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Ein halbes Jahrhundert Dorfnachrichten

Die «Nachrichten aus Greifensee» gibt es seit 50 Jahren. Die Zeitung war zeitweise Klagemauer für die Bevölkerung und deren Existenz wurde im Kontext der Digitalisierung auch schon hinterfragt.

Prisca Wolfensberger führt die NaG seit 2016 als Chefredakteurin., Für die Jubiläumsausgabe hat sie das gesamte Archiv der NaG durchforstet., Die NaG war einst eine Beilange des AvU, heute wird sie als eigenständige Zeitung gratis in die Haushalte geliefert.

David Marti

Ein halbes Jahrhundert Dorfnachrichten

Wer eine Geburtstagparty plant, hat erstmal viel Arbeit. So war es auch bei Prisca Wolfensberger, Chefredaktorin der  «Nachrichten aus Greifensee» (NaG). Vor dem 50. Jahr-Jubiläum der Zeitung arbeitete sie bis Redaktionsschluss unter Hochdruck. Seit knapp vier Jahren ist Wolfensberger nun verantwortlich für die Gemeindezeitung, doch so intensiv wie in diesem Jahr hat sich Wolfensberger noch nie mit ihrem journalistischen Erbe beschäftigt. «Wir haben beinahe sämtliche Ausgaben der NaG der bisherigen 50 Jahre durchforstet», sagt sie.

 Kostproben davon gab es in zahlreichen Extraseiten, die in diesem Jahr anlässlich des Jubiläums schon erschienen sind. Der Grossteil der Arbeit für die NaG ist ehrenamtlich, der Auftrag als Chefredaktorin jedoch werde ihr mit einer Pauschale vergütet. Hauptberuflich arbeitet sie als Kommunikationsbeauftragte einer Maschinenbaufirma.

Auf den Tag genau

Am 14. Mai 1970 erschien die erste Ausgabe der «Nachrichten aus Greifensee» als Beilage des «Anzeigers von Uster». Der damalige Gemeindepräsident Diethelm Zimmermann gründete die Zeitung. Seither ist das Blatt, das jeweils donnerstags erscheint, amtliches Publikationsorgan der Gemeinde.

In der ersten Ausgabe der Zeitung war das Bevölkerungswachstum durch die Neuzuzüger das Hauptthema. Die Zeitung habe in den ersten fünf Jahren phasenweise als «Klagemauer» herhalten müssen, so schreibt die Redaktion der NaG im Jahr 1975.

Auch heute kann an Leserbriefen die Stimmungslage einiger Einwohner eingefangen werden. Etwa als im vergangenen Jahr verschiedene Leserbriefschreiber ihren Ärger über den geplanten Erweiterungsbau des Pflegezentrums «Zentrum im Hof» kund taten und das Projekt als «Klotz», «kalt und lieblos» bezeichneten. Sie attestierten den Verantwortlichen fehlende «städtebauliche Sensibilität und Weitsicht».

Gekürzt wird selten

Prisca Wolfensberger sagt, dass grundsätzlich alle Leserbriefe die mit dem Dorf zu tun haben, abgedruckt würden. «Wir wünschten uns, wir bekämen mehr davon», sagt Wolfensberger.

«Die Unabhängigkeit ist nicht immer angenehm.»

Monika Keller (FDP), Gemeindepräsidentin Greifensee

Trotz der Funktion als amtliches Publikationsorgan wiesen die NaG schon in der Jubiläumsausgabe von 1975 auf ihre «redaktionelle Freiheit und Unabhängigkeit» hin. So hiess es damals auf der Titelseite: «Es ist gar nicht so selbstverständlich, dass in den vergangenen fünf Jahren kein einziger Versuch einer Beeinflussung unserer Arbeit von Seiten einer Behörde gemacht worden ist.» Und Wolfensberger sagt, dass dies bis heute beibehalten worden sei.

Diese Freiheit will auch Gemeindepräsidentin Monika Keller (FDP) nicht in Frage stellen. Zwar finde etwa einmal im Monat oder seltener ein Austausch zwischen der Redaktion und ihr statt, doch nur um der Chefredakteurin mitzuteilen, was den Gemeinderat gerade beschäftigt.

«Die Hoheit über die redaktionellen Belange bleiben bei den NaG», sagt Keller. Wenn die Gemeinde etwas unbedingt publizieren wolle, werde das unter der Rubrik «amtlich» in den NaG veröffentlicht.

«Die Unabhängigkeit ist nicht immer angenehm», sagt Keller und lacht, «Wenn beispielsweise ein Thema gross in die Zeitung aufkommt, das wir für unwichtig oder verfrüht halten.» Ein entsprechendes Beispiel wolle sie aber nicht nennen.

Unabhängigkeit oberstes Gebot

Prisca Wolfensberger  sagt, dass die amtlichen Mitteilungen eins zu eins übernommen werden, Vereinsmeldungen oder Veranstaltungsberichte werden redigiert nach dem Grundsatz: «Wir ändern so viel wie nötig und wenig wie möglich», sagt Wolfensberger. «Es ist die Zeitung der Bevölkerung.»

«Die NaG und das Dorfleben bilden eine Symbiose – das eine funktioniert ohne das andere nicht.»

Prisca Wolfensberger, Chefredaktorin NaG

In ihrer Amtszeit hat sich Keller intensiv mit der Frage beschäftigt, wie die Zeitung weitergeführt werden soll. 201 4 habe der Gemeinderat darüber diskutiert, ob  ein Teil auch über soziale Medien kommuniziert werden soll, sagt Keller. Der Aufwand für den Aufbau und Betrieb der digitalen Kanäle gegenüber dem Nutzen sei aber als zu gross eingeschätzt worden.

Gleichzeitig stellte der Gemeinderat die «Gretchenfrage», wie es Keller ausdrückt,  ob die amtlichen Mitteilungen zukünftig primär über das Internet publiziert werden sollen, was dieser aber verneinte . «Mit einer Umfrage wollten wir zeitgleich von den Einwohnerinnen und Einwohner wissen, ob sie die «Nachrichten aus Greifensee»  in der Form noch wollen . » Das Ergebnis war ein klares Ja.

Feier vertagt

Fragt man die Spezialistin, was die Wochenzeitung für das Dorf bedeutet, sagt sie: «Die NaG und das Dorfleben bilden eine Symbiose – das eine funktioniert ohne das andere nicht.» Dass das Jubiläum auf den Tag genau auf den Donnerstag – also den wöchentlichen Erscheinungstag der NaG – fällt, sei «grossartig». So erscheine die Jubiläumsausgabe pünktlich auf den 50igsten. Die Gelegenheit, den Geburtstag mit den ehemaligen Redaktoren in Greifensee zu feiern muss jedoch warten. Der Anlass war in der «Redaktionsstube» am Städtlifest geplant. Dieses Fest wurde wegen des Coronavirus um ein Jahr verschoben – und damit auch die Geburtstagsfeier.

Ein gut gehütetes Geheimnis wird aber auch nach 50 Jahren nicht gelüftet: Wer sich hinter der wöchentlichen Kolumne «Der Hofnarr» versteckt, wurde nie verraten und der Autor bleibt auch aktuell die, beziehungsweise der Unbekannte.

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