«Immer wenn ich einen Giessen in meiner Nähe spüre, muss ich ihn sofort aufsuchen»
Rudolf Bolliger erforschte während tagelangen Ausflügen die Giessen (siehe Box) des Tösstals. « Ich hatte früher bereits Freude an den Wasserfällen, hatte jedoch keine Vorstellung davon, wie dicht und speziell sie wirklich sind » , erzählt er. Startschuss für das tiefere Interesse bildete dann die Kreierung des Wimpels für den Lions-Club Tösstal (LCT).
Die kleinen Flaggen zeigen üblicherweise ein regionales Merkmal der Clubgegend. Der LCT entschied sich auf Vorschlag von Bolliger für die Tösstaler Giessen. Er wurde in der Folge bei einer Präsentation über die Giessen ermutigt, seine Erkenntnisse in einem Buch festzuhalten.
Eine Nummerierung
Also machte Bolliger sich an die Arbeit. Fünf Jahre investierte der 73-Jährige für sein Buch. Von der Quelle der Töss bis nach Winterthur dokumentierte er fotografisch 230 verschiedene Giessen. Jeden einzelnen nummerierte er entlang der Strömung.
Auf seinen Expeditionen stiess er auf viele unterschiedliche Sturzbäche. Einige brausen in einem einzigen Wasserstrahl in die Tiefe. Andere verlaufen mehrstufig und erstrecken sich über mehrere Gefälle hinweg. Ihre Höhe variiert ebenfalls stark. Bolliger dokumentierte Giessen, welche von 5 bis hin zu 40 Meter emporragen.
« Die geeignetste Jahreszeit, um das Phänomen Giessen zu betrachten, ist der Frühling. »
Rudolf Bolliger
Wetter und Jahreszeiten würden das Erscheinungsbild der Wasserfälle massiv verändern, so der Autor. « Ich kann einen Giessen im Winter mit zahlreichen Eiszapfen und Vereisungen fotografieren. Der gleiche Giessen kann im Sommer aber auch zu einem fast unerkennbaren Rinnsal werden. »
Laut Bolliger hat jede Jahreszeit ihre Reize. So sind im Winter spektakuläre Eisformationen zu beobachten, der Sommer und der Herbst bieten dafür ein fröhlicheres und farbigeres Wanderambiente. « Die geeignetste Jahreszeit, um das Phänomen Giessen zu betrachten, ist der Frühling, wegen der durchsichtigen Wälder und des vielen Schmelzwassers » , sagt der Weisslinger.
Über Menge beeindruckt
Nebst der Erfassung einzelner Giessen informiert der Autor in seinem Buch auch über deren Entstehung und Umgebung. Anfänglich erklären diverse Diagramme und Karten die Jahrtausende lange Entstehung der Giessen. Spezifisch wird auch die Eigenheit der Tösstaler Giessen erläutert und verdeutlicht, wie reichlich ihre Anzahl tatsächlich ist.
Was ist ein Giessen?
Zum Begriff «Giessen» gibt es im schweizerischen Idiotikon mehrere Erklärungen. So wird er als Wasserfall, Bachstrudel, Sturzbach und Stromschnelle definiert. Aber auch Seitenarme oder aufstossende Grundwasserströme als Nebenrinnsal eines Flusses können als Giessen bezeichnet werden.
Das Spezielle an der Region Tösstal sind laut Bolliger die geologischen Voraussetzung und die unglaubliche Dichte an Wasserfällen. Während der letzten Eiszeit war die Schweiz grösstenteils von Gletschern bedeckt, nicht jedoch das Tösstal. Wassererosion bearbeitete hier die Steinschichten über 10‘000 Jahre hinweg. Diese Abnutzung des Gesteins bildete Furchen und Höhlen. Über diese Gubel-Höhlen-Strukturen fallen die Giessen.
Rudolf Bolliger ist immer wieder über die Menge der Bachstrudel beeindruckt: « Unzählig ist ein in der heutigen Gesellschaft oft leichthin verwendeter Begriff», sagt er. Bezüglich der Anzahl der Giessen im Tösstal sei er jedoch zutreffend.
« Ich wusste nicht, auf was ich mich einliess. Es war letztlich ein enormer Aufwand. »
Rudolf Bolliger
Im zweiten Teil seines Buches beschreibt Bolliger diverse spezielle Eigenschaften des Geländes, der Felsen oder der Giessen. Diese Besonderheiten erstrecken sich über 40 Seiten und sind mit vielen Bildern dargestellt. Bolliger fotografierte dazu aus verschiedenen Perspektiven, wie hinter und vor dem Wasserfall. Oder er stellte auch den Kontrast dar zwischen mehrstufigen Wasserfällen bis hin zu Rinnsalen.
Im dritten Abschnitt wird die etappenweise Reise von der Quelle bis nach Winterthur dokumentiert. Hier übermittelt Bolliger detaillierte Beschreibungen einzelner Giessen, sowie seine Eindrücke der Landschaft während den Exkursionen.
Entspanntes Vergnügen
Dass sein Herzensprojekt so viel Arbeit auslösen würde, ahnte Rudolf Bolliger am Anfang noch nicht. « Ich wusste nicht, auf was ich mich einliess. Es war letztlich ein enormer Aufwand. Speziell in den letzten sechs Monaten. »
Auf die Frage, ob damit das Kapitel Giessen somit abgeschlossen sei, antwortet er lachend: « In den letzten Jahren spürte ich, dass ich körperlich nicht mehr mit den jungen Sportlern mithalten kann. Dies hält mich jedoch nicht ab, die Giessen zu besuchen. Immer wenn ich einen in meiner Nähe spüre, muss ich ihn sofort aufsuchen und fotografieren. »
Todelbach II
- Koord.: 703065 / 253375
- Höhe: ca. 4.5 m
- Art: solitär (eine Stufe)
- Zugang: Pfad, einfach
Königstal (bzw. Sack, Zell)
- Koord.: 704951 / 256582
- Höhe: ca. 15 m
- Art: mehrstufig
- Zugang: Pfad, einfach
Schwämibach
- Koord.: 716090 / 242014
- Höhe: ca. 8 m
- Art: mehrstufiges Juwel
- Zugang: schwierig
Greiselgubel
- Koord.: 711805 / 243913
- Höhe: ca. 40 m (siehe die Person links von der Aufprallstelle)
- Art: solitär
- Zugang: einfach
Vordertöss Dachsgubel
- Koord.: 715302 / 240326
- Höhe: ca. 23 m
- Art: solitär
- Zugang: Weg, einfach
Momilchgubelbach Bodenbächli
- Koord.: 714228 / 240262
- Höhe: ca. 10 m
- Art: ca. 21 Stufen
- Zugang: Weg, einfach
Weitere Infos zu dem Buch unter: https://www.giessen-im-toesstal.ch/
oder per Mail : mail@giessen-im-toesstal.ch