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Politik

Neuer Lebenszyklus für die Forchbahn

Die Forchbahn befindet sich aktuell in einem Erneuerungsprozess. Von der Idee, ausgemustertes Rollmaterial in Entwicklungsländer zu verschiffen, ist man heute abgekommen.

70 Prozent der Forchbahn-Infrastruktur wird in den nächsten Jahren ersetzt und modernisiert.

Archivfoto: Nathalie Guinand

Neuer Lebenszyklus für die Forchbahn

Die Forchbahn ist mittlerweile eine historische Institution. Bereits seit 108 Jahren pendelt sie zwischen Esslingen und Stadelhofen hin und her. Die Strecke, für die die Bahn zu Beginn 67 Minuten benötigte,  legt sie heute in 35 Minuten zurück. Künftig soll sie noch schneller werden. Die Forchbahn AG plant nämlich, innerhalb der nächsten paar Jahre 70 Prozent der Infrastruktur zu erneuern.

Hanspeter Friedli arbeitet seit neun Jahren bei der Forchbahn und amtiert seit rund drei Wochen als deren Geschäftsführer. Ihm zufolge werden demnächst der Tunnel in Zumikon saniert und zahlreiche Gleisabschnitte und Weichen ausgewechselt. «Die letzte Rundumerneuerung war in den 60er-Jahren», sagt Friedli. Der Lebenszyklus der Infrastruktur betrage etwa 60 Jahre, daher durchlaufe die Forchbahn gerade etappenweise einen Modernisierungsprozess.

Behindertengerechte Züge

Die Fahrzeuge aus dem Baujahr 2004 werden derzeit der Reihe nach in einem sogenannten «Refit-Programm» für ihre zweite Lebenshälfte aufgerüstet. Für die noch älteren Modelle, die teilweise bereits seit über 40 Jahren auf den Gleisen rollen, naht bald das Ende: Ab 2027 sollen die alten Hochbodenfahrzeuge ersetzt werden. «Die neuen Fahrzeuge werden dem aktuellen Zeitgeist entsprechen», heisst es im Geschäftsbericht der Forchbahn. So seien die neuen Züge behindertengerecht und böten mehr Platz für Rollstühle, Kinderwagen und Velos.

Umstrittene Entwicklungshilfe

Die ausgemusterten Fahrzeuge wird die Forchbahn AG nicht auf die gleiche Weise entsorgen wie vor 16 Jahren. Damals verschenkte die Firma nämlich 15 Forchbahn-Wagen an die madagassische Hauptstadt, wo sie fortan als Stadttram «das Zeitalter des öffentlichen Verkehrs einläuten sollte», wie der «Tagesanzeiger» 2004 berichtete. Patrick Ramiaramanana, der damalige Stadtpräsident von Antananarivo, nahm die Forchbahn-Wagen «als Geschenk des Weihnachtsmanns aus Europa» volle Freude in Empfang.

Diese Form der Entwicklungshilfe, die eigentlich den «Beginn einer wunderbaren Freundschaft» einläuten sollte, hat heute einen bitteren Nachgeschmack. Im «Tagesanzeiger» bewerten Kritiker solche Altbahn-Exporte heute als Auslagerung von Altlasten, die den Firmen Abwrackungskosten erspart. Für Entwicklungsländer seien solche Schenkungen hingegen in vielen Fällen wenig sinnvoll. Denn die Forchbahn-Wagen kamen bis heute nie zum Einsatz und rosten seither in Madagaskar auf Abstellgleisen vor sich hin. Gemäss Schätzungen der Weltbank müssten sie mit einem Aufwand von mehreren Millionen Franken aufgerüstet werden, um in Antananarivo überhaupt fahren zu können.

«Für uns ist es aktuell keine Perspektive mehr, ausgemustertes Rollmaterial an Entwicklungsländer weiterzugeben.»

Hanspeter Friedli, Geschäftsführer der Forchbahn AG

Die Forchbahn AG ist nicht darüber informiert, ob die verschenkten Forchbahn-Wagen je wieder fahren werden. «Wir wissen nicht, was jetzt mit diesen Zügen in Antananarivo los ist», sagt Friedli. Die Aktion sei damals nicht von der Forchbahn AG selber initiiert worden, sondern von der Organisation «Solidaritätsnetz der Schweizer Bahnen für Madagaskar», die das Rollmaterial 2004 nach einer Abklärung vor Ort durch den mittlerweile verstorbenen ETH-Professor Heinrich Brändli nach Madagaskar vermittelte. Die Forchbahn habe heute nichts mehr damit zu tun, so Friedli.

Fest steht, dass die Forchbahn-Wagen, die in den nächsten paar Jahren ausgemustert werden, wohl nicht wie das Vorgängermodell in ein Entwicklungsland exportiert und dort ausgelagert werden. So sagt Friedli nämlich: «Aus heutiger Sicht ist für uns klar, dass wir unser altes Rollmaterial verschrotten werden. Es ist aktuell keine Perspektive mehr, ausgemustertes Rollmaterial an Entwicklungsländer weiterzugeben.»

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