Ein Mann, ein Pulsgerät, ein Velo
Die Strecke von der Erde zum Mond hätte der Näniker Beat Gfeller dreieinhalb Mal mit dem Velo zurückgelegt. Doch erstens ist der passionierte Velofahrer kein Mann für halbe Sachen – eine Strecke fährt er in der Regel zu Ende – und zweitens bevorzugt der heute 74-Jährige in seinem Leben eher irdische, ja gar heimische Touren. So radelte Gfeller allein mehr als 5000 Mal um den Greifensee, meist als Supplement. «Zur Entspannung nach einer langen Velotour fahre ich zum Abschluss oft noch zwei bis dreimal um den Greifensee», sagt Gfeller. Die rund 18 Kilometer lange Strecke sollte aber auch Schauplatz seines schwersten Unfalls werden. Doch wie kommt einer dazu, so viel Zeit auf seinem Velo zu verbringen?
Bei Beat Gfeller begann es mit 20 Jahren. In den Jahren zuvor war Leichtathletik sein Sport. Jäh beendet wurde das Hobby als er mit 16 nach einem Wachstumsschub auf 1,90 Meter hochschoss und fortan anfälliger für Verletzungen wurde. Die Bewegungsabläufe der Velofahrten sollten seinem verletzlichen Körper besser bekommen als die komplexen Muskelanforderungen einer Leichtathletikdisziplin.
Ein Vermögen für ein Velo
Sein erstes Velo – ein sogenannter Halbrenner – wurde ihm bald zu langweilig. Ein richtiges Rennvelo musste her. Das kostete den 22-jährigen Mann eine Stange Geld. 1000 Franken hat er für den Renner ausgegeben. «Freunde haben mir gesagt, ich spinne doch, so viel Geld für ein Velo auszugeben.» Der Betrag würde heute etwa 9000 Franken entsprechen, meint Gfeller. Doch ein qualitativ hochstehendes Velo habe es früher nicht billiger gegeben.
Mit dem teuren Renner fuhr er zahlreiche Amateurrennen. Idole wie die Rennfahrer Ferdy Kübler und Hugo Koblet im Hinterkopf, aber nicht als alleiniger Antrieb: «Sportliche Erfolge waren mir nicht wichtig. Ich verbringe einfach gerne Zeit auf dem Velo», sagt Gfeller. Medaillen und Pokale, die er gewann, seien ein bisschen Metall aber vor allem viel Erinnerung.
An der Dübendorfer Schweizermeisterschaft
Eine schöne Erinnerung und sein erstes richtiges Amateurrennen sei die Schweizer Meisterschaft in Dübendorf 1972 gewesen. Zusammen mit drei Kollegen fuhr Gfeller im sogenannten Strassenvierer. «Ich fuhr das Rennen am Anschlag, zeitweise mit einem Puls von 180 bis 190.» Wenn er das sagt, spürt man, dass Gfeller seine Leistung lieber mit der Herzfrequenz ausweist, statt mit dem guten 14 Platz, den er mit seinen Kollegen herausfuhr. Viermal nahm Gfeller am 5000 Kilometer langen Extremrennen «Race Across Amerika» als Solofahrer teil. «Auf diese Rennen werde ich noch heute angesprochen», sagt er.
(Quelle: youtube/Global Cycling Network)
Das Training nimmt Gfeller bis heute sehr ernst, das Pulsmessgerät ist stets dabei. Er schreibt Trainingsrelevantes akribisch in sein Tagebuch. Ansonsten bilden nur wichtige politische Ereignisse eine Ausnahme. Aufgelistet sind Streckenziele, Wetter, Gesundheit und Ernährung.
Sieben Pfirsiche für 210 Kilometer
Viel Kraftstoff braucht der Näniker nicht für seine Touren. «Ich komme mit wenig aus und habe einen tiefen Ruhepuls», sagt Gfeller. Als Beispiel für diese Aussage genügt ein Blick in Gfellers Tagebuch vom 17. Juli 1976. Daraus ist zu lesen, dass er auf der 210-Kilometer-Tour über den Klausenpass (GL) gerade mal sieben Pfirsiche, ein bisschen Dörrfrüchte, sechs Deziliter Rivella, einen halben Liter Kakao und 1,9 Liter Wasser zu sich genommen hat – und dies an einem «sehr heissen Tag».
Doping sei nie ein Thema gewesen. «Alles was wir Amateurfahrer in den 70er-Jahren kannten, war die Vitaminkur im Frühling.»
Mit Ehefrau Beruf und Hobby gemeinsam
Mit seiner ersten Ehefrau hat Gfeller zwei Kinder. 1997 heiratete er zum zweiten Mal. Mit seiner heutigen Frau führte er lange die Post in Nänikon. So konnte er früh am Morgen und spät am Abend seiner Arbeit als Postbeamter nachgehen, dazwischen fuhr er seine Velotouren. Hobby wie Beruf teilte er mit seiner Frau, bis er im Jahr 2000 ganz aufs Velofahren setzte.
«Überall wo ich hin will, komme ich mit dem Velo hin.»
Beat Gfeller, leidenschaftlicher Velofahrer aus Nänikon
Aus seinen Kontakten zur Veloszene bekam Gfeller eine Stelle als Tourenguide für Radfahrer auf Mallorca. Fortan fuhr er Strecken wie Basel –Barcelona, Barcelona – Bilbao oder Paris – Nizza mit einer Gruppe Touristen. Die Rundstrecke um den Greifensee fuhr er dann wegen der Auslandsaufenthalte nicht mehr so häufig, ganz vergessen hat er sie jedoch nie.
Schwerer Unfall am Greifensee
Schmerzhaft in Erinnerung bleibt ihm sein Unfall Ende 2017. Gfeller erinnert sich wie er auf dem Veloweg um den Greifensee eine Pfadigruppe vor sich hatte: «Alle machten schön Platz und ich fuhr zwischen der geteilten Gruppe hindurch. Doch an der Gruppenspitze konnte sich jemand nicht für eine Seite entscheiden und sprang mir vors Velo.»
Gfeller stürzte. Während der Pfadfinder unverletzt blieb, brach er sich den Oberschenkelhals und gleich doppelt das Schlüsselbein. Zehn Tage lag er im Spital, einen Monat Reha und danach eine lange Zeit Physiotherapie. Das Schlimmste für Gfeller: Keine Velofahrten in der Zeit.
Zahlen des Wahnsinns
Es ist sein einziger schwerer Unfall nach über 50 Jahren Velofahren. «Ich habe aber auch in jüngeren Jahren viel Glück gehabt.»
Heute ist Gfeller keineswegs müde. «Je älter ich werde, desto mehr Kilometer spule ich ab.» Allein im vergangenen Jahr sei er 49‘000 Kilometer gefahren. Unzählige Pneus und 37 Velos habe er auf seinen total 1‘343‘000 Kilometer verbraucht. Es ist eine Strecke, die manche nicht mal mit dem Auto zurücklegen. Auch Gfeller nicht; den Führerschein hat er nie gemacht. «Überall wo ich hin will, komme ich mit dem Velo hin.» Und so ist es gut möglich, dass Beat Gfeller die angefangene halbe Strecke zum Mond bald auch noch zurückgelegt hat.
Besondere Einträge aus dem Tagebuch von Beat Gfeller
Donnerstag, 9. November 1989 (Fall der Berliner Mauer): Meine Frau und ich sind in Eppan im Südtirol im Velourlaub. Eine grössere Reisegruppe aus Deutschland machte an diesem Abend einen Zwischenhalt im Hotel. Die Nachricht vom Mauerfall versetzte das Hotel kurzfristig in ein Tollhaus. Die deutschen Gäste umarmten sich und feierten. Ich fragte einen Deutschen, ob die Vereinigung nicht doch etwas zu schnell komme und ob dieser Schritt reibungslos klappen würde. Er meinte dann in seiner euphorischen Stimmung: «Das wird alles sehr gut klappen.»
Dienstag,11. September 2001 (Terroranschläge auf das World Trade Center in New York): Heute habe ich auf der Fahrt von Basel nach Barcelona meine 35 Tourengäste in ein Hotel in der französischen Gemeinde Die einquartiert. In einem nah gelegenen Restaurant setzte ich mich draussen an einen Tisch und wartete auf die Bedienung. Die kam aber leider nicht. So ging ich hinein und sah, dass im Restaurant gerade ein Katastrophenfilm lief. Zumindest dachte ich das. Viele Gäste schauten sich das Spektakel an und ich konnte nicht begreifen, dass bei schönstem Wetter alle in die Glotze schauten. Erst durch das Servicepersonal wurde ich dann aufgeklärt, was passiert war.
