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So tickt die Oberländer Tiktokerin

Seit knapp zweieinhalb Jahren unterhält Nathalie Sulser ihre Fans auf Youtube und der Kurzvideo-Plattform Tiktok. Bis zu 94'000 Mal werden ihre Videos angeschaut.

Die 19-jährige Nathalie Sulser wohnt im Zürcher Oberland, besucht die KZO und..., ...ist seit knapp zweieinhalb Jahren auf Youtube und unterhält dort Leute.

Fotos: Seraina Boner

So tickt die Oberländer Tiktokerin

Sie wollte das schon lange. Vor die Kamera sitzen, Videos aufnehmen. Die sollten dann auf Youtube landen und die Leute unterhalten. Eigentlich. Immer wieder holte Nathalie Sulser Anlauf, probierte aus. Zuerst nicht auf Schweizerdeutsch. Alle Youtuber sprechen doch Englisch oder Deutsch. Mundart funktioniert eh nicht. Bei den ersten Versuchen schüttelte auch die Mutter den Kopf.

Und sowieso. Was würden die Klassenkameraden denken? Der Mut fehlte. Dann hat sie die Probezeit an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) bestanden und das änderte einiges. Am 15. Februar 2018 fuhr die heute 19-Jährige mit der Maus zum Button «Video hochladen».

Wahrheit oder Pflicht

Mittlerweile werden ihre Videos bis zu 94’000 Mal geschaut. Die Schülerin, die nächstes Jahr ihre Matura hat, ist entweder alleine zu sehen, mit anderen Youtubern, mit Freunden oder Geschwistern. Vor laufender Kamera spricht sie über Verhütungsmittel, spielt Wahrheit oder Pflicht, gibt Ideen gegen Langeweile oder erzählt «unangenehme Storys und Fakten über mich».

Nathalie Sulser spricht frei von der Leber, sagt, was ihr grad in den Sinn kommt. Ihre Sätze sind gespickt mit Wörtern, die ihre Altersgruppe täglich in den Mund nimmt und ältere Generation wohl ratlos zurücklassen. In den Videos und auch im echten Leben spricht sie schnell. Sehr schnell.

Hinter dem Rücken gelästert

Ebenso schnell wuchs ihr Bekanntheitsgrad. An der KZO hätten ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ihre Onlinepräsenz gut aufgenommen und akzeptiert. «In der Sek wird viel mehr getratscht oder hinter dem Rücken der anderen gelästert», sagt sie.

Als dann die Zeit kam, in der sie ihre Klassenkameraden nicht mehr sah, während des Lockdowns, folgte der zweite Boom für die Gymnasiastin. Auf einer anderen Social-Media-Plattform scharten sich Leute virtuell um sie – zu tausenden. Auf Tiktok, so nennt sich die App, auf der man sich kurze Videos anschauen kann, haben bereits 43’600 Menschen die Seite von Sulser abonniert. Auch hier veröffentlicht sie Videos. Diese sind allerdings markant kürzer – in ungefähr 15 Sekunden tanzt sie, spricht sie – ihre schnelle Aussprache kommt ihr da zu Gute und unterhält.

Im Laden erkannt

Sie kommt an bei den Jugendlichen. «Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, erkennen mich einige», sagt sie. Viele würden sich aber nicht trauen, sie anzusprechen und schreiben ihr im Nachhinein eine Nachricht. «Nach dem Lockdown war ich mit meiner Mutter shoppen. Da wurde ich in einem Geschäft gleich fünf Mal erkannt.»

Sie freue sich zwar jedes Mal, wenn das passiere. «Doch irgendwie ist es auch komisch. Sie ‹kennen› mich von den Videos, ich sehe sie aber zum ersten Mal.» Auch wenn sie im Gymnasium von jemandem angesprochen werde, den sie gar nicht kennt, sei das im ersten Moment irritierend. «Dieses Umfeld ist für mich eher privat. Das kollidiert dann irgendwie mit meinen Videos.»

Nicht alles teilen

Das Private ist ihr wichtig. Darum will sie ihren Wohnort im Bezirk Hinwil nicht genauer definiert in der Zeitung lesen. Dass sie in einer Beziehung ist, das wissen diejenigen, die ihre Videos regelmässig schauen. Um wen es sich dabei handelt, will sie aber nicht mit der Öffentlichkeit teilen.

Was sie dann aber vor der Kamera erzählt, erzählt sie unverblümt. Sie spreche auch Tabuthemen wie die Selbstbefriedigung an. Das fällt ihr leicht, denn: «Wenn ich mit der Kamera spreche, denke ich an Unbekannte und nicht daran, dass die Videos auch Leute sehen könnten, die ich persönlich kenne.» Das sei ihr dann hie und da unangenehm, wenn ein Lehrer sie beispielsweise auf ihre Videos anspreche.

Selbstvertrauen aufgebaut

Ihre Eltern hätten ihr, vor allem als sie noch minderjährig war, voll vertraut. «Meine Mutter hat mich zwar schon immer gefragt, ob ich das Video wirklich aufschalten will, wenn das Thema ein bisschen heikel war.» Sie glaube aber, dass das weniger an ihrer Mutter liege, sondern mehr an der Angst davor, was die anderen denken könnten.

Sie habe zwar noch nicht alle ihre Zweifel abbauen können, sagt Nathalie Sulser. Doch durch ihre Präsenz im Netz und die darauffolgende Resonanz der Zuschauer habe sie Selbstvertrauen aufbauen können.

Geld verdient

Dieses braucht sie auch bei ihrer Verpflichtung beim SRF. Für dessen Social-Media-Plattformen moderiert sie alle vier Wochen die Sendung «Youngbulanz». Eine Miniserie, die sich mit Dingen auseinandersetzt, die für Jugendliche von Interesse sind.

Die Sendung bringe ihr ein bisschen Geld, sagt Sulser. Doch auch mit ihrem Youtube-Kanal verdient sie mit Kooperationen und Werbung etwas. Ob sie später, nach Abschluss des Gymnasiums, etwas in diese Richtung machen will, weiss sie noch nicht genau. Moderieren fände sie schon spannend. Allerdings brauche sie auch Platz, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Hauptsache aber, sie kann Leute unterhalten.

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