Was bleibt, ist eine Büchse mit Bohnen
Tag eins nachdem der Bundesrat den Kampf gegen das Coronavirus verschärft hat, und in der Migros-Dübendorf hats nur noch kratziges Budget-Toilettenpapier. «Nicht so schlimm», meint ein grossgewachsener Mann mit einem Grinsen, «es gibt ja bald nichts mehr zu essen, also müssen wir auch nicht Schei…»
Natürlich übertreibt er, aber die Regale als voll zu bezeichnen, wäre ebenso falsch. Büchsentomaten sind aus, Reis ebenfalls, auch Mehl, Salz und Zucker gibts nicht mehr, und die Auswahl an Teigwaren ist stark beschränkt. Ein Typ kratzt sich erst lange am Kopf und greift dann nach den Vollkornspaghetti, von denen es noch ein paar Packungen hat. «Das werden mir meine Kinder nie verzeihen», sagt er und lacht.
Derweil läuft eine ältere Dame am leeren Gestell vorbei. «So zu hamstern ist doch eine Sauerei», murmelt sie und schüttelt den Kopf. Daneben lädt ein Mann seinen Einkaufswagen mit Sonnenblumenöl voll. Und dann ist da auch noch einer dieser «Häts au nüme»-Typen, denen man an diesem Samstag an jeder Ecke begegnet: Junge Männer, die mit der Chefin zu Hause telefonieren, um den Wochenendeinkauf trotz magerem Angebot doch noch irgendwie geregelt zu kriegen.
Duvet statt WC-Papier
Im Volkiland ist um zehn Uhr nicht viel los. Kunden hat es vor allem im Coop, wo sich gleich beim Eingang die Schoggihasen und Ostereier türmen. Notstand sieht anders aus. Doch auch hier ist das Angebot an Cornflakes, Müesli oder Konserven stark eingeschränkt bis inexistent. Toilettenpapier ist Mangelware. Stattdessen wurde das leere Regal mit Duvets aufgefüllt. «Soll ich mir etwa damit den Hintern wischen?», schnauzt eine Kundin eine Angestellte an, die schulterzuckend davonzieht.
«Was machst du mit so vielen Tomaten, Mann?»
Kunde im Migros Uster
Grosser Beliebtheit erfreut sich in der Mall ein Wettbewerb, bei dem man etwa einen Gutschein für eine Kreuzfahrt gewinnen kann. Definitiv falsches Timing. In einem Beizli hat eine Gruppe Senioren zwei Tische zusammengeschoben, es wird ausgiebig geplauscht. Haben sie keine Angst, mit dem Coronavirus angesteckt zu werden? Eine Dame winkt ab: «Ach wissen Sie, wir sind schon so alt, ewig leben wollen wir ja auch nicht.» Die Runde lacht.
Gute Stimmung herrscht auch im Migros-Restaurant im Ustermer Einkaufszentrum Illuster. Die Verantwortlichen haben im hinteren Bereich die Tische und Stühle weggeräumt, um das Platzangebot auf 50 zu beschränken – mit der Folge, dass die Leute so dichtgedrängt sitzen wie immer.
Im Supermarkt ist die Versorgungslage vergleichsweise gut, nur das Tiefkühlgemüse ist komplett leergeräumt. «Wer isst nur das ganze Grünzeug?», wundert sich eine Kundin. Ihre Kollegin ist sichtlich angesäuert: «Die spinnen doch!»
Dann die Sensation: Zwei Angestellte schieben je einen vollbeladenen Wagen vor sich her. Der eine füllt das Pasta-Regal auf. Der andere schichtet schwer schwitzend Büchsen mit geschälten Tomaten übereinander. Sofort bildet sich eine Menschentraube, die Leute greifen um ihn herum ins Regal. Ein besonders gewiefter Kunde reisst kurzerhand zwei 12er-Packungen Büchsen gleich vom Wagen runter. «Was machst du mit so vielen Tomaten, Mann?», stellt ihn ein Junger zur Rede. Doch der meint nur: «Ich habe eben eine grosse Familie.»
Der älteste Corona-Witz
Im Effimärt kanns einer nicht lassen: Im vollbesetzten Lift tut er so, als müsste er niesen. Definitiv der älteste Corona-Witz; die Leute lächeln säuerlich. Beim Eingang zum Supermarkt steht eine kleine Flasche Desinfektionsmittel, mit Klebeband fest an die Vorrichtung geklebt, in der ansonsten Probiererlis angeboten werden. Kaum jemand benutzt sie.
Lieber «weich und saugstark» oder doch eher «für fusel- und streifenfreie Reinigung»?
Auswahl an WC- äh Haushaltspapier im Effimärt
Ein paar wenige Packungen Mehl hats noch. Eine ältere Dame bückt sich mühsam, lässt es dann aber bleiben. «Ach», sagt sie zu ihrem Mann, «wir haben ja noch ein bisschen Mehl zu Hause, das hier lassen wir lieber denen, die es brauchen.»
Komplett leergeräumt ist auch hier das WC-Papier. Haushaltspapier hingegen hats noch reichlich. Das eröffnet ganz neue Perspektiven: Soll man lieber «stark und reissfest», «weich und saugstark» oder doch eher «für fusel- und streifenfreie Reinigung» nehmen?
Vor dem Oberland-Märt in Wetzikon stehen zwei Frauen und verteilen Flyer. «Kommen alle in den Himmel?», steht drauf. Sie werden ignoriert. Die Leute interessiert eher: Hats noch Pasta und Pelati? Die Antwort: Nein. Das Regal ist komplett leer, und in diesem Zustand ein beliebtes Fotosujet. Die Kunden stehen fast an, um ein Foto oder lieber gleich ein Selfie zu schiessen. «Gschtört» findet das eine Frau.
Ein paar Meter weiter im Denner sind Alte bester Laune. Beide haben ein paar Flaschen Hochprozentiges aufs Band gelegt, und sind sich einig: Hauptsache es gibt noch Alkohol. Und: Desinfektion funktioniert am besten von innen heraus. Gelächter. Die junge Frau an der Kasse wischt sich die Hände mit einem antibakteriellen Tüechli ab.
Oberländer schlagen zurück
Im Hinwil Center ist wieder so etwas Normalität eingekehrt. «Es läuft viel», sagt die Frau im Kiosk. Aber am Freitag sei es eine Katastrophe gewesen. Nur wenige Minuten nach der Pressekonferenz des Bundesrats hätten die Leute den Laden förmlich gestürmt und die Wagen vollgeladen. Die Verantwortlichen haben pragmatisch reagiert. Mehl und Zucker stehen in praktischer Hamster-Grösse zu zehn Kilo auf Paletten vor dem Regal. Beim Gemüse kommen die Angestellten allerdings nicht nach mit Auffüllen. Um 15 Uhr sind die Lücken schon beträchtlich.
In Hinwil zeigt sich jedoch auch etwas anderes: Die Oberländer wollen sich nicht länger in ihre Opferrolle fügen, sondern schlagen jetzt zurück – indem sie das ganze Gestell mit Javelwasser leerkaufen. Mit dem Stoff lässt sich bekanntlich auch die widerstandsfähigste, fieseste Mikrobe killen. Endlich gehts diesem verdammten Virus an den Kragen!
