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«Kästner ist Medizin für die Seele»

«Panikhertz» widmet sein diesjähriges Bühnenprogramm Erich Kästner – als Hommage an dessen 120. Geburtstag. Bandleader Thomas Mäusli, seit Jugendjahren fasziniert vom Lyriker, ist überzeugt: Die Gedichte treffen besser denn je den heutigen Zeitgeist.

«Panikhertz» um Bandleader Thomas Mäusli (stehend, Dritter von links) widmet ihre diesjährige Konzerttour Erich Kästner.

PD

«Kästner ist Medizin für die Seele»

Thomas Mäusli, Sie sind ein grosser Fan von Erich Kästner. Was haben Sie mit ihm gemeinsam?
Thomas Mäusli: Wie er bin ich ein Moralist. In vielen Texten, die er geschrieben hat, erkenne ich mich wieder. Vor allem in den Gedichten. Er legte den Finger auf Themen, die ihn beschäftigten, und schrieb Texte fürs Volk. Für mich ist er der Mani Matter der deutschen Lyrik. Er war auch ein sehr widersprüchlicher Mensch, genau wie ich. Ein Spruch von Kästner lautet: «Entweder man lebt, oder man ist konsequent.»

Die Faszination Erich Kästner scheint bei Ihnen sehr tief zu gehen. Woher kommt sie?
Als ich die Sek in Bäretswil besuchte, hatten wir ein Gedichte-Band zu Hause, wo «Die Entwicklung der Menschheit» von Kästner drin war. Obwohl ich Lyrik damals nicht so gerne hatte, faszinierte mich dieses Gedicht sehr. Ich kaufte schliesslich «Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke» und begann, wie ein Verrückter die Texte in Mundart umzuschreiben.

«Ein Moralist  –  so sagte Kästner –  hält der Gesellschaft einen Zerrspiegel vor.»

Wollten Sie nie zu einem Schweizer Lyriker konvertieren?
Der einzige Schweizer, der mich bezüglich Text und Versmass wirklich inspiriert, ist Mani Matter. Aber deutsche Lyriker wie Kästner, Busch oder Rilke haben halt coole Sachen geschrieben. Da gäbe es noch vieles, das sich für spannende Projekte eignen würde.

Haben Sie ein Lieblingsgedicht von Kästner?
Ich habe einen Lieblingssong. Und zwar Kurt Schmidt», die Vertonung des Gedichts «Kurt Schmidt, statt einer Ballade». Am Ende gibt es einen überraschenden Handlungswechsel, was typisch ist für Kästner. Damals gab es den Begriff zwar noch nicht, aber eigentlich beschreibt das Gedicht die Entstehung inklusive tragischem Finale eines Burnouts.

Kurt Schmidt, statt einer Ballade  –  ein Auszug

Der Mann, von dem im weiteren Verlauf
die Rede ist, hieß Schmidt (Kurt Schm., komplett).
Er stand, nur sonntags nicht, früh 6 Uhr auf
und ging allabendlich Punkt 8 zu Bett.

10 Stunden lag er stumm und ohne Blick.
4 Stunden brauchte er für Fahrt und Essen.
9 Stunden stand er in der Glasfabrik.
1 Stündchen blieb für höhere Interessen.
[…]
Die Zeit marschierte wie ein Grenadier.
In gleichem Schritt und Tritt. Und Schmidt lief mit.
Die Zeit verging. Und Schmidt verging mit ihr.
Er merkte eines Tages, dass er litt.

Er merkte, dass er nicht alleine stand.
Und dass er doch allein stand, bei Gefahren.
Und auf dem Globus, sah er, lag kein Land,
in dem die Schmidts nicht in der Mehrzahl waren.
[…]
9 Stunden stand Schmidt schwitzend im Betrieb.
4 Stunden fuhr und aß er, müd und dumm.
10 Stunden lag er, ohne Blick und stumm.
Und in dem Stündchen, das ihm übrigblieb,
brachte er sich um.

Treffen die Texte also den heutigen Zeitgeist?
In der «Lyrischen Hausapotheke» erklärt Kästner, das Werk sei eine Arznei, eine Therapie fürs Privatleben. Das finde ich treffend beschrieben und passt auch 90 Jahre später noch sehr gut. In einer Gesellschaft, die von Reizüberflutung regiert wird, plädieren Kästners Texte dafür, sich wieder Zeit zu nehmen, um sich bewusst mit sich selber auseinanderzusetzen. Ein Moralist – so sagte er immer – hält der Gesellschaft einen Zerrspiegel vor.

Sie haben sieben Gedichte ins Schweizerdeutsche umgeschrieben. Was halten Sie vom Resultat?
Unser erstes zürideutsche Lied war «Boim», basierend auf «Die Entwicklung der Menschheit». Der Song ist toll und kommt gut beim Publikum an. Aber der Text ist im Vergleich zum Original recht holprig und lässt viele Infos aus. Anders ist es bei «Das Letzte Kapitel». Da hat ein damaliges Bandmitglied (José) viel Zeit investiert, um das Gedicht zu übersetzen. Das Resultat trifft Sinn und Geist extrem gut, auch wenn es einen Teil von Kästner verloren hat.

Dann kann man also sagen: Einerseits verliert es Kästner, andererseits gewinnt es ein Stück «Panikhertz».
Ganz klar. Aus dem «Eisenbahngleichnis» haben wir «Im gliiche Zug» gemacht, das sich zu einer Art Hymne entwickelt hat. Die Fans singen bei «mer sitzed all im gliiche Zug» begeistert mit und würden kaum denken, dass dahinter ein deutscher Text steckt. Je älter ich werde, umso mehr Freude habe ich persönlich am hochdeutschen Original. Zürideutsch ist ein harter Dialekt, dem es oft etwas an Charme fehlt.

«Leider schrecken in der heutigen Zeit viele Leute vor Lyrik zurück.»

Drei Konzerte haben Sie bereits hinter sich. Wie reagiert das Publikum auf das, was Sie ihm präsentieren?
Die Leute hören endlich einmal zu! (lacht) Wir konnten Hans Dänzer, ehemaliger Kantilehrer aus Uster, für unsere Auftritte gewinnen. Er lockert das Programm mit Kästner-Zitaten auf. Wenn er auf die Bühne kommt, wird es ruhig im Publikum. Wir erhalten viele Feedbacks von Leuten, die es vorher nicht für möglich hielten, dass Kästner so unkompliziert und kurzweilig sein könnte.

Die Idee, Kästner ins Zentrum einer Konzertreihe zu stellen, stammt von Ihnen. Was meinten die restlichen Bandmitglieder dazu?
Es kam kein Widerstand. Sie waren alle Feuer und Flamme.

Kästner galt als zynisch, humorvoll, manchmal fast ein bisschen makaber. Passen diese Charakterzüge auch zu «Panikhertz»?
Definitiv! Der Grossteil steht auf diesen Humor. Das Doppelbodige, Mahnende und Moralistische – das aber immer mit einem Augenzwinkern verbunden ist. Es tut gut, mit solchen Texten konfrontiert zu werden, denn wir nehmen uns gerne viel zu wichtig und zu ernst. Kästner ist Medizin für die Seele. Leider schrecken in der heutigen Zeit viele Leute vor Lyrik zurück,  weil sie eben oft auch zu hochtrabend daherkommt.

Das Konzertprogramm kommt gut an. Darf man mit einer Wiederholung rechnen?
Wir machen sicher 2024 wieder ein Kästner-Jahr. Passend zu seinem 125. Geburtstag und zum 50. Todestag. Wir haben so viel Spass und werden bis dahin weiter Kästner-Songs spielen.

«Panikhertz» im Nova
Die Band gastiert mit ihrer «Panikhertz & Kästner Tour 2019» am Samstag, 26. November, im Nova Theater in Pfäffikon. Türöffnung ist um 17 Uhr, das Konzert beginnt um 19.30 Uhr. Weitere Informationen gibt es unter: www.panikhertz.ch.

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