Das Wichtigste in Kürze
- In den 60er-Jahren schossen die Mietpreise für Wohnungen in der Stadt Zürich in die Höhe
- Viele Familien siedelten sich in Greifensee an
- Die dort ansässigen Bauern wurden förmlich von den Migranten überrannt
Annelies Luther verhielt sich bei der Besichtigung der Musterwohnung seltsam. Dies bemerkte ihre Mutter gleich, als sie 1969 die Wohnung in Greifensee mit ihrer Tochter begutachtete. Denn Annelies Luther blieb beim Rundgang durch die Wohnung ungewöhnlich still. «Das ist doch eine schöne Wohnung», fand ihre Mutter. Die 28-jährige Tochter empfand anders. Sie hatte Mühe sich vorzustellen, in einem Wohnblock – einem Plattenbau des Göhnerkonzerns, leben zu müssen. Mühe, weil Luther noch kurz davor mit ihrer jungen Familie in einem schönen Einfamilienhaus mit Garten im englischen Kent gewohnt hatte. Sie pflegte gute Beziehungen zu den Nachbarn und musste sich jetzt damit anfreunden als Teil einer grossen Migrationswelle mit vielen Leuten in einem Block in der Müllerwies zu wohnen. Einem der Wohnblocks, die von den Dörflern als «Moskowiter Kommunen» bezeichnet wurden.
Annelies Luther war bei ihrem Zuzug nach Greifensee aber nicht allein. Sie kam zusammen mit ihrem indischen Mann und ihren zwei kleinen Söhnen. Ihren Mann lernte sie über eine Brieffreundschaft kennen. Von ihm hat sie den Familiennamen. Der Ingenieur arbeitete bei Sulzer, die der jungen Familie eine Versetzung von Winterthur nach London anbot. Nach eineinhalb Jahren endete der Auftrag und die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung begann. Ein Bekannter empfahl ihnen Greifensee als neuen Wohnort. Nach einer kurzen Übergangszeit im grosselterlichen Wohnhaus in Herisau bezogen sie die Göhnerwohnung in Greifensee.

