtrats, der die derzeit laufende Kunstausstellung finanziell unterstützt. Auf dem Areal ist gleichzeitig eine gewaltige Umnutzung im Gange, von der sich Illnau-Effretikon unter anderem die Schaffung und Ansiedlung neuer Arbeitsplätze erhofft, wie Stadtpräsident Ueli Müller (SP) erklärte.

Auf dem Areal soll aber nicht nur gearbeitet, sondern bis 2025 auch gewohnt werden. Wie dies vonstatten gehen wird, erläuterte im Einzeln Martin Kägi, Geschäftsführer der Hermann Bühler AG.

Geschichte der Hermann Bühler AG

Die Firma wurde 1812 gegründet und produzierte bis 2016 Baumwollgarne, wovon sie rund die Hälfte in die USA und nach Asien exportierte. Das Geschäft lief so gut, dass die Produktion aus der 1860 in Betrieb genommenen Spinnerei in den Jahren von 1980 bis 1990 in das neu erstellte Produktionsgebäude umzog. Die Finanzkrise leitet dann aber das Ende der Bühler AG ein. Der Umsatz halbierte sich. Da die Nationalbank mit einem Mindestwechselkurs den Franken stützte, konnte die Firma weiter existieren. Als die Unterstützung aufgehoben wurde, sauste der Euro und der Dollar in den Keller, Geld war nicht mehr zu verdienen, die Produktion wurde 2016 eingestellt. Das ganze Areal liegt unmittelbar an der Töss, welche die Grenze zu Sennhof und Winterthur bildet. Erschlossen wird das Areal von Sennhof aus über eine Brücke.

«In den USA existierte eine Tochterfirma, die 2017 verkauft werden konnte. Mit dem Erlös war das Startkapital vorhanden für eine Umnutzung des Areals und die Planung konnte beginnen», führte Kägi aus. Seither sei einiges geschehen. Begonnen habe man mit den Umbauarbeiten der Fabrikationsgebäude, in denen Hallen von über 3500 Quadratmeter Fläche zur Verfügung stehen. Darin entstehen Gewerberäume, die bereits im ersten Quartel 2021 bezugsbereit sein sollen.

Um dem historischen Erbe Referenz zu erweisen werden zahlreiche Anbauten, die im Laufe der Jahre erstellt wurden, zurückgebaut und die Umbauarbeiten an den bestehenden Gebäuden so ausgeführt, dass der industrielle Charme erhalten bleibt.

Bistro im Kraftwerk

Die Spinnerei verfügt zudem über ein eigenes Kraftwerk inklusive Weiher. Dieses Ensemble bleibt bestehen, im Kraftwerk soll ein Bistro den Betrieb aufnehmen. Erstellt werden muss eine Tiefgarage, deren Zufahrt so geregelt sein wird, dass der Innenhof zwischen den alten und neue Produktionsgebäuden autofrei bleibt.

Wohnungen werden in zwei Gebäuden geschaffen. 86 Wohnungen sollen bis 2025 in der alten Spinnerei entstehen. Im Garnlager sind dereinst dreistöckige Maisonettewohnungen, jede mit eigenem Garten, Balkon und direktem Zugang zur Töss geplant.  Die Projekte Gewerbe und Wohnen, die nun umgesetzt werden, wurden mittels Architekturwettbewerb erkürt. 

Glücksfall für Künstler

Den zweiten Teil der Führung bestritt Peter Baracchi, Mitglied des Künstlertrios «6 ½». Zur Ausstellung, die unter dem passenden Titel «In Transition» läuft, wurden 30 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt. Sie stammen aus der Region Winterthur und Zürich.  Baracchi bezeichnete «6 ½» als «nomadischen Kunstraum» der regelmässig temporäre Ausstellungsprojekte realisiert.

Dass sie die grossen Räume in der Fabrik während einem Monat nutzen können, sei ein grosser Glücksfall, sagte Baracchi. Grosse Räume zu finden sei nicht immer leicht. Hier aber habe man sich auf einer riesigen Spielwiese «austoben» können.

192 Porträts

Einige der Ausstellenden hätten dies denn auch dahingehend genutzt, dass sie vor Ort gearbeitet hätten und dabei auf die Geschichte der Spinnerei eingegangen seien. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit von Alicia Velasques, die die 192 Arbeiter angeschrieben hat, die bei der Schliessung der Fabrik noch dort arbeiteten. Velasques bat sie, ihre Geschichte in einem kurzen Text aufzuschreiben. Die 192 Geschichten hängen nun an Fäden von der Decke.

Velasques malt während der Ausstellung Bilder zu den einzelnen Geschichten. Neben Bildern und Skulpturen gibt es Videoinstallationen zu sehen, angereichert wird die Ausstellung durch ein reichhaltiges Rahmenprogramm, das Lesungen, Art-Talks, Konzerte und Performances beinhaltet.

Baracchi zeigt sich sowohl mit der Qualität als auch mit dem Besucheraufmarsch zufrieden: «Die Ausstellung ist für alle Besucher ein Erlebnis, auch wenn sie nicht alles verstehen, was hier zu sehen ist.» Das schien auch für die Stadt- und Gemeinderäte zu gelten, die sich beim Apéro angeregt über das Gesehene und Erlebte unterhielten.

Die Ausstellung dauert noch bis Samstag, 26. September. Weitere Informationen finden Sie hier.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.