Mormonen: Ein geregeltes Leben für den Glauben
Polygame Ehen, kein Tabak und Alkohol, Mission und grosse Familien. Das sind die typischen Stereotype des Mormonentums. David Michels, Bischof der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ( HLT) in Wetzikon klärt über die Wahrheiten und Mythen seiner Religionsgemeinschaft auf.
Das Amt des Bischofs hat der gebürtige Amerikaner noch nicht lange inne. Erst seit Juni letzten Jahres ist der 48-Jährige Vorsteher der Gemeinde in Wetzikon. «Ich wurde in dieses Amt berufen», sagt er. Als Bischof habe er die Möglichkeit, anderen zu dienen, was für ihn ein Segen sei.
«Wir sind ganz normale Menschen.»
David Michels, Bischof der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Die Kirche ist vor bald 200 Jahren in den USA entstanden und breitete sich weltweit aus. Nachdem die erste Kirche im Zürcher Oberland 1891 in Uster entstanden ist, wechselte sie 60 Jahre später nach Wetzikon. Die Kirche an der Wallenbachstrasse besteht seit 20 Jahren. Hier fühle er sich mit seiner Gemeinde aber wohl. «Ich habe mit der Wetziker Bevölkerung noch nie negative Erfahrungen gemacht.»
Glaube an Jesus Christus
Der Kirche ist der Glaube an das Buch Mormon eigen (siehe Box). Davon leitet sich auch der Name «Mormonen» ab. «Abgesehen davon haben wir mit anderen Christen viele Gemeinsamkeiten», sagt Michels. Auch sie glauben gemäss dem Bischof an Jesus Christus und an die Nächstenliebe. Von Nicht-Mormonen werde dies aber immer wieder in Frage gestellt.
«Die Tätigkeit als Bischof gibt mir viel Energie. »
David Michels
In einigen Punkten unterscheidet sich die Kirche von anderen Christen aber auch. Die Mitglieder der Kirche der HLT glauben beispielsweise, dass heute noch Propheten leben. Während die ehemals praktizierte Polygamie schon lange abgeschafft ist, leben viele Mormonen nach wie vor abstinent von vielen Genussmitteln. Gläubigen ist es empfohlen, Alkohol, Drogen, Tabak, Kaffee und Tee nicht zu konsumieren, sagt Michels. Der Grund liegt in der Gesundheit. Einmal pro Monat werden die Mitglieder angehalten, einen Tag lang zu fasten. Das damit gesparte Geld könnte dann der Kirche gespendet werden. Michels hält aber fest: «Wir sind ganz normale Menschen.»
Keine Sprachbarriere
Michels selbst kommt aus den USA. Seit elf Jahren lebt er mit seiner sechsköpfigen Familie in der Schweiz und besitzt seit Kurzem einen Schweizer Pass. Wegen seines gebrochenen Deutschs war er anfangs unsicher, ob er der Arbeit als Bischof gewachsen ist. Denn die Mehrheit der Gemeindemitglieder sind Schweizerinnen und Schweizer. «Ich habe aber gemerkt, dass ich den Gläubigen vor allem durch meine Empathie helfen kann», sagt er. Zwei Schweizer Assistenten stehen ihm zur Seite und helfen ihm bei seinen Aufgaben als Gemeindeleiter.
«Man wird aber nicht gezwungen. Die Mission ist freiwillig.»
David Michels
Daneben arbeitet Michels hauptberuflich als Unternehmensberater für ein global tätiges Unternehmen. Für die Arbeit in der Kirche wird er, wie alle Angestellten der Kirche, nicht bezahlt. Trotzdem geniesse er seine kirchliche Beschäftigung sehr. «Die Tätigkeit als Bischof gibt mir viel Energie. Mehr als dass sie mich Zeit kostet.»
Die Gewehrschaft wächst
Heute gehören 200 Personen aus und um Wetzikon der Ortskirche an. An den sonntäglichen Gottesdiensten nehmen durchschnittlich 75 Gläubige teil, Kinder und Jugendliche miteingerechnet. «In den letzten Jahren sind die Mitgliederzahlen gestiegen», sagt Michels.
«Sie machen das nur, um anderen zu helfen.»
David Michels
Für das Wachstum der Religionsgemeinschaft könnte neben der tendenziell hohen Geburtenrate von 3 bis 4 Kindern auch der aktive Einsatz der Mormonen für die Verbreitung ihres Glaubens sein. Junge Erwachsenenalter gehen in der Regel für zwei Jahre im Ausland auf Mission. «Man wird aber nicht gezwungen. Die Mission ist freiwillig», sagt Michels.
Auf Mission
Wohin die Gläubigen geschickt werden, können sie nicht selbst beeinflussen. Gegenwärtig missionieren drei Wetziker Mitglieder der Kirche der HLT im Ausland. Darunter befindet sich Michels‘ älteste Tochter, die zurzeit in Russland ist. Im Gegenzug beherbergt die Kirche in Wetzikon drei Missionare aus dem Vereinigten Königreich. Gemäss der Erfahrung des Bischofs sind die Leute in Wetzikon höflich und respektvoll gegenüber den Missionaren. So würden sich die Missionare in Wetzikon auch willkommen fühlen. Trotz Höflichkeit interessierten sich aber nicht alle Bewohner für den Glauben der Kirche der HLT.
Michels ist vom guten Willen der Missionare überzeugt: «Sie machen das nur, um anderen zu helfen.» Für die missionarische Arbeit werden die Gläubigen nicht bezahlt. Während dem Dienst gelten für die Missionare ausserdem einige Regeln. Sie haben einen geordneten Tagesablauf und müssen immer mit einem «companion», der alle zwei Monate wechselt, unterwegs sein. Auch der Gebrauch von Medien ist sehr eingeschränkt. Nur einmal wöchentlich dürfen sie für eine halbe Stunde ausschliesslich mit ihren Eltern telefonieren und für eine begrenzte Zeit E-Mails beantworten. Die genauen Richtlinien bestimmt der jeweilige Missionspräsident vor Ort.
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT) ist 1830 in den USA entstanden. Der erste Mormonentempel in Europa wurde 1955 in Zollikofen bei Bern errichtet. Laut einer Volkszählung des Bundesamtes für Statistik lebten 2000 rund 3500 Mormonen in der Schweiz. Joseph Smith war der Gründer der christlichen Religionsgemeinschaft. Er ergänzte den Schriftenkanon der Bibel, von der die Mormonen eine eigene Version benützen, mit dem Buch Mormon. Heute gilt das Buch Mormon für die Anhänger der Kirche der HLT als übergeordnet.
Buch Mormon
Das über 500 seitige Buch beginnt mit dem Bericht einer «göttlichen» Erscheinung. Der Engel Moroni habe sich Smith gezeigt und ihm von beschriebenen goldenen Platten erzählt, die bei New York vergraben lägen. Da habe sich Smith aufgemacht und den Inhalt dieser Platten niedergeschrieben.
Gemäss den Mormonen stammte der Inhalt dieser Platten von mehreren Propheten aus früherer Zeit. Einer der Propheten namens Mormon habe damals die Berichte gesammelt, auf diesen goldenen Platten niedergeschrieben und vergraben. Nach ihm ist das Buch auch benannt.
Das Buch erzählt die Geschichte zweier Völker, die einst in Amerika gelebt hätten. Eines dieser Völker sei 600 v. Chr. von Jerusalem aus nach Amerika gekommen, das andere sei schon früher aus dem Nahen Osten eingewandert.
Polygamie
Nach Smiths Tod 1844 errichtete sein Nachfolger Brigham Young im US-Bundesstaat Utah den Mormonenstaat. Noch heute gilt dieses Gebiet und vor allem seine Hauptstadt Salt Lake City als Zentrum der Kirche der HLT. Die Bevölkerung wird von Mormonen dominiert.
Lange Zeit war es für die Männer der Kirche der HLT üblich, mit mehreren Frauen vermählt zu sein. Damit aber Utah als Staat die voll berechtigte Mitgliedschaft der USA erhalten konnte, musste die Leitung der Kirche der HLT diese Praxis offiziell abschaffen. Seit 1890 sind polygame Ehen für Mormonen verboten.