Hektische Igelrettung im Ustermer Dickicht
Das Wichtigste in Kürze
- Beim Blumenweg in Uster lässt der Grundeigentümer alle Pflanzen mit einer schweren Maschine entfernen
- Anwohner vermuten eine Igelfamilie auf dem Stück Land
- Zehn Helfer versuchen die Tierfamilie zu finden, bevor der Traktor sie zerstückelt
Beim bekannten Märchen vom Wettrennen zwischen Hase und Igel, geht letzterer als Sieger hervor. Am Ustermer Blumenweg kann am Donnerstagmorgen der Igel nur verlieren. Denn sein Gegner ist kein drei Kilogramm schweres Säugetier, sondern ein tonnenschwerer benzinsaufender Traktor mit einer Fräse im Schlepptau.
Der Igel sucht diesen Wettkampf nicht, er hatte einfach das Pech, dass er ausgerechnet auf dem Grundstück seine Jungen grossziehen wollte, das demnächst überbaut werden soll.
Doch zehn Menschen wollen den Igel vor dem Traktor retten. Für sie beginnt der Wettlauf morgens um 8 Uhr. Initiiert hat die Igelrettung Joachim Zahn, der unweit des lange verwilderten Grundstücks wohnt. Zusammen mit anderen Anwohnern und Tierschützern, die seinem Facebook-Aufruf gefolgt sind. Die Quartierbewohner hatten die Tierfamilie schon öfters in dem Gebiet entdeckt. Dass es eilt, gibt Zahn kurz nach 8 Uhr am Telefon zu verstehen. Mit dem Worten «Jetzt kommt die Maschine!» beendet er das Gespräch.
Rettung unter Zeitdruck
Im Quartier am Blumenweg ist die Rettungsaktion eine halbe Stunde später im vollen Gange. Während der Arbeiter im Traktor im Auftrag des Grundstückbesitzers gnadenlos Sträucher, Büsche und Gräser niedermäht und brauner Ackerboden zurücklässt, suchen zehn Helfer im Dickicht verzweifelt nach der Igelfamilie.
Sachte aber zügig stochern Frauen, Männer und ein Kind im dichten Gewucher mit Holzstöcken nach dem Tier. Joachim Zahn sagt: «Der Igel rollt sich bei Gefahr zusammen. Wir versuchen ihn mit Stöcken und Handschuhen zu finden.»
Zahn ist mit Grundstückeigentümer Andreas Weber schon länger in Kontakt. Deswegen habe er gewusst, dass dieser die Pflanzen auf dem Landstück entfernen wolle, nachdem im März bereits die Bäume gefällt wurden. Der Entscheid zur endgültigen Rodung sei aber kurzfristig – erst am Mittwoch – gefallen. Deshalb habe er erst am Abend vor der Aktion den Facebook-Aufruf gestartet. «Für die Rettungsaktion habe ich eine schriftliche Zustimmung von Weber erhalten.» Doch Zahn hätte auch gerne die Pflanzen gerettet: «Ich wollte, dass sie wenigstens einen kleinen Teil des Grundstückes unberührt lassen.»
Znünipause hilft Igel
Eigentümer Andreas Weber sagt auf Anfrage, dass es vorgesehen war, an gewissen Ecken Sträucher für den Igel stehen zu lassen. «Auf dem Grundstück wucherte aber der Neophyt Essigbaum. Die Entfernung dieser Pflanzen wurde mit einer kantonalen Verfügung erwirkt.»
Umweltschützer kämpfen für Bäume auf verwildertem Grundstück
30.01.2019

Uster
Um die Bäume am Blumenweg in Uster zu retten, wollen Naturschützer das verwilderte Grundstück zum Beitrag in Merkliste speichern Derweil haben auf dem Grundstück die Helfer die Flora längst aufgeben. Mittlerweile versuchen sie mit Heckenscheren, Sensen und gar Bolzenschneidern die verholzten Pflanzen zu kürzen, um sich den Weg zum vermuteten Igelnest zu erkämpfen. Das gelingt ihnen nur mühsam. Im Rücken der Helfer schnaubt der Motor der schweren Baumaschine. Jäh wird der Lärm unterbrochen. «Ich habe den Arbeiter gebeten, eine Znünipause einzulegen.» Für den Rettungstrupp Zeit, ein wenig durchzuatmen. Und Zahn will die Ruhe für eine Ansprache nutzen.
Polizei im Anmarsch?
Unterbrochen wird er von einigen Helfern, die ein heranfahrendes Polizeiauto erspähen. «Die wollen mithelfen», scherzt einer. «Das ist der Nachbar, der bei der Polizei arbeitet», entwarnt Zahn. Er setzt seine Ansprache fort, zeigt wo er wohnt, bedankt sich bei den Helfern und sagt: «Ich versuche mich für ein grünes Quartier einzusetzen.»
Dieses Grün war lange Zeit fester Teil des Quartiers um den Blumenweg. Einst standen hier eine Gärtnerei mit Baumschule und ein Wohnhaus. Die letzte Bewohnerin hat das Gebäude vor über 15 Jahren verlassen, seither wuchern die Pflanzen und aus den einst kleinen Tannensetzlingen waren kräftige Bäume geworden. Das Gebäude wurde als Geisterhaus bezeichnet und von Dieben und Vagabunden heimgesucht.
Der Igel soll zurück
Kurz vor 11 Uhr ist auch der jüngste Spuk vorbei und aus dem grünen Dickicht ist brauner Acker geworden. Für Zahn war die Aktion erfolgreich, auch wenn keiner der Helfer die Igelfamilie gefunden hat. Denn offenbar haben die Tiere Reissaus genommen. «Der Igel ist eben ein Vagabund», sagt Zahn und lacht. «Dass aber einer hier war, davon zeugen das Igelnest mit Kotspuren und die Früchte mit Frass-Spuren, die wir gefunden haben», so Zahn.
Nun will Andreas Weber auf seinem Grundstück Wiese, Büsche und Sträucher anpflanzen und den Boden den Anwohnern für Pferde, Kühe oder Geissen zur Verfügung stellen. Eine Firma hat er seit längerem dafür beauftragt. Die nächsten Jahre soll dort nichts gebaut werden, sagt Weber, ergänzt aber: «Einen Urwald will ich dort nicht mehr haben.» Und auch der Igel soll seinen Lebensraum zurückbekommen. «Joachim Zahn hat schon angeben, wo er die Büsche und Sträucher für den Igel haben will», so Weber.
