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Als die Zügelwagen die Greifenseer Strassen säumten

Vor 50 Jahren erlebten die Greifenseer eine turbulente Zeit. Die Einwohnerzahl verzehnfachte sich in kürzester Zeit und das brachte Probleme mit sich. Davon kann Zeitzeugin Annelies Luther erzählen.

Vor über 50 Jahren begannen in Greifensee die Einwohnerzahl der Gemeinde durch die Decke zu gehen., Annelies Luther war in den Jahren des Wachstums eine der Neuen.

Seraina Boner

Als die Zügelwagen die Greifenseer Strassen säumten

Das Wichtigste in Kürze

  • In den 60er-Jahren schossen die Mietpreise für Wohnungen in der Stadt Zürich in die Höhe
  • Viele Familien siedelten sich in Greifensee an
  • Die dort ansässigen Bauern wurden förmlich von den Migranten überrannt 

 

Annelies Luther verhielt sich bei der Besichtigung der Musterwohnung seltsam. Dies bemerkte ihre Mutter gleich, als sie 1969 die Wohnung in Greifensee mit ihrer Tochter begutachtete. Denn Annelies Luther blieb beim Rundgang durch die Wohnung ungewöhnlich still. «Das ist doch eine schöne Wohnung», fand ihre Mutter. Die 28-jährige Tochter empfand anders. Sie hatte Mühe sich vorzustellen, in einem Wohnblock – einem Plattenbau des Göhnerkonzerns, leben zu müssen. Mühe, weil Luther noch kurz davor mit ihrer jungen Familie in einem schönen Einfamilienhaus mit Garten im englischen Kent gewohnt hatte. Sie pflegte gute Beziehungen zu den Nachbarn und musste sich jetzt damit anfreunden als Teil einer grossen Migrationswelle mit vielen Leuten in einem Block in der Müllerwies zu wohnen. Einem der Wohnblocks, die von den Dörflern als «Moskowiter Kommunen» bezeichnet wurden.

Annelies Luther war bei ihrem Zuzug nach Greifensee aber nicht allein. Sie kam zusammen mit ihrem indischen Mann und ihren zwei kleinen Söhnen. Ihren Mann lernte sie über eine Brieffreundschaft kennen. Von ihm hat sie den Familiennamen. Der Ingenieur arbeitete bei Sulzer, die der jungen Familie eine Versetzung von Winterthur nach London anbot. Nach eineinhalb Jahren endete der Auftrag und die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung  begann. Ein Bekannter empfahl ihnen Greifensee als neuen Wohnort. Nach einer kurzen Übergangszeit im grosselterlichen Wohnhaus in Herisau bezogen sie die Göhnerwohnung in Greifensee.

Reihenweise Zügelautos

Schon bevor Luthers in der Gemeinde ankamen, begann im kleinen Bauerndorf Greifensee die Ansiedlung dieser Leute, die Annelies Luther die «Neuen» nannte und noch heute rückblickend so nennt. Zwischen 1966 bis 1972 stieg die Greifenseer Bevölkerung von 443 auf 4101 an. Einer der Gründe des enormen Sogs war das knappe Angebot an bezahlbaren Wohnungen in der nahe gelegenen Stadt Zürich. Die grossen modernen 5,5-Zimmerwohnungen in Greifensee lockten viele Familien an. In dieser Zeit standen reihenweise Zügelautos vor den kaum fertig erstellten Wohnblöcken. Schwer beladene Lastwagen schafften gleichzeitig weitere Betonelemente zu den Baustellen Müllerwis und Seilerwis. Dies konnte Luther von ihrer Mietwohnung aus sehen.

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1965

Auf der Karte ist die Siedlungsentwicklung von Greifensee deutlich zu sehen (Karte: Geographisches Informationssystem Kanton Zürich)

 

Mit dem Boom kamen auch die Probleme. Der Baukonzern von Ernst Göhner stampfte die Wohnblöcke so schnell aus dem Boden, dass die PTT, die damals noch für die Telefonanschlüsse der Wohnungen verantwortlich war, nicht mehr nachkam. So musste Luther für ein Telefonat an der einzigen Kabine im Quartier Schlange stehen. Dringende Anrufe nahmen Luthers Freunde entgegen, die schon früher hierher gezogen waren, und überbrachten dann die Nachrichten. So erfuhr sie über den Tod ihres Grossvaters.

Schwieriger Grosseinkauf

Eingekauft wurde im Volg und im Migroswagen, später kam eine richtige Migros ins Zentrum Meierwis. Ein Grosseinkauf war anfangs schwierig. Dann und wann musste sie mit ihrem Mann nach Uster zum Einkaufen, bis bald darauf der Supermarkt Waro in ihrer Nähe auf eine grüne Volketswiler Wiese gestellt wurde. Mit der rasch steigenden Bevölkerung kamen auch die Gewerbler auf den Plan. Der Milchmann lieferte frische Milch ins Kesseli, ein Schumacher aus Irgenhausen holte mit einem Wägeli Schuhe zur Reparatur ab und ein Metzgergehilfe lieferte mit seinem Töffli Fleisch aus.

Auch wenn Luther als gebürtige Appenzellerin in der Schweiz nicht fremd war, in Greifensee war sie es zu der Zeit. Einige Alteingesessene hatten am Bevölkerungswachstum keine Freude. Die Bauern, die damals das Sagen hatten, waren den Neuen nicht immer wohl gesinnt. Sie fürchteten um ihre Stellung, um den Verlust ihres Einflusses. Von den Neuen fühlten sich einige überfahren. Plötzlich wohnten gut ausgebildete und studierte Leute in der Gemeinde, die neue Erkenntnisse in die Gemeinde trugen. Einige zogen sich deshalb aus dem Dorfleben zurück. Luther fällt es schwer, detailliert davon zu erzählen.

Schikanierte Kinder

Zu Beginn des Wachstums wurden die ersten «neuen»  Kinder in der Schule von den anderen schikaniert und ausgegrenzt. Bald einmal bildeten diese aber eine Mehrheit. Die Situation entspannte sich. Die Schule platzte bald aus allen Nähten. 1969 gingen in Greifensee schon 138 Kinder in die Schule. Ein Jahr später waren es bereits 214, die von 9 Lehrern unterrichtet wurden.

Im Frühling 1970 begannen die Ausbauarbeiten der Schulanlage Breiti. Zwei Jahre später beschloss die Oberstufenschulgemeinde Nänikon-Greifensee einen 8-Millionen-Franken-Kredit für die Erweiterung der Schulhausanlage Wüeri.

Die Spielplätze, die vom Bauunternehmer Göhner gebaut wurden, waren alleiniges Terrain der Neuen. Zumindest erinnert sich Luther nicht, dort etablierte Greifenseer Familien angetroffen zu haben. Der Kontakt zu den Alteingesessenen kam  doch langsam zu Stande, wenn die Neuen bei den Bauern Äpfel, Kartoffeln oder Christbäume kauften. Einige wollten bis zu Letzt nichts mit den Neuen zu tun haben.

24 Sprachen im Dorf

Andere hingegen waren froh um die Horizonterweiterung. Für den Zusammenschluss der Neuen mit der Minderheit der Alteingesessenen waren die vielen Vereine und Parteien ein Kitt, die zu der Zeit gegründet wurden. So entstanden die Landenberggesellschaft, der Theaterverein «Schatulle», verschiedene Sportclubs und die Aktion G. Auch die «Nachrichten am Greifensee» (Nag) erschien erstmals als Beilage des «Anzeigers von Uster».

Der Wille der Neuen, sich zu integrieren war auch in sprachlicher Hinsicht gross, wie sich Annelies Luther erinnert. Deutschstunden waren gefragt. Nicht weniger als 24 Sprachen waren damals auf den Greifenseer Strassen zu hören. Auch Luther unterrichtete in der Zeit. Bei ihr lernten nebst Kindern eine italienische Chemikerin, ein ehemaliger englischer Kampfpilot und ein ungarischer Flüchtling Deutsch. Am 16. April 1971 wurde an der Jungbürgerfeier der 3000. Einwohner begrüsst: Ein Chinese.

Einige wanderten wieder aus, doch viele blieben. Für Luther sind heute diese Leute nicht mehr die Neuen, sondern die «aktiven Alten», die sich immer noch  in den Vereinen einsetzen. Diejenigen, die ein Stück Heimat gesucht und gefunden haben.

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