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 «Wir sind bereit für die schlimmsten Horrorszenarien»

Der Zivilschutz Bachtel unterstützt während der Coronakrise sieben Institutionen im Bezirk Hinwil. Eine davon ist das Bubiker Sonderschulheim Friedheim. Dort haben die Zivilschützer die Jugendlichen zuerst einmal zünftig veräppelt.

Die beiden Zivilschützer Sevdaim Murati (l.) und Nicola Tedesco stehen derzeit im Sonderschulheim Friedheim Bubikon im Einsatz., Tedesco ist Betreuer und ersetzt die Lingerie-Fachfrau., Murati übernimmt als Pionier die Arbeiten des Hauswarts.

Seraina Boner

 «Wir sind bereit für die schlimmsten Horrorszenarien»

Der Pausenplatz ist leer. Nur ein Mann in grün-oranger Kleidung hantiert mit einem Gartenschlauch. Normalerweise beherbergt das Friedheim Bubikon 24 Jugendliche. Derzeit sind nur sieben Kinder in den Wohngruppen untergebracht. Die restlichen befinden sich zu Hause bei ihren Eltern.  

Die Coronakrise hat dafür andere Menschen auf Platz gerufen. Die Zivilschutzorganisation (ZSO) Bachtel unterstützt das Heim seit drei Wochen. «Sie bringen uns beispielsweise zwei Mal pro Woche das Essen», sagt Schulleiter Martin Jany. «Per Helikopter.» In der Kantine bricht lautes Gelächter aus. Dort stehen sechs Menschen mit jeweils zwei Metern Abstand zu einander im Kreis um einen Tisch herum und informieren über ihre neue Zusammenarbeit. 

Zivilschutzkommandant Markus Wanner mit zwei seiner Leute, pädagogischer Leiter Max Schläfli, Schulleiter Martin Jany und Christina Mühle, Leiterin Hauswirtschaft, kichern noch immer schadenfreudig. «Das war der Aprilscherz», erklärt Jany.  

Wie ging der?
Jany: Die beiden Zivilschützer hatten den Kindern weisgemacht, ein Helikopter bringe ihnen am Mittag das Essen. Sie zeigten ihnen, wie man einen Helikopter richtig einweist. Um 10.30 Uhr übten die Kinder eine halbe Stunde im Garten, fuchtelten wichtig mit Leuchten in den Händen und gingen übungshalber, um sich später bei der Landung vor den Rotoren zu schützen, in die Knie.

Schläfli: Kurz vor Mittag hörten sie dann etwas im Anflug. Sie rannten ganz aufgeregt nach draussen, stellten sich in einem grossen Kreis auf und warteten gespannt.  

Und?
Schläfli: Angeflogen kam eine Drohne mit einem Zettel: «Hier kommt das Mittagessen am 1. April.» Die Zivilschützer erhielten für ihre Idee einen riesigen Applaus.

Die ZSO Bachtel ist Teil des Sicherheitszweckverbands Bachtel und deckt die fünf Gemeinden Bäretswil, Bubikon, Dürnten, Rüti und Hinwil ab. In einer ausserordentlichen Lage, wie sie derzeit herrscht, ist die Vorgesetztenstelle der Regionale Führungsstab Bachtel. Dieser besteht aus Spezialisten aus dem Bereich des Bevölkerungsschutzes. Gemeinsam bereiten sich die zwei Organisationen auf mögliche Notlagen vor.

Während der Coronakrise unterstützt der Zivilschutz in seinen Gemeinden sieben Institutionen, hauptsächlich Alters- und Pflegeheime sowie die Spitex. Im Friedheim wechseln sich zwei Zivilschützer alle 14 Tage ab.
 
Wieso brauchen Sie Unterstützung vom Zivilschutz?
Schläfli: Der Ehemann unserer Lingerie-Fachfrau gehört zur Risikogruppe. Weil sie mit dem ÖV anreist, hatte er Angst, sie könnte sich und ihn anstecken. Sie blieb deshalb zu Hause. 

Wanner: Wir haben nun zwei Zivilschützer eingearbeitet, damit sie die Mitarbeiterin ersetzen können.

Welche Arbeiten übernehmen sie?
Christina Mühle: Sie waschen Kleider, Bettwäsche und Handtücher der Wohngruppen. Weil wir noch nicht überall Papierhandtücher neben den Lavabos haben, müssen wir die Stoffhandtücher zweimal täglich wechseln. Die Zivilschützer schauen aber auch, dass der Znüni für die Pause bereit ist und die Tische für das Mittagessen gedeckt sind. Wenn das Catering kommt, helfen sie mir beim Verteilen. Ausserdem sind sie für die Reinigung des Schulhauses und des Werkhauses zuständig. 

Wie funktioniert die Zusammenarbeit?
Mühle: Super. Auch wenn vieles noch Neuland für sie ist. Ich bin extrem froh, dass wir den Zivilschutz hier haben. Ich müsste sonst alles alleine machen.  

Schläfli: Für unsere Kinder ist es sehr wichtig, dass sie sich weiterhin sicher fühlen. Wir möchten ihnen so viel Normalität wie möglich vermitteln. Dazu gehört auch, dass das Essen pünktlich kommt, die Räume sauber sind und die Umgebung aussieht wie sonst. Dafür ist unser Hauswart zuständig. Er ist allerdings gelernter Pflegefachmann und hat sich bei der Gesundheitsdirektion gemeldet. 

Er könnte jederzeit eingezogen werden?
Schäfli: Genau, sobald sie einen Personalengpass haben. Wenn er ausfällt, haben wir ganz schnell ganz viele Probleme. Der Gesamtleiter und mehrere Mitarbeiter aus Schule und Wohngruppe gehören zur Risikogruppe und arbeiten von zu Hause aus. Wir schicken aber auch regelmässig Leute in Quarantäne, die Kontakt zu Infizierten hatten oder selbst Symptome zeigen. Deswegen haben wir alle möglichen Szenarien durchgespielt, wie wir den Betrieb aufrechterhalten können. Die Zivilschützer werden also auch prophylaktisch eingearbeitet, falls noch mehr Personal wie beispielsweise der Hauswart ausfällt. 
 

Die ZSO Bachtel hat zwei Einsatzkompanien mit je 110 Betreuern und Pionieren, eine Stabskompanie mit 60 Stabsassistenten und eine Logistikkompanie mit 110 Zivilschützern. Derzeit im Fronteinsatz sind die Betreuer und die Pioniere, während Angehörige der anderen Funktionen im rückwärtigen Dienst die Einsätze koordinieren.

Die Betreuer sind ausgebildet für den Umgang mit Menschen und sind oft in einem sozialen Beruf tätig. Die Pioniere üben in der Regel handwerkliche Berufe aus. Im Friedheim übernimmt ein Pionier die Arbeiten des Hauswarts, ein Betreuer kümmert sich primär um die Lingerie. Wenn er Zeit habe, beziehe das Heim ihn aber auch in die Betreuung der Kinder ein, sagt Mühle.  

Wie funktioniert das?
Mühle: Unser Betreuer isst beispielsweise im Moment auf einer Wohngruppe mit. Wir wissen, dass dort eine heikle Situation zwischen zwei Jugendlichen herrscht. Entweder sie lieben sich oder sie hassen sich. Der Zivilschützer lenkt sie mit seiner Anwesenheit ab.

Schläfli: Wir rechnen damit, dass in den kommenden Wochen vermehrt Kinder zurückkehren. Einige sind bereits seit drei Wochen zuhause. Das gibt Spannungen. Die Jugendlichen im Friedheim brauchen aufgrund ihrer Lernthemen im Sozialen und in der Schule, teilweise auch wegen selbst- oder fremdgefährdendem Verhalten, eine besondere Erziehung und schulische Förderung. Sie wurden also aus einem bestimmten Grund bei uns platziert. Einige wenige mussten wir aufgrund der vormundschaftlichen Massnahmen ins Friedheim zurückbeordern. Wären aber alle hier, hätten wir Mühe, die Vorschriften des Bundesamts für Gesundheit einzuhalten. Ihr Aufenthalt bei den Eltern ist mit Behörden und Beiständen abgesprochen und wird täglich neu evaluiert.  

Jany: Grundsätzlich sind wir aber für alle offen und rechnen jederzeit mit Vollbelegung.

Haben Sie eine Quarantäne für die Rückkehrer?
Schläfli: Wir haben letzte Woche unser Wochenendhaus mit einem Zivilschützer zu einer Quarantäne umgebaut. Dort können wir ein Paar Kinder während zehn Tagen von den anderen separieren.  

Was tun Sie, wenn sich das Virus trotzdem in mehreren Wohngruppen ausbreitet?
Schläfli: Im allerschlimmsten Fall riegeln wir die gesamte Institution ab.  

Dann müssten aber alle das Virus durchseuchen?
Schläfli: Richtig. Das haben wir mit dem Zivilschutz besprochen. In einem solchen Fall erhielten wir zusätzliche Unterstützung. Ich habe ausserdem eine Notfallnummer vom Volksschulamt für weitere Anweisungen. 

Wanner: Wir haben uns derweil überlegt, was eine komplette Abriegelung bedeuten würde. Das fängt bei der Absperrung an und hört bei Schutzmaterial auf. Wir müssten ausserdem sieben Tage die Woche Frühstück, Mittagessen und Abendessen anliefern. Wir bereiten das im Hintergrund vor.  

Die Gemeindepräsidien der fünf Verbandsgemeinden haben sich auf Antrag der ZSO Bachtel für ein Kostendach von 5,3 Millionen Franken für die Bewältigung dieses Ereignisses ausgesprochen. 

Seit dem 28. Februar haben die Zivilschützer 1579 Diensttage und über 10‘000 Arbeitsstunden geleistet. Die Organisation betreibt ausserdem eine Hotline für Freiwillige und Hilfesuchende, die sie aneinander vermittelt. So konnten in Hinwil beispielsweise Freiwillige die Mahlzeitenfahrten für die Spitex übernehmen. 

Und da heisst es immer, den Zivilschutz brauche es gar nicht.
Wanner: Genau. Der Zivilschutz wird von vielen Leuten belächelt. Jetzt können wir endlich einmal zeigen, dass es uns braucht. Das tut gut. Wir profitieren aber auch selbst davon: Jeder kann das bisher Erlernte und auch Neues nun im Einsatz anwenden – eine reale Hilfeleistung für die Bevölkerung und nicht mehr nur Übungen.   
 
Welche neuen Dinge?  
Wanner: Wir arbeiten erstmals mit der Spitex und mussten innert nur zwei Tagen rund hundert Zivilschützer ausgebilden. Diese Zusammenarbeit mit den Institutionen ist sehr wertvoll. Ihr Vertrauen in uns ist wichtig. Es findet intern und extern ein Umdenken statt. Die Leute realisieren: Der Zivilschutz kann etwas.  

Sie sind an vorderster Front dem Virus sicher stärker ausgesetzt, als jene, die Homeoffice machen.  
Wanner: Richtig . Wir haben in der Turnhalle Schwarz in Rüti unseren grossen Kommandoposten eingerichtet. Dort herrscht Maskentragpflicht. Wir halten zudem, wenn immer möglich, die zwei Meter Distanz  und haben weitere Massnahmen getroffen, um das Ansteckungsrisiko möglichst gering zu halten. So wird der Kommandoposten beispielsweise mehrmals täglich gereinigt und desinfiziert. Und die Führungsmannschaft ist in zwei Teams aufgeteilt: Jeweils ein Team hat die Einsatzleitung vor Ort inne, und das zweite Team erholt sich oder ist im Homeoffice. Nach einer Woche werden die Teams dann ausgewechselt. Ein System, das sich sehr bewährt. 

In Bezug aufs Maskentragen hört man widersprüchliche Sachen. Zunächst hiess es, Masken nützten gar nichts bei Menschen, die nicht infiziert seien. Dann war das Problem, dass Laien nicht wüssten, wie man sie richtig an- und auszieht. Jetzt hört man, eigentlich sollten alle Masken tragen. Was stimmt denn nun?
Wanner: Es ist richtig, dass man den Leuten zeigen muss, wie man mit einer Maske richtig umgeht. Brächte eine Maske aber nichts, würden die Pflegenden sie auch nicht tragen.

Das Problem liegt also an der Anzahl Masken.
Die Sicherheitskommission, die dem Sicherheitszweckverbands Bachtel politisch vorgesetzt ist, hat sich dieses Jahr für eine Minimalbeschaffung von Schutzmaterial ausgesprochen. Gleichzeitig erhielt der Regionale Führungsstab den Auftrag, ein Pandemiekonzept zu erarbeiten, um allfällig weitere finanzielle Aufwendungen in der Vorsorgephase zu sprechen. Leider wurden diese Vorbereitungsarbeiten durch die derzeitige Pandemie arg unterbrochen. Bereits die erste Tranchenbeschaffung, die im Februar ausgelöst wurde, konnte infolge Engpässen der Lieferanten nicht mehr rechtzeitig abgeschlossen werden. 

Sie haben aber genug Masken?
Wanner: Momentan, ja. 

Wie viele?
Wanner: Zu Materialbeständen machen wir generell keine Angaben.  

Hat es bei Ihnen noch keine Infektionen gegeben?
Wanner: Vorletzte Woche musste ein Mitarbeiter einer von uns unterstützten Institution mit Symptomen nach Hause gehen. Er wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Zwei unserer Leute hatten nahe mit ihm zusammengearbeitet. Da gab es natürlich ein grosses Fragezeichen. Wir haben die zwei Zivilschützer vorsorglich in Quarantäne geschickt. Sie sind momentan zu Hause und dürfen nicht nach draussen. Wir fragen täglich nach ihrem Gesundheitszustand. Spätestens nach zehn Tagen gibt es Entwarnung.  

Gehört der Zivilschutz demnach nicht in die Sparte der Pflegenden, die sich testen lassen dürfen?
Wanner: Offiziell nicht. Aber Christoph Zeller von der Rütner Praxis am Bahnhof, der unser offizieller Kursarzt ist, testet in begründeten Verdachtsfällen unsere Zivilschützer. Wir haben ihm letzte Woche zwei Leute mit Symptomen vorbei geschickt. Es handelte sich aber nur um eine normale Grippe.  

Christoph Zeller ist der Gründer der Praxis am Bahnhof. Der Hinwiler Bezirksarzt sitzt zudem im Vorstand der Oberländer Ärztegesellschaft und gehört dem Regionalen Führungsstab Bachtel an.  «Wir haben eine grosse Coronazone in der Praxis eingerichtet», sagt Zeller. Dort hätten sie bereits viele Leute getestet – auch positiv auf Corona. Sie beschäftigten sich sehr stark mit dem Thema, begleiteten die Infizierten nahe und kontaktierten sie täglich, um sich dem Gesundheitszustand zu erkundigen. «Bisher mussten wir erst drei Patienten hospitalisieren.»  

Im Führungsstab seien Leute erkrankt und nicht mehr einsetzbar gewesen, so Zeller. «Wir wussten aber nicht, ob es das Coronavirus ist.» Ein Zivilschützer, der wegen eines Hustens zehn Tage in Quarantäne sitze, sei Unsinn. Die Leute brauche es jetzt an der Front. «Deswegen habe ich anerboten, sie bei Bedarf in meiner Praxis zu testen.»

Wie sehen die Sicherheitsvorkehrungen im Friedheim aus? Können Sie das Social Distancing bei den Kindern überhaupt durchsetzen?  
Jany: Nun, Kinder sind Kinder. Max und ich haben mit ihnen aber Berichte geschaut und sie über die Situation aufgeklärt. Ich bin beeindruckt, wie gut sie es machen. Es gibt solche, die sagen: «Ich will nicht in Quarantäne.» Dass der Zivilschutz jeden Tag hier ist, verdeutlicht ihnen, wie ernst die Lage ist. 

Schläfli: Wir Erwachsenen versuchen auch mit gutem Beispiel voranzugehen. Wir halten unsere Sitzung jeweils auf dem Pausenplatz als Stehungen ab. Wir versuchen auch zu den Kindern den nötigen Abstand zu halten. Das ist schon schwieriger. Untereinander schaffen sie es auch nicht immer. Sie spielen Fussball und raufen sich. Es wäre nicht umsetzbar und auch nicht verantwortbar, dass fünf Kinder in einer Wohngruppe ihren Alltag mit zwei Metern Abstand zueinander verbringen müssen.  

Wanner : Ich möchte euch ein Chränzli winden. Ihr habt von Beginn weg die Kinder informiert und ihnen unsere Aufgabe erklärt. Weil nun alle im Umfeld die Abläufe der anderen kennen, entsteht eine Ruhe. Das ist nicht in allen Institutionen so. Gewisse sagen zwar, sie hätten kein Problem. Möglicherweise haben sie das Virus aber schon im Haus. Das würde für uns ein grosses Risiko darstellen. Dabei ist Ruhe jetzt wichtig. Wir sind schliesslich alle nervös.

Ich habe gehört, dass  in einem Ihrer Heime vorübergehend  gleich mehrere Mitarbeiter wegen des Coronavirus fehlten. Stimmt das?
Wanner: Ja.

In welchem ?
Wanner : Das darf ich nicht sagen. Nur so viel: Bei einem Mitarbeiter bestand der Verdacht, dass er infiziert ist. Man hat dann nicht nur ihn, sondern präventiv mehrere Mitarbeitende, die der Risikogruppe angehören, in die häusliche Quarantäne geschickt. Das war korrekt, und wir merken an diesem Beispiel, wie ausschlaggebend die Firmenkultur ist. Gewisse Vorgesetzte verlangen, dass der Mitarbeiter trotz  Grippe-Symptomen zur Arbeit erscheint. Mit dem Coronavirus ist diese Mentalität verehrend.

Jany: Dabei müssen wir keine Angst haben, solange wir uns an die Regeln halten und alles vorbereitet ist. Wenn wir uns anstecken, gehen wir in die Rekonvaleszenz und dann kommen wir wieder zurück. 

Oder Sie sterben am Virus.  
Jany: Nun, das Leben ist lebensgefährlich.  

Wanner: Genau. In einer ruhigen Minute macht man sich vielleicht seine Gedanken. Aber Angst habe ich wirklich keine. Wir sind bereit für die schlimmsten Horrorszenarien. Ich habe einen Hochrisikopatienten zu Hause und könnte es mir nie verzeihen, wenn ich das Virus nach Hause bringen würde. Gleichzeitig habe ich eine Funktion und die heisst Zivilschutzkommandant.

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