Dübendorf soll runter vom Gas
Lange hat sich der Dübendorfer Stadtrat gegen eine generelle Einführung von Tempo 30 in den Quartieren gewehrt. Auf politische Vorstösse in dieser Sache verwies er wiederholt auf den Volkswillen. Tatsächlich sagten die Dübendorfer einst im Jahr 2004 an der Urne Nein zu flächendeckendem Tempo 30. Und 2013 schickten sie eine Volksinitiative bachab, die auf «siedlungsorientierten» Strassen Tempo 30 forderte.
Doch mittlerweile lancierte die BDP/CVP/EVP-Fraktion ihre Motion «Tempo 30 auf Quartiererschliessungsstrassen», die Anfang Juni mit 23 Ja- zu 12 Nein-Stimmen vom Parlament an die Stadtregierung überwiesen wurde. In seiner Antwort zeigt sich der Stadtrat nun grundsätzlich offen für Tempo 30 in den Quartieren, und er zeigt auf, wie er sich die Umsetzung vorstellt.
Unterstützung vom Stadtrat
«Das ist keine Kehrtwende», sagt Sicherheitsvorstand Hanspeter Schmid (BDP). Man habe immer die Haltung vertreten, dass Tempo 30 punktuell Sinn machen könne – gerade in der Umgebung von Schulen. Dass der Stadtrat die Stossrichtung der Motion unterstützt, sei einerseits eine Folge der verschiedenen Vorstösse aus dem Parlament, so Schmid. «Das Thema hat im Gemeinderat mit der Zeit immer mehr Unterstützung bekommen.»
«Dübendorf ist bald der letzte Ort in der Region ohne grössere verkehrsberuhigte Zonen.»
Hanspeter Schmid (BDP), Sicherheitsvorstand
Auf der anderen Seite habe sich die Problematik in den Quartieren infolge der allgemeinen Zunahme des Verkehrs verstärkt. Und ganz allgemein habe in der Gesellschaft in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden. «Dübendorf ist bald der letzte Ort in der Region ohne grössere verkehrsberuhigte Zonen», sagt Schmid. Hinzu komme, dass man mit den bestehenden Tempo-30-Zonen zumeist gute Erfahrungen gemacht habe.
Derzeit gibt es in Dübendorf drei Bereiche mit Tempo 30: beim Schulhaus Birchlen, im östlichen Teil von Gockhausen/Geeren und im Weiler Hermikon. Zwei weitere sind im Gebiet Stägenbuck sowie im Quartier südlich der Zelgli-Fussballplätze vorgesehen. Und im Mai wurde bekannt, dass der Stadtrat auch im Zentrum Tempo 30 einführen will, was rechts der politischen Mitte gar nicht gut ankam.
Nicht überall Tempo 30
Schmid hält fest, dass Sammelstrassen und sogenannte übrige Gemeindestrassen sowie Kantonsstrassen nicht von möglichen Massnahmen betroffen seien. «Ausserhalb der verkehrsberuhigten Zonen und des Zentrums soll demnach weiterhin Tempo 50 oder 60 gelten.»
Die stadträtliche Motionsantwort basiert auf dem Bericht eines Zürcher Ingenieur- und Planungsbüros. Die Analyse zeigt auf, wie gross der Handlungsbedarf auf einzelnen Strassenabschnitten ist und wo welche baulichen Massnahmen nötig sind. «Das Ziel ist eine Verlangsamung und Verflüssigung des Verkehrs», sagt Schmid, «wir wollen keine Hindernisse aufstellen, die ständiges Abbremsen und Anfahren nötig machen und am Ende für die Quartierbewohner noch eine zusätzliche Belastung bringen.»
Hochbord kommt zuletzt
Gemäss Schmid strebt der Stadtrat «eine möglichst kostengünstige Umsetzung» an. Eine erste Kostenschätzung geht von Gesamtausgaben in der Höhe von 900‘000 Franken aus. Wo immer möglich sollen so genannte Eingangstore und Markierungen ausreichen. «In Ausnahmefällen können Einengungen oder allenfalls auch Belagskissen über die ganze Fahrbahnbreite nötig sein.» Gemäss kantonalen Vorgaben sind bauliche Massnahmen zwingend vorgesehen, wenn sich nach einem Jahr ein gewisser Prozentsatz der Verkehrsteilnehmer nicht an die Höchstgeschwindigkeit hält.
«Wenn das Geschäft ins Parlament kommt, werden wir sicherlich versuchen, dringend nötige Korrekturen anzubringen.»
Daniel Burkhardt (SVP), Gemeinderat
Die Realisierung der Tempo-30-Zone ist in Etappen vorgesehen. 2021 will man mit den Bewilligungsverfahren für Gockhausen, Stettbach und Gfenn beginnen. Die zeitliche Priorisierung ist gemäss Schmid von der Dringlichkeit abhängig. Eingeflossen sei aber auch die Frage, ob die Umsetzung zusammen mit bereits geplanten Sanierungsarbeiten erfolgen könne. Das Hochbord-Quartier wird zuletzt Tempo 30 bekommen. Hanspeter Schmid: «Da wird es noch dermassen viele Hochbauprojekte geben, dass es für eine genauere Betrachtung derzeit einfach zu früh ist.»
Erstunterzeichner der Motion ist Theo Johner. In Bezug auf die Stossrichtung ist der BDP-Gemeinderat zufrieden mit der Antwort des Stadtrats – «auch wenn die Details noch nicht bekannt sind». Diese müsse man dann konkret anschauen, so Johner. «Wichtig ist etwa, dass die Massnahmen in den Quartieren nicht zu Stop-and-go-Verkehr führen.»
Ebenfalls einverstanden ist Johner mit der Etappierung. «Die Einführung von Tempo 30 ist ein längerfristiges Projekt, und wenn es sich mit ohnehin notwendigen Strassensanierungen koordinieren lässt, ist das umso besser.» Was Johner verwundert: «Der Stadtrat formuliert Analyse und Absichten, ohne die bei einer Motion zwingend notwendige Vorlage mitzuliefern.»
Nicht mehr scheibchenweise
Gemeinderat Daniel Burkhardt (SVP) hat sich in der Vergangenheit wiederholt kritisch gegenüber staatlich verordnetem Langsamverkehr geäussert. «Mit Tempo 30 in den Quartieren kann ich aber grundsätzlich leben, wenn es der Sicherheit dient», sagt er.
Mehr noch: «Bis jetzt hat unser Stadtrat Tempo 30 scheibchenweise in eigener Kompetenz eingeführt, nun fällt die Entscheidung in die Zuständigkeit des Gemeinderats, und später stimmt das Volk darüber ab.» Ein Vorgehen, wie es sich Burkhardt auch im Fall der geplanten Tempo-30-Zone im Stadtzentrum gewünscht hätte.
Dennoch: Zufrieden mit der vorgeschlagenen Umsetzung in den Quartieren ist der SVP-Gemeinderat nicht. «Auf dem Plan sind mehrere Sammelstrassen aufgeführt, auf denen Tempo 30 nicht angebracht ist, da muss der Verkehr fliessen», sagt Burkhardt. Und bei Eingangstoren und anderen Strassenverengungen sei das nicht mehr gewährleistet. «Wenn das Geschäft ins Parlament kommt, werden wir hier sicherlich versuchen, dringend nötige Korrekturen anzubringen.»
