Die idealistische Pragmatikerin
Sie war die jüngste und die lauteste Ustermer Gemeinderätin: Meret Schneider, die mit 14 Jahren die Jungen Grünen Zürcher Oberland mitgründete, mit 20 Jahren Präsidentin der Jungen Grünen des Kantons wurde und die davon träumt, irgendwann im Ustermer Stadtrat und später im Nationalrat zu sitzen (Dieser Traum hat sich am 20. Oktober 2019 erfüllt).
Schneider würde aber nie von «träumen» reden. Die 24-Jährige ist Rationalistin. Sie bildet sich ein Urteil anhand von Fakten, beschreibt sich selber als trocken. «Kognitive Dissonanzen» sind ihr ein Dorn im Auge. Ein Beispiel: «Es gab einen medialen Aufschrei, als öffentlich bekannt wurde, dass Leute in ihrem Estrich Huskies halten. Alle haben sich aufgeregt. Dabei haben die meisten Schweine nur wenige Quadratmeter zum Leben.»
Ein vollgepackter Tag
Schneider sagt dann: «Hey Leute, echt jetzt?» Diese Formulierung verwendet sie öfters. Meret Schneiders Tage sind vollgepackt. In Joggingschuhen und Funktionswinterjacke steigt sie an diesem Morgen in die S5 nach Zürich.
Die Jeans schlottern um die Beine, die grossen grünen Augen sind wie immer mit einem dick gezogenen Lidstrich bemalt. In der Hand hält Schneider eine Cola Zero, von der sie auch im Parlament stets eine Flasche bei sich hat.
«Ich bin eine Perfektionistin.»
Meret Schneider, Neu-Nationalrätin (Grüne)
Es ist fast beruhigend, dass auch Schneider auf Dinge wie süsse Koffeingetränke zurückgreift, um durch den Tag zu kommen. Denn ihre Tage haben es in sich: 60 Prozent arbeitet Schneider als Projektleiterin bei der Organisation Sentience Politics, die sich mit politischen Vorstössen für das Wohl aller «empfindungsfähigen Lebewesen» einsetzt.
Schlagzeilen machten die Organisation und Meret Schneider jüngst mit der Initiative, mit der sie in Basel-Stadt Grundrechte für Primaten fordern. Weitere 50 bis 60 Prozent arbeitete Schneider im Service bei der Ustermer Café- und Weinbar zum Hut. Und die restliche Zeit verwendet sie, um Vorstösse und Reden fürs Parlament zu verfassen.
«Die Streberin»
Schneider ist auf dem Weg zur Universität Zürich. Vor zwei Jahren hat sie dort ihren Bachelor in Publizistik, Linguistik und Umweltwissenschaften absolviert. Mit Publizistik konnte sie am wenigsten anfangen. Zu einfach könnten sich die Studenten mit ein wenig Auswendiglernen Punkte holen.
Sie habe sich darauf konzentriert, die gesamte Hintergrundlektüre zu lesen. Damit habe sie sich im Seminar den gleichen Ruf erworben, den sie auch im Gymnasium schon gehabt habe: «Streber.»
Schneider ist das egal. «Ich bin eine Perfektionistin.» Beliebt zu sein, war nie Schneiders Ziel. Sie kann nicht viel anfangen mit Mode, ihr Facebook-Profil betreibt sie, um ihre politischen Ansichten zu teilen. Und in Clubs zu gehen, ist ihr ein Graus.
Alles, was Schneider tut, wirkt fokussiert. Als Teenager kam sie zur Erkenntnis, dass die globale Erwärmung das grösste Problem der Menschheit sei. Deshalb trat sie den Grünen bei. Deshalb will sie in der Politik vorankommen.
«Viele mögen es nicht, wenn eine junge Frau das sagt»
24.09.2019

Abschied aus Ustermer Ratsbetrieb
Die grüne Politikerin Meret Schneider verlässt das Ustermer Parlament per Mitte Oktober. Beitrag in Merkliste speichern Der Sitz im Ustermer Gemeinderat war der erste Schritt auf der Karriereleiter. Mit ihren bissigen und meist witzigen Reden fällt sie dort auf. «Ich mag Humor. Ich will aber auch nicht zum Pausenclown verkommen.» Da besteht wohl keine Gefahr.
Nach ihren eloquenten Reden, in denen sie üblicherweise Lacher erntet, marschiert Schneider stets mit starrem Blick zurück an ihren Platz und zieht sich mit ihrer Cola-Zero-Flasche zurück. «Socializing» sei nicht so ihr Ding. Und als jüngstes Mitglied im Gemeinderat fühle sie sich bei Apéros manchmal etwas verloren.
Rhetorisch gewandt
Bei ihren Kollegen kommt sie durchaus positiv rüber: SP-Gemeinderat Balthasar Thalmann sagt über die Jungpolitikerin: «Ihren Intellekt vermag sie in eine erfrischende Rhetorik zu übersetzen. Da können ihr nur wenige das Wasser reichen.»
Schneider sei eine sehr pragmatisch denkende Grüne. «Ich wünschte mir, dass sie sich noch mehr durchsetzen könnte», sagt Thalmann und fügt mit einem Schmunzeln an: «Mit einer Ausnahme: am Greifenseelauf. Dort steht unser Direktduell.»
«Ich esse gern und mit Genuss, ich war einfach schon immer auffallend schlank, wie alle in meiner Familie.»
Meret Schneider
Auch SVP-Fraktionspräsident Markus Ehrensperger schätzt Schneiders «spitze Feder» und die treffenden Sprachbilder. «Rhetorisch ist sie eine Bereicherung für den Rat, politisch ist sie aber noch etwas unerfahren.»
Sie werde manchmal ungeduldig, wenn die Politikmühlen zu langsam mahlten. Im persönlichen Umgang sei sie aber sehr angenehm, und man merke, dass sie ihre Themen aus persönlicher Überzeugung verfolge.
Auf der Langstrecke
An der Uni angekommen, steuert Schneider Richtung ASVZ, den Akademischen Sportverband, in dem sie als Alumna das Sportangebot nutzen kann. Heute trainiert Schneider mit einer ehemaligen Studienkollegin im Kraftraum. Spass mache ihr das nicht, aber Rumpfstabilität sei nun einmal wichtig für Läufer.
Langstrecken zu laufen, sei ihre Art, zu geniessen und abzuschalten. «Wenn ich meinen Tag mit einem entspannenden Lauf um den Greifensee beginne, kann danach nichts mehr schiefgehen.» Nach dem Krafttraining geht es fast im Marschschritt ins Büro der Jungen Grünen.
Zuvor hat sie ein selbst gemachtes Mittagessen zu sich genommen. Zum Thema Essen sagt Schneider: «Ich esse gern und mit Genuss, ich war einfach schon immer auffallend schlank, wie alle in meiner Familie.»
Uster bekommt einen öffentlichen Kühlschrank
12.09.2019

Zeughausareal Uster
Eine Ustermer Gemeinderätin will mit einem Kühlschrank auf dem Zeughausareal gegen die Essensvers href=”/flag/flag/np8_favorites/3079622?destination=batch&token=IFn5vWHEGzK7yVaaTSIpg8lpaHP9gs5h1cW1Mc6RvNs” title=”” class=”no-tts use-ajax flag flag-np8_favorites flag-np8_favorites-3079622 action-flag”>Beitrag in Merkliste speichern Auswärts isst Schneider selten, aus Überzeugung: «Wir müssen dringend etwas an der Art und Weise ändern, wie wir heutzutage konsumieren, und zwar relativ radikal.» Der hohe Fleischkonsum und die Nutztierhaltung müssten unbedingt angegangen werden.
Um Food Waste zu verringern, holt Schneider mehrmals pro Woche abgelaufene Lebensmittel bei Restaurants und Läden ab, verteilt sie und verwendet sie selber. Manchmal «containert» sie, das heisst, sie holt die essbaren Nahrungsmittel aus Containern von Grossverteilern raus.
Die Vegetarierin isst dann auch einmal Fleisch. Für Schneider ist dies nur logisch, da das Fleisch ja sonst in der Verbrennungsanlage landen würde. Zudem habe sie Fleisch sehr gern. Aber die Umwelt und die Tiere – die stellt Schneider nun einmal vor ihren Geschmack.
Im Büro der Grünen angekommen, wirkt Schneider zum ersten Mal an diesem Tag entspannt. Schneider sitzt auf ihrem alten Platz, den sie bis zum Sommer als Präsidentin innehatte.
Wurzeln im Grüt bei Gossau
Heute arbeitet sie aber nicht für die Jungen Grünen, sondern an ihren Pendenzen für den Ustermer Gemeinderat. Von zu Hause aus arbeiten könne sie nicht. Nicht etwa, weil sie sich dort nicht konzentrieren könne oder allein fühle: «Zu Hause habe ich keinen Grund aufzuhören, das kommt nicht gut.»
Dem Sekretär der Jungen Grünen, der Schneider gegenübersitzt, entweicht bei dieser Aussage ein Lächeln. Schneider sei eine sehr engagierte, vielseitig interessierte Politikerin, die die Dinge anpacke und durchziehe, sagt er. Persönlich könne er nicht viel über sie sagen. «Ich kenne sie als Präsidentin und habe gesehen, wie sie die unterschiedlichsten Leute integrieren kann.»
Es ist 15.30 Uhr, und Schneider muss wieder los. Ihre Schicht im «Hut» beginnt um 17 Uhr, vorher will sie noch mit ihrem Grossvater telefonieren, dem es zurzeit nicht gut geht. An den Grosseltern hänge sie sehr, auch an den Eltern, auch wenn sie mit diesen des Öfteren politische Diskussionen führen müsse: «Bei vielen Themen haben sie zwar eine ähnliche Meinung, aber sie finden meistens, ich solle, nicht so extrem und radikal sein», sagt Schneider.
Den Satz «Kannst du nicht einmal etwas Normales machen» höre sie oft. Mit 18 zog Schneider aus ihrem Zuhause in Grüt bei Gossau aus. Es war ihr zu eng im CVP- und EVP-dominierten Dorf.
Esoterische Grüne?
Nach Uster kam Schneider, weil es dort eine bezahlbare WG gab. Heute will sie nicht mehr weg. Sie lebt in dem Haus einer älteren grünen Politikerin. Über Politik spreche sie zu Hause nicht. Schneider gilt nicht unbedingt als linientreue Grüne. Mit der ersten Generation der Grünen kann sie wenig anfangen.
Schneider spricht von «Bäume-Umarmen», die bei Vollmond schlecht schlafen und nachts das WLAN abstellen würden. Sie habe Mühe, sobald etwas esoterisch angehaucht sei und nicht auf Fakten beruhe.
Im Gegensatz zu den meisten Grünen, die Gentechnologie kategorisch ablehnen, findet Schneider, dass die Technik an und für sich interessant sei. «Ich will nicht missverstanden werden: Ich finde das, was heute mit dem System schiefläuft, nicht gut. Aber ich finde, man sollte weiterforschen.»
Um 17 Uhr steht Schneider umgezogen im schwarzen T-Shirt hinter der Bar vom «Hut». Sie mag die Abwechslung, die die Kombination ihrer beiden Jobs mit sich bringt. Zudem sei sie ein Bewegungs- und kein Büromensch.
Als der Fotograf von ihr ein Foto machen will, wird sie unwirsch. Die Meret Schneider kommt hervor, die manche Leute mit ihrer direkten Art brüskieren kann. Sie hat aber auch eine andere Seite, eine, die sie seltener zeigt, die aber mit ein Grund ist, dass sie ihr Leben der Weltverbesserung widmet. «Meret ist sehr, sehr liebenswürdig», sagt ihre Arbeitskollegin, während Schneider dem Fotografen zwei Minuten Zeit für die Aufnahme gibt. Eva Künzle / ZO
