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Teenager-TV vor dem Aus

Die Video Gang war einmal die Talentschmiede für Fernsehjournalistinnen und Moderatoren. Jetzt ist die Fernsehschule des selbstverwalteten Lehrbetriebs Content Makers in ernsthaften Schwierigkeiten. Und das liegt nur teilweise an den Finanzen.

Praktikantin Anna moderiert die neuste Sendung der Video Gang. , Das ist Tim Eberhard, Vizepräsident und Kassier des Trägervereins., Aufnahmen für die Sendung 20 Jahre Video Gang., Erkannt? Das ist Viola Tami, die die Kuppel-Show «Flirts» moderiert., Die Berufswahl-Stage der Video Gang an der Berufsmesse Zürich., Die Berufswahl-Stage, hier mit Sänger Naeman., Jonas improvisiert – und kocht ein bisschen, zum Beispiel Bratwurst mit Kartoffelstock.

Archivfoto: PD

Teenager-TV vor dem Aus

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Video Gang hat vor 23 Jahren eine Pionierrolle im Jugendfernsehen übernommen
  • Mehrere TV-Grössen haben in der Sendung ihre ersten Gehversuche vor der Kamera gemacht
  • Jetzt fehlt der Video Gang der Nachwuchs
     

Das ist die aktuelle Sendung der Video Gang: Ein Bericht über den Fussballclub Russikon respektive dessen Suche nach Helfern, kämpferische fünf Minuten über Plastikabfälle und den Klimawandel, und zum Abrunden ein Song des Zürcher Herzensbrechers Naeman. Konzipiert und produziert sind die Beiträge von Jugendlichen. Denn die Video Gang ist die Fernsehschule von Content Makers, einem von Lernenden und Praktikanten geführten Lehrbetrieb in Brüttisellen. Hier lernen angehende Mediamatikerinnen, Interactive Media Designer und Kaufleute.

Sendeplatz zu teuer

Die Video Gang hat ihren Anfang 1994 in einem Zürcher Ferienlager im Wallis, genauer in einem Videokurs. 1996 wurde die erste Sendung ausgestrahlt, und zwar auf dem damals noch jungen Tele Züri von Roger Schawinski. In den Folgejahren bekam die Video Gang Sendeplätze auf Tele24, 3+ und 4+, Tele Top oder Züri Plus – und verlor die meisten irgendwann wieder. Dies wegen Umstrukturierungen im nicht wirklich rentablen Schweizer Privatfernsehmarkt, oder weil die jungen Fernsehmacher plötzlich für ihr Sendefenster hätten bezahlen sollen, was sie nicht konnten.

«Wenn wir nicht bald neue Leute finden, müssen wir die Sendung einstellen.»

Tim Eberhard, Vizepräsident und Kassier des Trägervereins

Zuletzt zog sich die Video Gang vom Sender 3+ zurück. «Die juristische Prüfung unserer Sendungen wurde uns mit der Zeit einfach zu teuer», sagt Tim Eberhard, Mediamatiker-Lehrling bei Content Makers sowie Vizepräsident und Kassier des Trägervereins. «Denn sämtliche Beiträge müssen von einem Anwalt abgenommen werden, um keine rechtlichen Probleme zu bekommen.» Auch seien die Sendezeiten sehr schlecht gewesen: samstags und sonntags um 5.30 Uhr und einmal im Monat am Samstag um 16 Uhr. Geblieben ist der Video Gang neben dem eigenen Youtube-Kanal eine regelmässige Sendung auf Tele Top.

Praktikanten übernehmen

Doch auch die ist in Gefahr. Denn der Video Gang fehlt der Nachwuchs. «Wenn wir nicht bald neue Leute finden, müssen wir die Sendung einstellen», sagt Eberhard. In letzter Zeit seien es vor allem die Praktikanten gewesen, die das Format am Laufen liessen. Doch auch da gebe es einen personellen Engpass, und eine Verbesserung sei nicht in Sicht. «Wir Lernenden können nur bedingt einspringen, weil wir selber Aufträge von Kunden produzieren müssen, um einen Mindestumsatz zu generieren, den unser Verein braucht.»

Deshalb sucht die Video Gang Schülerinnen oder Schüler ab 14 Jahren, die in ihrer Freizeit «Videogangster» werden wollen; ein Praktikum ist dazu nicht nötig. Man sei auch offen für Schulklassen, die eigene Berichte oder gleich eine ganze Video-Gang-Sendung realisieren wollen, sagt Eberhard.

Jeder sein eigener Senderchef

Bisher lief die Suche allerdings erfolglos. Liegt das daran, dass in Zeiten von Youtube und dem chinesischen Videoportal Tik Tok wirklich jeder sein eigener Fernsehproduzent sein kann? Eberhard will dies nicht ausschliessen, möchte die Berichte der Video Gang aber auch nicht mit typischen Youtube-Beiträgen vergleichen. «Wir haben schon einen anderen Ansatz.»

Tatsächlich: Als Youtube-Star und -Sternchen lässt man sich an die Decke tackern, macht eine 25‘000-Kalorien-Diät oder testet, wie viel Milch man trinken kann, bis man kotzen muss. Selbst vermeintliche Informationssendungen sind mit fiebrigen Schnitten, visuellen Effekten und ganz viel Krawall durchzogen – TV für Menschen, deren Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr als 15 Sekunden beträgt.

Dagegen wirken die Beiträge der Video Gang richtig seriös, ja fast ein wenig behäbig. Der roboterhafte «Vi-Vi-Video-Gäng»-Jingle ist der gleiche wie immer, und die technischen Möglichkeiten werden zurückhaltend eingesetzt. Vor allem aber merkt man den journalistischen oder zumindest idealistischen Anspruch. Das zeigt sich etwa in einem Hintergrundbeitrag über Rassismus, der umfassenden Berichterstattung während der Berufsmesse in Zürich, oder in der Tatsache, dass die Video Gang schon 2004 den Klimawandel thematisiert hat, also lange bevor das Ganze zum Hype wurde.

Pizza statt bunte Burger

So richtig jugendlich-anarchistisch ging es bei der Video Gang eigentlich nie zu und her. Man macht und machte erwachsenes Fernsehen – einfach für Junge. Es gab «Flirts», eine Kuppel-Show wie das «Züri-Date», oder Talk-Runden, wie sie Anfang der 90er Mode waren. Falls es heute in einem Sketch mal ein wenig zur Sache geht, wird zuvor darauf hingewiesen, dass alles nur Spass sei. Und wenn gekocht wird, dann gibt es eine normale Pizza – und keine bunten Burger oder sonst wie durchgeknallten Superfood, den niemand essen kann.

«Die Video Gang ist cool, auch heute noch. Passt auf dieses Baby auf!»

Moderatorin Viola Tami in der Sondersendung zum 20-jährigen Bestehen

Tim Eberhard ist sich des Problems bewusst. Man habe immer wieder versucht, verschiedene kleine Formate auszuprobieren. «Aus personellen, finanziellen und zeitlichen Gründen mussten wir solche Projekte jedoch wieder auf Eis legen.» Bezüglich neuer Sendeformate hätten sie auch die SRF-Jugendabteilung und private Medienhäuser für eine Zusammenarbeit kontaktiert, sagt Eberhard. «Diese Versuche waren jedoch erfolglos.»

In den vergangenen 23 Jahren haben viele TV-Journalistinnen oder Moderatoren ihre ersten Gehversuche vor der Kamera im Team der Video Gang gemacht, darunter etwa Jonathan «Jontsch» Schächter, der den Leuten in seiner Sendung Trash-TV auf die Nerven ging, Andrea Jansen, Stefan Büsser, Corinne und Yvonne Eisenring, Joel Grolimund, oder Viola Tami. «Die Video Gang ist cool, auch heute noch», sagte Tami in der Sondersendung zum 20-jährigen Bestehen der Video Vang. Und fügte dann fast schon prophetisch hinzu: «Passt auf dieses Baby auf!»

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