Der Tag nach dem Blackout
Nur wenige Stunden nach dem Blackout läuft am Freitagvormittag in Brüttisellen wieder alles so, wie es sollte. Zum Beispiel im Denner: Das Licht erhellt den Raum, die Kühltheke kühlt und der Scanner an der Kasse piept im Sekundentakt. Carmen Schweyckart steht mit ihren Einkäufen in der Schlange. «Ich habe gestern zum Glück schon am Mittag warm gegessen, später gabs ja dann nichts mehr», kommentiert sie schmunzelnd den Stromausfall, der am Donnerstagabend ganz Brüttisellen lahmlegte.
Dass sich der Blackout just an ihrem Geburtstag ereignet hat, spielt für sie keine Rolle. Sie habe sowieso keine Party gefeiert. «Weil ich erkältet bin, hätte ich allerdings gerne eine heisse Tasse Tee getrunken.» Sorgen habe sie sich keine gemacht. «Aber in einer solchen Situation merkt man schon, wie abhängig wir von der Elektrizität sind.»
Diese Abhängigkeit wurde auch einem jungen Mann bewusst, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. «Ohne Strom geht einfach nichts», sagt er nachdenklich. Als es plötzlich dunkel wurde, sah er sich im Fernseher gerade den Film Tschernobyl an. Allerdings blieb bei ihm die Küche nicht kalt. Er ging mit seiner Familie auswärts essen – nach Schaffhausen.
Ins Bett – was sonst?
Eine junge Familie, die auf den Bus wartet, hat es sich während des Stromausfalls zu Hause im Kerzenlicht gemütlich gemacht. Und dank des Gaskochers gab es für die Kleinen auch eine warme Milch.
«Was hätte ich auch sonst tun sollen?»
Seniorin, die zeitig ins Bett ging
Ein paar Meter weiter legt eine etwa 60-jährige Frau gerade eine Verschnaufpause ein. Auch sie sass gerade vor dem Fernseher, als das Licht ausging. Was passiert war, erfuhr sie relativ rasch, denn ihr Mann ist bei der Feuerwehr und musste ausrücken, weil eine Person im Lift feststeckte.
Grössere Aktionen, etwa sogenannte Leiterrettungen, gab es laut Kantonspolizei nicht. Dennoch waren zahlreiche Einsatzkräfte die ganze Nacht über vor Ort. Die Seniorin hat davon nichts mitbekommen, denn sie ging früh schlafen. «Was hätte ich auch sonst tun sollen?»
Aus Spital entlassen
Was genau zum Stromausfall geführt hat, weiss man noch nicht. Klar ist: Nach der Alarmierung um 17.40 Uhr führte ein Spezialist der Gemeindewerke in der Trafostation Talacher eine Kontrolle durch. Dabei kam es nach ersten Erkenntnissen zu einem Kurzschluss, der einen Brand auslöste.
Gemäss der Kantonspolizei wurde der Spezialist zur Kontrolle ins Spital gebracht und im Laufe der Nacht wieder entlassen. Die ausgerückte Feuerwehr brachte den Brand rasch unter Kontrolle, konnte aber nicht verhindern, dass sich der Stromausfall auf das gesamte Gemeindegebiet ausweitete.
Sondereinsatz für Lebensmittel
Im «Freihof» sitzen zwei Senioren beim Frühschoppen. Der eine wurde beim Kochen vom Stromausfall überrascht. «Die Koteletts liegen immer noch in der Pfanne», sagt er lachend. Auch er hat gelassen auf den Ausfall reagiert. Als der Strom ausfiel, legte er sich gleich ins Bett – und wurde erst wach, als um 3 Uhr das Licht wieder anging.
«Wir wussten nicht, wie lange der Ausfall dauern würde.»
«Rössli»-Pächterin Yolanda Wintsch brachte ihre Lebensmittel in Sicherheit
Wie der «Freihof» hatte auch das «Rössli» am Donnerstagabend geschlossen. Und dennoch kam die Belegschaft zu einem Arbeitseinsatz, wie Pächterin Yolanda Wintsch berichtet. Eine Lernende hatte den Stromausfall auf der Durchfahrt bemerkt und gleich die Chefin informiert. Diese sorgte sich um die verderblichen Lebensmittel im Kühler und leitet einen Sondereinsatz ein. «Wir wussten nicht, wie lange der Ausfall dauern würde, deshalb haben wir die Lebensmittel vorsorglich im Gartenhäuschen und der Aussengarage zwischengelagert.»
Massenhaft defekte Verstärker
Nicht vom Blackout betroffen war die Flugsicherung Skyguide, die sich im Ortsteil Wangen befindet. Und selbst wenn der «Saft» dort mal ausgehen sollte: Laut Mediensprecher Vladi Barrosa verfügt das Unternehmen über eine unterbruchsfreie Stromversorgung. «Bei einem Ausfall hält eine Batterie die Versorgung für zwei, drei Minuten aufrecht. Gleichzeitig startet ein Dieselgenerator, mit dem wir fünf Tage lang autonom arbeiten können.»
Einen ziemlichen Stress hatte hingegen der Mitarbeiter einer Kabelnetzbetreiberin. Sein Lieferwagen ist vollgestopft mit Hausverstärkern, die wegen der sogenannten Einschaltspitzen kaputt gingen, als der Strom plötzlich wieder da war. «Viel zu tun», sagt er und streicht sich mit dem Handrücken über die Stirn, «aber normal bei einem Stromausfall.»
Im Notfall gibts Flugblätter
Im Gespräch mit den vom Stromausfall betroffenen Brüttisellerinnen und Brüttisellern kam eine Frage immer wieder zur Sprache: Was ist, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert und der Strom ausfällt?
Für die Information der Bevölkerung gebe es verschiedene Szenarien, sagt Carmen Surber, Sprecherin der Kantonspolizei Zürich. Der erste Schritt sei gewesen, dass die mobile Einsatzzentrale der Polizei nach Brüttisellen aufgeboten wurde, wo man mit dem Führungsstab der Gemeinde zusammengearbeitet habe.
«Eine Möglichkeit wäre etwa gewesen, eine Infostelle im Gemeindehaus einzurichten oder im betroffenen Gebiet Flugblätter zu verteilen», sagt Surber. In einem Notfall sei auch die Alarmierung über Alertswiss, der Alarm-App des Bundes, denkbar. «Es hat sich dann aber abgezeichnet, dass die Stromversorgung noch im Laufe der Nacht wieder hergestellt werden kann», so Surber. «Deshalb wurden keine Massnahmen eingeleitet.»
