Das Parlament im Livestream – so war die Premiere
Es ist 18.58 Uhr, und der Livestream der Dübendorfer Gemeinderatssitzung beginnt. Noch ist nichts zu hören, die Kamerabild wackelt, Zoom rein, Zoom raus, im Fokus Reto Heeb (CVP), der Präsident des Gemeinderats. Er blickt in die Runde. 19.01 Uhr, der Ton ist da. Totale in den Saal des Pfarreizentrums Leepünt, Murmel-Murmel, einer ist zu spät, eilt zu seinem Sitzplatz. Wer ist dieser Hallodri? Man kann es nur erahnen, denn die Übertragung ist nicht in HD. 19.02 Uhr, Reto Heeb eröffnet die Sitzung.
Dass man die Arbeit der Dübendorfer Parlamentarier am Montag das erste Mal bequem per Youtube zu Hause am Computer verfolgen kann, hat – wie könnte es auch anders sein – mit dem Coronavirus zu tun. Denn aufgrund der Abstandsregel benötigen die anwesenden emeinde- und Stadträte deutlich mehr Platz, was wiederum nur auf Kosten der Zuschauerreihen machbar ist.
Als sich das Büro des Gemeinderats für den Livestream entschieden habe, sei man zudem davon ausgegangen, dass Versammlungen von mehr als fünf Personen nicht so schnell wieder möglich sein würden. Das sagt Mathias Vogt, Leiter Behördendienste in Dübendorf. Deshalb sei im Vorfeld der Sitzung auch extra eine Ausnahmebewilligung bei der zuständigen Regierungsrätin eingeholt worden.
Die einen sieht man, die anderen nicht
Mittlerweile steht SVP-Gemeinderat Patrick Walder am Rednerpult. Man sieht ihn in Grossaufnahme, hört aber nichts. Ein Problem bei der Übertragung? Nein, denn wie sich kurz darauf zeigt, war ganz einfach das Mikrofon ausgeschaltet. Walder beantragt, das Abstimmungsverhalten der Parlamentarier live zu übertragen; das Büro des Gemeinderats wollte diese Szenen nicht zeigen.
Ein wenig Musik würde den Unterhaltungswert massiv erhöhen – oder für zusätzliche Dramatik sorgen.
Wie Vogt auf Anfrage sagt, war der Grund dafür, dass man im Livestream die einen Parlamentarier gut sehen könne, andere wiederum nicht. Und das sei ja nicht ganz fair. Walder hingegen bezieht sich auf die Geschäftsordnung, gemäss der die Verhandlungen des Gemeinderats grundsätzlich öffentlich sein müssen. Die Anwesenden sehen das genauso – und genehmigen den Antrag.
Langer Weg zum Rednerpult
Bevor die Sitzung losgeht, stehen die Fraktions- und persönlichen Erklärungen auf dem Programm. Schon hier zeigt sich die pragmatische Herangehensweise der Regie. Längere Pausen werden in Kauf genommen, etwa wenn ein Parlamentarier aus den hinteren Reihen den Weg zum Rednerpult auf sich nimmt.
Ein wenig Musik würde hier den Unterhaltungswert massiv erhöhen, und, je nach Wahl des Stücks, für zusätzliche Dramatik sorgen. Auch Werbeeinblendungen wären möglich. Oder eine Wiederholung der Abstands- und Hygieneempfehlungen. Bis zum Ende der Sitzung bleiben die eingeblendeten Namen mitsamt Partei der Rednerinnen und Redner aber der einzige Showeffekt.
Für den Livestream verantwortlich ist eine Produktionsfirma aus Wallisellen. Sie ist mit vier Kameras und einem Schnittplatz für die Regie angerückt. Kostenpunkt: 3800 Franken. Das ist nicht viel Geld für eine gut eineinhalbstündige Abendunterhaltung. Die Quizsendung «1 gegen 100», die fast zeitgleich im Schweizer Fernsehen läuft, dürfte einiges mehr gekostet haben.
In Dübendorf verfolgen in den besten Zeiten immerhin 46 User gleichzeitig den Stream, was etwas mehr ist als die durchschnittliche Zuschauerzahl bei herkömmlichen Gemeinderatssitzungen. «Was Zuschauerzahlen anbelangt, haben wir uns kein Ziel gesetzt», sagt Vogt. Für das Büro des Gemeinderats sei klar gewesen, dass die Öffentlichkeit eine Möglichkeit haben müsse, die Sitzung mitzuverfolgen.
Schon sechs Abonnenten
Mit der Umsetzung ist Vogt «sehr zufrieden». Bis auf kleinere Schwierigkeiten am Anfang sei alles reibungslos verlaufen. Denkbar sei allenfalls, das nächste Mal in HD-Qualität zu streamen. Am Montag wäre das hingegen eine schlechte Idee gewesen. Denn kurz vor der Übertragung steigt die extra installierte Internetverbindung aus, und das Ganze muss über das eher schmalbrüstige Wlan vor Ort abgewickelt werden.
Gemäss Vogt entscheidet das Büro des Gemeinderats Ende Juni, ob auch die Juli-Sitzung per Livestream übertragen wird. Doch will das das Publikum überhaupt? Da die Chat-Funktion während des Streams ausgeschaltet ist, sind spontane Beifallsbekundungen nicht möglich. Als Heeb nach rund eineinhalb Stunden die Sitzung beendet, hat die Sendung fünf Likes, ein Dislike, sechs Abonnenten – und insgesamt 202 Zugriffe. Gar nicht mal so schlecht. «1 gegen 100» verzeichnet online, 15 Stunden nach der Ausstrahlung, lediglich fünf Mal so viele Aufrufe.
