Sind Ustermer Kaffeetrinker mit Tee zu begeistern?
Der Kern Süd in Uster ist chinesischer geworden. Nach dem bereits etablierten Chinesischen Restaurant an der nahen Zürichstrasse eröffnete gleich dahinter in einem der neuen Gebäude ein Teehaus. Yulu heisst das Lokal, das ganz auf traditionelle chinesische Teekultur setzt, die seit Jahrtausenden fester Bestandteil des Landes ist.
Das Teehaus feierte vergangenen Samstag Eröffnung. «Kostbarer Wassertropfen» lautet der Name auf Deutsch übersetzt. Am Montag wäre das Lokal eigentlich zu, doch Geschäftsführerin Wei Feng öffnet ausnahmsweise. Mit dabei ist Jürg Meier, Präsident des Schweizer Teeclubs. Feng serviert einen «Tie Guan Yin». Guan ist im Buddhismus die Eiserne Göttin der Bamherzigkeit, weiss Meier.
«Als Jugendliche habe ich in China lieber Coca-Cola getrunken.»
Wei Feng, Geschäftsführerin Teehaus Yulu
Es sei klar, dass den meisten Ustermern diese Kultur noch neu sein dürfte. «Die Schweiz ist ein Kaffeeland», sagt Meier, und fügt freudig an: «Bei Yulu handelt es sich um das erste und bisher einzige Chinesische Teehaus im Grossraum Zürich.» Er unterstütze Wei Feng, die Mitglied im Schweizer Teeclub ist, beim Aufbau des Geschäfts, denn sie betrete mit diesem Lokal «gastronomisches Neuland».
Von China nach Uster
30 Jahre lebt Feng schon in der Schweiz – zwölf davon in Uster. Einerseits sei der Standort im Hinterhof des Kern Süd ideal für ein Teehaus, sagt die gebürtige Chinesin, «ruhig gelegen und weit weg von einer stark befahrenen Strasse.»
«Immerhin haben die Amerikaner der Teewelt zwei grosse Errungenschaften hinterlassen, nämlich den Teebeutel und den Eistee.»
Jürg Meier, Präsident Teeclub Schweiz
Andererseits würde gemäss Feng gerade eine solche Strasse für Aufmerksamkeit sorgen, besonders am Anfang würde das helfen, das Teehaus bekannter zu machen. Das China-Restaurant gleich um die Ecke empfindet Feng nicht als Konkurrenz, «bei uns steht der Tee im Mittelpunkt, wir bieten aber kleine Speisen wie Dim Sum und chinesische Süssigkeiten an».
Verweildauer im Kern
Sandra Frauenfelder, Standortförderin in Uster, ist froh, dass das Teehaus den Kern Süd belebt. Das Lokal mit den Sitzgelegenheiten draussen lade zu längerem Verweilen ein, etwas, das dort bislang gefehlt habe. Frauenfelder und Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (SP) hatten Wei Feng vor der Gründung des Teehauses zu einem Gespräch eingeladen, so wie sie es allen neu gegründeten und zugezogenen Firmen anbieten würden. «Wir haben Frau Feng als engagierte Person kennengelernt, die Uster und seine Einwohner bestens kennt.»
So habe Feng über verschiedenen Ustermer Firmen und Institutionen gute Kenntnisse gehabt. Das sei nach zwölf Jahren Wohnsitz in Uster nicht selbstverständlich sagt Frauenfelder.
Tee für Freund und Feind
Feng zeigt, wie es aussieht, wenn nach traditioneller chinesischer Teekunst zelebriert wird. Vor sich hat sie einen Holzkasten mit Rost, das sogenannte Schiff. Auf diesem stehen sechs Teeschalen, in die sie «Tie Guan Yin»-Tee giesst. Nun schüttet sie den Tee durch den Rost in den Holzkasten, denn: «Den ersten Aufguss trinkt man in der Regel nicht», sagt Feng. «Ein chinesisches Sprichwort besagt: Der erste Aufguss eines Tees ist für deine Feinde. Der zweite Aufguss für deine Freunde – und erst der dritte für dich selbst.» Den zweiten Aufguss verteilt sie danach in die Schalen, die bereit zum Servieren sind.
Das Aroma hat sie aus ganzen Teeblättern gezogen. Dabei müsse sie akribisch auf die Wassertemperatur achten. Nicht jeder Tee benötige siedendes Wasser. «Chinesischer Grüntee beispielsweise benötigt 80-grädiges Wasser, sonst wird er bitter.»
Coca-Cola statt Tee
Jürg Meier, Präsident des Schweizer Teeclubs sagt, dass China das Zentrum der Jahrtausende-alten Teekultur ist, und der Westen dieser gefolgt sei. «Immerhin haben die Amerikaner der Teewelt zwei grosse Errungenschaften hinterlassen, nämlich den Teebeutel und den Eistee», meint Meier schmunzelnd.
Zwar garantiere auch offener Tee keine Spitzenklasse, doch in einem Teebeutel sei höchste Qualität unmöglich. Dafür sei der Platz der Kräuter im Beutel schlicht zu knapp. «Tee muss sich im Wasser ausbreiten können.»
Diese Hochkultur des Tees hat Geschäftsführerin Wei Feng lange Zeit nicht befolgt. «Als Jugendliche habe ich in China lieber Coca-Cola getrunken.» Während ihr Vater täglich im Teehaus ein und aus ging, lernte Feng die Teekultur erst in der Schweiz kennen. Es brauchte schon die Verwandtschaft aus China, die ihr heimischen Tee mitbrachte, um auf den Geschmack des traditionellen Getränkes zu kommen. Feng besuchte daraufhin eine Teeschule in China, die sie vor zwei Jahren abschloss. Dort lernte sie viele verschiedene Teesorten kennen. Ein Teil davon können die Ustermer nun in ihrem Lokal kennenlernen.
