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Das Gehörlosendorf Turbenthal soll ein Ort zum Leben und Arbeiten bleiben

Im August letzten Jahres hat Annette Kahlen die Gesamtleitung des Gehörlosendorfs Turbenthal übernommen. Nach etwas mehr als einem Jahr im Amt zieht sie ein erstes Fazit und spricht über zukünftige Herausforderungen.

Annette Kahlens erstes Jahr als Gesamtleiterin des Gehörlosendorfs brachte diverse Herausforderungen mit sich.

Fotos: PD

Das Gehörlosendorf Turbenthal soll ein Ort zum Leben und Arbeiten bleiben

Wie haben Sie das erste Jahr als Gesamtleiterin im Gehörlosendorf erlebt?
Annette Kahlen: Das erste Jahr war sehr spannend und gefüllt mit vielen berührenden Begegnungen. Ich habe die Dorfbewohner als sehr interessiert an meiner Person erlebt. Der Austausch mit den Fachkolleginnen und -kollegen in den verschiedenen Bereichen ist inspirierend und das Netzwerk gehörloser Menschen sehr engagiert.

Was waren die grössten Herausforderungen, abgesehen von der Corona-Krise?
Die Institution verfolgt mit dem neuen Geschäftsleitungsmodell einen Wandel auf oberster Führungsstufe. Ein solcher Prozess ist fordernd und braucht Zeit.  Für mich persönlich war sicher auch eine Herausforderung, die Fülle an Informationen über das Funktionieren der Institution zu verarbeiten. Viele Mechanismen sind von meinen Vorgängern auf eine eigene, zuweilen auch «kreative» Art und Weise ausgeführt worden. Die saubere Bereinigung einiger Altlasten ist zeit- und kostenintensiv. Die Institution hat jahrzehntelang ein sehr hierarchisches Führungsmodell gelebt. Ein solches zu transformieren, ist ein längerer Prozess.

Welcher Teil Ihrer breiten Aufgabenpalette bereitet Ihnen am meisten Freude?
Natürlich die täglichen menschlichen Begegnungen, sei es mit Bewohnern, mit Kolleginnen und Kollegen oder mit Externen. Ich arbeite mich aber auch gerne in neue Prozesse ein, wie beispielsweise in ein neues Lohnmodell, welches wir gerade entwickeln.

« Gerade im Kontext von Hörbehinderung verläuft die Kommunikation anders als in einem hörenden Umfeld. »

Pflegen Sie als Gesamtleiterin einen intensiven Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern?
Da sich das Gehörlosendorf über ein grosses Areal erstreckt, ergibt sich täglich die Möglichkeit zu einem Schwatz mit den Bewohnern und Mitarbeitenden. Sie sprechen mich auch von sich aus auf ihre Beobachtungen an. Sie fragen nach meinen Ferienerlebnissen und zeigen Interesse an meiner Familie.

Das Gehörlosendorf ist ein in sich funktionierender Mikrokosmos. Wie erleben Sie das alltägliche Miteinander?
Die vielen verschiedenen Abläufe haben fast alle Einfluss aufeinander, auch wenn die einzelnen Bereiche sich primär autark organisieren. Damit die Institution als Ganzes gut funktionieren kann, sind jeweils viele Absprachen notwendig und auch ein gutes Gespür und offene Augen für eine lösungsorientierte Kommunikation.  Gerade im Kontext von Hörbehinderung verläuft die Kommunikation anders als in einem hörenden Umfeld. Dafür müssen wir sensibel sein und bleiben. Grundsätzlich erlebe ich ein grosses Engagement in der gemeinsamen Zusammenarbeit. Und mir ist sehr deutlich bewusst, dass die Anforderungen hoch und die zeitlichen Ressourcen knapp sind.

Was macht diesen Mikrokosmos Gehörlosendorf so besonders?
Mit Sicherheit das Miteinander von Bewohnern, Mitarbeitenden an den geschützten Arbeitsplätzen und Personalangestellten. Jeder hat seinen Platz und eine Rolle auszuführen. Besonders ist sicher auch, dass wir einen grösstmöglichen Rahmen an Selbständigkeit geben und fördern möchten.

« Wie in vielen anderen Bereichen wird es auch im Behindertenwesen zu finanziellen Umstrukturierungen und Kürzungen kommen. »

In welche Richtung soll sich die Institution unter Ihrer Führung weiterentwickeln?
Es mag simpel oder auch plakativ wirken, aber an der grundsätzlichen Ausrichtung möchte ich nichts verändern: Das Gehörlosendorf Turbenthal soll ein Ort bleiben, in dem gerne gelebt und gearbeitet wird. Ich verstehe Führung als Dienstleistung und möchte mich entsprechend dort unterstützend einbringen, dass jede und jeder seine Funktion und seine Rolle gut ausüben und an den Herausforderungen wachsen kann.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Institution in naher Zukunft?
Die Anforderungen im sozialen Bereich sind über die Jahre hinweg kontinuierlich gewachsen. Bei einer Zunahme an administrativen Aufgaben bleibt weiterhin wichtig, die involvierten Menschen nicht zu vergessen. Wie in vielen anderen Bereichen wird es auch im Behindertenwesen zu finanziellen Umstrukturierungen und Kürzungen kommen. Diesbezüglich müssen auch wir uns finanzstrategische Überlegungen machen.

Haben Sie sich besondere Ziele für Ihr zweites Jahr als Gesamtleiterin gesetzt?
Ich möchte die innerbetriebliche Mitwirkung und den Zusammenhalt stärken. Wir beschäftigen ein gut ausgebildetes und diverses Personal. Das Wissen und Können von allen soll Anwendung finden.  Des Weiteren erachte ich als wichtig, den Bekanntheitsgrad des Gehörlosendorfs zu vergrössern, um Menschen mit einer Hörbehinderung Lebensraum oder einen Arbeitsplatz anzubieten und gleichzeitig die Gesellschaft für ein Zusammenleben mit Hörbehinderung zu sensibilisieren.  Ausserdem wollen wir weiterhin in die Ausbildung von Menschen an geschützten Arbeitsplätzen investieren. Wir sind im Rahmen eines Projekts dabei, ein eigenes Berufsschulangebot für die Praktische Ausbildung PrA – das ist ein niederschwelliges Berufsbildungsangebot – auf die Beine zu stellen. 

 

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