«Ich besuche Vereinsanlässe ja nicht, um Cüpli zu trinken»
Herr Heeb, lassen Sie mich raten: Der Höhepunkt Ihres Amtsjahres war, als mehr als hundert Zuschauer die Debatte über das Mehrzweckgebäude bei der Oberen Mühle verfolgten. Sie haben sich ja immer mehr Publikum im Politbetrieb gewünscht…
Reto Heeb: Das war tatsächlich eine aussergewöhnliche Gemeinderatssitzung – und dazu Lobbying in Perfektion seitens der Kulturvereine. Viele Klubs und Vereine nutzen die Möglichkeit nicht, ihre Anliegen in die Politik einzubringen. Das hat man zum Beispiel bei den Einladungen gesehen, die ich in meinem Amtsjahr erhalten habe.
Sie wurden nicht oft eingeladen?
Doch, sehr oft sogar, aber es sind immer in etwa die gleichen Vereine, die die Nähe zur Politik suchen. Ich besuche diese Veranstaltungen und Vereinsanlässe ja nicht, um Cüpli zu trinken, sondern um Organisationen und Menschen kennenzulernen, die ich zuvor nicht oder nicht gut kannte. Damit wird gegenseitiges Verständnis und eine emotionale Bindung geschaffen.
«Mit dem Coronavirus änderte sich meine Aufgabe als Gemeinderatspräsident komplett.»
Welches war denn Ihr liebster Anlass?
Schwierig zu sagen, es waren so viele, oft überraschende Begegnungen, die ich hatte. Lange in Erinnerung bleiben wird mir aber sicher die Feier zum 100-jährigen Bestehen des Verschönerungsvereins. Meine Frau und ich haben uns elegante Kleidung aus den 60ern angezogen und sind stilecht im Oldtimer vorgefahren. Solche Abende hätte ich gerne mehr erlebt.
Doch dann kam das Coronavirus…
… und für einen Monat stand erst einmal alles still. Der Ratsbetrieb wurde eingestellt, Sitzungen fanden keine mehr statt. Damit änderte sich meine Aufgabe als Gemeinderatspräsident komplett. Anlässe gab es fortan keine mehr, dafür mussten wir im politischen Betrieb auf einmal in einer Ausnahmesituation klarkommen, was sehr viel Organisationsaufwand mit sich brachte.
Aber auch ohne Virus bedeutet so ein Amtsjahr ja viel Arbeit. Wie kamen Sie damit klar?
Es war sicher ein spezielles Jahr mit sehr vielen Geschäften und langen Ratssitzungen. Intensiv waren auch die Sitzungen des Büros des Gemeinderats. Wir behandelten etwa die Regelung über die Ausstandspflicht der Gemeinderatsmitglieder, die Übergangslösung für die Ombudsstelle oder die neue Kommission für Schulgeschäfte. Das alles war zwar viel Arbeit, aber man weiss ja, auf was man sich einlässt.
« Das war eine ernste Verletzung der Spielregeln.»
Abgesehen vom Coronavirus: Gab es Momente, an die Sie sich nicht gerne erinnern werden?
Ja, das war an der letzten Gemeinderatssitzung, als es um die Bürgerrechtsgesuche ging und ein Mitglied der SVP-Fraktion Informationen über eine Person preisgab, die klar gegen das Persönlichkeitsrecht verstossen. Solche persönliche Angaben werden in der zuständigen Kommission diskutiert und gehören nicht in die Öffentlichkeit. Das war eine ernste Verletzung der Spielregeln, für die ich den verantwortlichen Gemeinderat an der nächsten Sitzung noch einmal rügen werde.
Apropos nächste Sitzung: Die wird ja per Livestream auf Youtube übertragen. Sehen Sie eine Möglichkeit, damit mehr Leute den Ratsbetrieb verfolgen?
In erster Linie ist das eine Reaktion darauf, dass wegen des Coronavirus kein Publikum zugelassen ist. Aber ja, auf die erste Übertragung Anfang Juni haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten und das Interesse war mit 200 Zugriffen recht gross – wenn man bedenkt, dass wir keinerlei Werbung gemacht haben. Allerdings wären die Kosten pro Jahr mit 30‘000 Franken recht hoch. Und da kann man sich schon fragen, ob sich das rechtfertigen liesse.
Wie würden Sie jetzt, am Ende Ihres Präsidialjahres, Ihre Arbeit benoten?
Das müssten eigentlich andere tun. Aber ich selber würde mir eine knappe Fünf geben. Meine Aufgaben habe ich alle erfüllt. Wobei ich sagen muss, dass es für einen Mittepolitiker wie mich leichter ist als für einen Vertreter einer Polpartei, zwischen den unterschiedlichen politischen Positionen zu vermitteln.
