Wie aus der Stierli die Torelli wurde
Emil Zollinger grüsste Ines Torelli fast täglich. «Wir wohnen in der Nähe und sahen sie deshalb oft. Wenn sie vorbeifuhr winkte sie uns immer zu», erinnert sich der Fischer. Sie sei immer gut gelaunt gewesen. Bevor Torelli mit ihrem Mann Edi Baur nach Kanada zog, veranstaltete sie eine Hofräumung und verkaufte, was sie nicht mitnehmen konnte. Zollinger kaufte sich bei dieser Gelegenheit eine Heckenschere. «Ich hab sie immer noch», sagt er und lacht.
Ines Torelli wurde im Juni 1931 als Ines Stierli in St. Gallen Geboren. Den Künstlernamen Torelli legte sie sich zu, nachdem sie auf den Bühnen der Schweiz erste grössere Erfolge feiern konnte. Sie übersetzte ihren Nachnamen Stierli freihändig ins Italienische. Vom Stier zum Toro war es ein kleiner Schritt, von Stierli zu Torelli ebenfalls.
Gut gelaunt mit vielen Katzen
Gut gelaunt und herzlich, so beschreibt auch Dagmar Loubier, Schauspielerin und Theaterpädagogin, Ines Torelli. Loubier war die Nachfolgerin von Edi Baur – Torellis Mann – in der Kulturgemeinschaft Uster. Sie leitete 14 Jahre lang das Ressort Theater. Rund drei Jahre arbeitete sie mit Baur und Torelli zusammen. «Wir haben uns gut verstanden, ich war öfters zu Besuch bei ihnen in Riedikon», sagt Loubier.
In Riedikon habe Torelli Hasen und Hühner gehalten und mehrere Katzen gehabt. Die Zusammenarbeit mit Torelli sei sehr angenehm gewesen. Mit ihr zusammen auf der Bühne sei sie aber leider nie gestanden. Bis zum Tod von Edi Baur 2009 pflegte sie den Kontakt mit dem in Kanada lebenden Ehepaar. Für einen Besuch reichte es jedoch nie. «Sie haben mich mehrmals eingeladen, sie in Neuschottland zu besuchen, aber ich war nie dort», sagt Loubier. Dies, obwohl Loubier öfters ihre Mutter besuchte, die im Süden der USA wohnt. «Ich hab‘s leider einfach nicht bis nach Kanada geschafft», sagt sie.
Torelli stand 1955 erstmals auf der Bühne im Aargauer Cabaret Rüeblisaft, wo sie ihren Mann, den Theaterfotografen Edi Baur kennenlernte. 1958 wechselte Torelli zum Cabaret Fédéral und später zum Axgüsi. Solo war sie in den Siebzigerjahren unterwegs, parodierte Marlene Dietrich, sang und spielte in «Bibi Balù» und der «Kleinen Niederdorf Oper» von Paul Burkhard. Sie stand mit Jörg Schneider, Paul Bühlmann, Margret Rainer und Ruedi Walter auf der Bühne, also mit den damals berühmtesten Schweizer Volksschauspielern.
Unverkennbar giftiger Dialekt
Bestens bekannt mit Torelli waren auch Peter und Marianne Ott. «Wir waren oft bei ihr Zuhause und haben über Gott und die Welt diskutiert», sagt Peter Ott. Auch ihre Aufführungen im Cabaret hätten sie besucht. Etwas sauer sei Torelli gewesen, weil die Otts sie nie in Kanada besucht hätten. Trotz ihres etwas «giftigen St. Galler Dialekts», sei sie eine sehr liebenswürdige Person gewesen, immer bereit einen Spruch zu machen, sagt Ott. Lustig sei auch die Aktion gewesen, als aus einem WC-Abbruch in Uster ein Wettbewerb gemacht wurde. Torelli habe als Speakerin fungiert. Aufgabe der Teilnehmer sei es gewesen, soviel Abbruchmaterial wie möglich in eine Mulde zu füllen.
Ines Torelli moderierte in den Siebzigerjahren am Schweizer Fernsehen die Samstagabendendung «Zum doppelten Engel» und schaffte den Sprung in die Schweizer Hitparade mit dem 1975 uraufgeführten Schlager «Gigi vo Arosa», einer Adaption von Dalidas «Gigi l’Amoroso.» Nicht nur bei den Erwachsenen, sondern auch bei den Kindern bekannt wurde sie durch die Aufnahmen von Kasperli-Tonträgern zusammen mit Jörg Schneider und Paul Bühlmann. Bis 1982 verkauften sie eine Million Tonträger. Torelli leitete die Zürcher Märchenbühne und spielte «di chli Häx».
Spezialpreise für Kinder
An Torellis Engagement bei der Märchenbühne erinnert sich auch die Riedikerin Irene Egli. Egli war Präsidentin des Frauenvereins, Torelli war Mitglied. «Ines Torelli sorgte jeweils dafür, dass die Kinder aus Riedikon bei den Aufführungen der Märchenbühne in Uster nicht den vollen Eintrittspreis bezahlen, sondern fast gratis die Vorstellungen besuchen konnten.» Egli kannte Torelli von Begegnungen auf der Strasse und Anlässen des Frauenvereins, pflegte aber keinen engeren Kontakt mit ihr. Ihre Schwiegermutter hingegen habe Torelli gut gekannt und jeweils nach ihren Hühnern geschaut, wenn sie wieder einmal für ein paar Tage weg war.
1995 wanderte Ines Torelli mit ihrem Mann nach Neuschottland an der Ostküste Kanadas aus. Am 21. August ist Sie im Alter von 88 Jahren gestorben.
(Autor: Eduard Gautschi)