Mit einem Velo ohne Pedale der Töss entlang tuckern
Wer auf Tösstaler Velowegen unterwegs ist, hat sie wohl schon gesehen: Menschen, die auf einem Gefährt mit breiten Reifen sitzen. Ohne in die Pedale zu treten, kommen sie vorwärts, denn ihre Scooter sind elektrisch angetrieben.
Auch mir sind sie nicht verborgen geblieben. In Wila sind sie oft bei Rastplätzen anzutreffen. Das hat meine Neugier geweckt. Mich reizte der Gedanke, einmal mit solch einem Teil durch meine Arbeitsregion zu tuckern. Also begann ich mit der Recherche.
Verantwortlich dafür, dass diese Elektroscooter überhaupt ins Tösstal kamen, sind Katalin und Filip Dimic. Ihre Firma Tösstal Ride vermietet sie in Kollbrunn. Dort treffe ich die beiden auch zum Gespräch. «Die Idee hatte meine Frau», erzählt mir Filip Dimic. «Sie wollte nicht nur Vollzeitmami sein, sondern auch ein Geschäft auf die Beine stellen, bei dem sie von zu Hause aus arbeiten kann.»
Nachdem sie vor drei Jahren mit ihren Kindern nach Kollbrunn gezogen waren, verliebten sich die Dimicens sofort in die Natur und Landschaft. «Die Velowege sind hier einfach wunderschön», meint Katalin Dimic.
Ein Velo ohne Pedale
Und so hatten die beiden die Idee, diese Wege auch für diejenigen zugänglich zu machen, die keine sportliche Betätigung suchen. «500-Watt-Elektroscooter, wie wir sie vermieten, gelten gesetzlich als Velo. Auch wenn sie keine Pedale haben», sagt der Ehemann.
«Bill Gates hat ja auch einmal in einer Garage angefangen.»
Filip Dimic, Mitinhaber Tösstal Ride
Dank eigenen Ersparnissen sowie einem Zustupf von Katalins Eltern konnte das Ehepaar vor gut einem Jahr die ersten 15 «Fatboys» sowie Zubehör wie Anhänger für Kinder oder Hunde kaufen. «Fatboy» nennt man die Scooter wegen ihrer überaus breiten Reifen.
Das Ehepaar zeigt mir daraufhin das Hauptquartier ihrer Einzelfirma. Eine Garage. Diese 18 Quadratmeter sind der ganze Stolz der beiden. «Ich habe stundenlang daran gearbeitet», sagt Filip Dimic.
So ist Scooter-Zubehör an den Wänden und an der Decke angebracht, der Computer samt Drucker steht auf einem Tablar, das an der Wand befestigt ist. «Bill Gates hat ja auch einmal in einer Garage angefangen», fügt er mit einem Lachen hinzu.
Nicht übertreiben
Nachdem das Geschäft letztes Jahr in der ersten Sommersaison gut angelaufen ist, werden die beiden Unternehmer heuer in Hauptsaison mit Buchungen fast überrannt. «Wir präsentieren unser Angebot auf vielen Websites mit Ausflugstipps und deshalb finden Leute aus der ganzen Schweiz zu uns», sagt Filip Dimic. Das Ehepaar profitiert davon, dass viele Personen ihre Sommerferien im Heimatland verbringen.
Trotzdem können und wollen die beiden nicht ganz auf ihre Firma setzen. Filip Dimic arbeitet Vollzeit in der Telekommunikationsbranche und garantiert so ein sicheres Einkommen für seine fünfköpfige Familie: «Irgendwann möchte ich sicher mein Pensum reduzieren und mehr für Tösstal Ride arbeiten», meint er. Doch dafür müsse die Firma noch etwas wachsen.
«Wir planen, auf nächstes Jahr noch mehr Scooter anzuschaffen, aber übertreiben wollen wir es nicht», meint er. Schliesslich brauchten sie dann auch mehr Platz.
Für Unterhaltung ist gesorgt
Nach dem Gespräch ist es dann an der Zeit für meine Probefahrt. Glücklicherweise gibt es noch eine kurze Einführung vom Chef persönlich. «Einfach nie bremsen und Gas geben gleichzeitig», werde ich mit strengem Ton ermahnt. Der «Fatboy» verfügt über einen Handgas-Antrieb, die Bremsen sehen hingegen gleich aus wie die eines Velos.
Den wichtigsten Schritt darf man natürlich nicht vergessen: Das Handy muss mit der Musikanlage gekoppelt werden. Jeder Scooter verfügt über eine Bluetooth-Box, über die man während der Fahrt Musik hören kann. Filip Dimic zu Liebe mache auch ich das, traue mich aber kaum, die Lautstärke aufzudrehen. Ich mag normalerweise keine Menschen, die mir mit ihren «Böxli» ihren Musikgeschmack aufzwingen wollen.
Dann müsste man eigentlich nur noch losfahren. Filip Dimic steigt ebenfalls auf einen « Fatboy » und fährt voraus. Ich hingegen zögere noch. Mir ist etwas mulmig. Nur langsam gebe ich Gas und der Scooter fährt los. Anstatt meine Beine auf die Fussablage meines Scooters zu stellen, hebe ich meine Füsse nur leicht an. Nur für den Fall der Fälle, dass ich umkippe.
«Hamilton» zum Mithören
Ich merke schnell, dass das Gleichgewicht kein Problem ist. Wer Velofahren kann, kann auch mit einem Scooter fahren. Ab 16 Jahren darf man das ohne Führerschein. Wer erst 14 Jahre alt ist, braucht die Töffliprüfung.
Filip Dimic begleitet mich noch einige Meter auf dem Veloweg, dann bin ich auf mich alleine gestellt. Vor der Abfahrt erinnert er mich nochmals an die Musik: «Ich höre gar nichts», kommentiert er. Etwas widerwillig drehe ich die Lautstärke hoch. «My Shot» aus dem Musical «Hamilton» ertönt. Immerhin eines meiner Lieblingslieder.
Ich tuckere los von Kollbrunn in Richtung Wila. Am Anfang traue ich mich noch nicht, Vollgas zu geben. Ein Grund ist der fehlende Helm. Es ist ja auch keine Pflicht, schliesslich betrachten Paragraphenreiter mein elektrisches Gefährt als normales Velo. Aber für eine nächste Fahrt würde ich ganz klar meinen Velohelm mitnehmen.
Die Brücke des Schreckens
Kurz nach Rämismühle geht es dann richtig los. Ich gebe endlich Vollgas. Das heisst, ich tuckere mit 20 Kilometern pro Stunde der Töss entlang. Zwischendurch halte ich kurz an, bewundere den Fluss vor mir. Das aber mehr aus Gewohnheit. Die Strecke von Kollbrunn nach Wila kenne ich aus dem Effeff. Und auch die Töss. Unzählige Stunden habe ich schon auf diesem Fahrradweg verbracht. Als Kind manchmal auch nicht ganz freiwillig.
Erst bei der sagenumwobenen Eisenbahnbrücke in Wila komme ich ins Stocken. Weil die Unterführung dort so niedrig ist, muss ich absteigen und schieben. Was mit dem Velo kein Problem ist, ist mit dem «Fatboy» schon einiges schwieriger.
Er hat nämlich ein stattliches Gewicht. Und wendig ist er auch nicht. Nicht sehr praktisch, wenn man um Absperrungen herum manövrieren muss. Aber mit etwas Fluchen und Probieren klappt es dann doch. Kurze Zeit später erreiche ich Wila. Zeit für einen kurzen Zwischenstopp, bevor ich mich wieder auf den Weg zurück nach Kollbrunn begebe.
Ein schwerer «Fatboy»
Und schon wieder scheitere ich an der fehlenden Wendigkeit meines Scooters. Eine Kehrtwende auf dem Veloweg ist nicht möglich. Und den «Fatboy» anzuheben, wäre ein purer Kraftakt. Also muss ich etwas weiter in Richtung Tablat fahren, bis ich an einer Kreuzung genug Platz für eine Kurve habe.
Die Rückfahrt verläuft völlig unspektakulär. Ich finde langsam Gefallen an meinem Scooter. So ohne zu schwitzen in der Gegend herumzufahren, hat seinen Reiz. Und es ist überaus entspannend.
Rund 30 Minuten später erreiche ich wieder Kollbrunn. Katalin Dimic nimmt mich in Empfang. «Und, hat es Spass gemacht?», fragt sie. Ich nicke. Und spüre die Erleichterung, die Fahrt unbescholten überstanden zu haben. Ein Adrenalin-Kick kann man bei so einem Ausflug nicht erwarten, aber etwas Vorsicht ist trotzdem angebracht.
Die Fahrt wurde von Tösstal Ride gratis offeriert. Das Unternehmen hatte jedoch keinen redaktionellen Einfluss auf diesen Text.
