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Wo der Doppeladler Zuhause ist

Überdurchschnittlich viele Albaner bevölkern im Kantonsvergleich die Zürcher Oberländer Gemeinden. Ein Blick auf eine Volksgruppe, die die Region seit fast dreissig Jahren prägt.Diese Geschichte erschien bereits auf züriost.ch. Um Ihnen die Festtage zu versüssen, gibt es eine Auswahl der besten Porträts des Jahres.

Bekim Bajraktari und Gudzimtar Alushi vom Verein Bashkimi im Stella del Centro in Uster., «Die Bedürfnisse der Albaner haben sich veändert», sagt Vereinspräsident Alushi., Der Match Schweiz-Albanien an der EM 2016 brachte in Uster viele gemeinsam an einen Tisch., Auch im Vereinslokal von Bashkimi war vereinte EM-Stimmung., Der albanische Rapper Noizy begeisterte im Stadthofsaal 2016 ebenfalls die Massen.

Christian Merz

Wo der Doppeladler Zuhause ist

Das Wichtigste in Kürze

  • Die albanische Community ist in der Region stark
  • Vereine wie Bashkimi in Uster engagieren sich für die Anliegen albanischer Menschen
  • Mit den Jahren wandelten sich auch die Bedürfnisse und Ambitionen der Minderheit
     

Die Hälfe der Ladenflächen im Einkaufszentrum Uschter 77 ist leer und auf der anderen verriegeln die Geschäfte gerade die Eingänge mit Glastüren. Nur im ersten Stock brüten im Stella del Centro Bekim Bajraktari und Gudzimtar Alushi über Akten. Mindestens einmal in der Woche trifft man die beiden Albaner in der Beiz an. Wobei, eigentlich sind sie ja Schweizer, auch wenn Bajraktari im Kosovo geboren wurde und Alushi in Mazedonien. Wie auch immer: Seit Anfang Jahr sind sie im Vorstand des albanischen Kulturvereins Bashkimi mit Sitz in Uster, Bajraktari als Pressesprecher und Alushi als Präsident. Der Verein ist bei «albanischen Anliegen» aller Art die Anlaufstelle für zahlreiche Gemeinden der Region.

Die Pendenzenliste der beiden scheint endlos. Statuten auf Deutsch übersetzten, die Webseite ebenfalls, Nachlässe ehemaliger Mitglieder wollen verwaltet und neue Angebote für die albanische Community geschaffen werden. Der Präsident und der Pressesprecher von Bashkimi könnten locker Vollzeit für den Verein und die rund 140 Familien, die Mitglied sind, arbeiten. Mehrmals die Woche treffen Sie sich auch in ihrem Vereinslokal. «Bei uns stapeln sich Kisten mit Akten aus 26 Jahren Vereinsgeschichte. Das müssen wir alles digitalisieren», sagt Bajraktari, IT-Spezialist aus Wallisellen.

Von Kriegshilfe zu Kulturpflege

Am meisten zu tun gibt derzeit aber der Umbau des Vereinslokals. Dieses soll auf neue Angebote ausgerichtet werden. «Wir wollen das Vereinslokal so gestalten, dass wir den Raum flexibel nutzen können.» Zum Beispiel für Nachhilfekurse für Schülerinnen und Schüler. Oder für Seniorinnen und Senioren, die den Umgang mit Smartphones oder E-Banking lernen wollen.

«Wir haben uns hier immer sehr gut aufgehoben gefühlt. »

Gudzimtar Alushi

Medienkunde für Senioren? Es ist nicht das Erste, das man mit einem albanischen Kulturverein in Verbindung bringen würde. Doch die Bedürfnisse der albanischen Bevölkerung hätten sich stark gewandelt, sagt Alushi. «Früher, während und nach dem Kosovo-Krieg, hat man sich auf die Hilfe für Familienangehörige in der alten Heimat konzentriert. Aber die neuen Generationen wollen sich hier gegenseitig stützen, die Kultur und die Sprache bewahren», sagt Alushi. Viele albanische Kinder könnten heute ihre alte Muttersprache kaum mehr sprechen, weshalb der Verein Interessierten auch Albanisch-Kurse an Schulen vermittelt. Alushi lobt dabei die Behörden: «Wir haben uns immer sehr aufgehoben gefühlt und sind in der Stadt sehr gut integriert.»

Der BMW zählt nicht mehr

Dass sich die Bedürfnisse der albanischen Bevölkerung gewandelt haben, bestätigt auch Fazli Shoshi aus Uster. Früher hätten sich Albaner introvertierter verhalten: «Viele, die direkt aus dem Krieg kamen, hatten Mühe mit neuen Situationen. Die Angst und die Traumata haben sie dazu gebracht, sich gegenüber Schweizern und anderen Nationalitäten ­– teilweise auch mit Gewalt – abzugrenzen», sagt der 24-jährige Betriebswirtschaftsstudent. «Die Jungen heute haben andere Prioritäten: Bildung, ein guter Job, Eigenständigkeit. Der BMW als Statussymbol zählt heute nicht mehr viel.»

Die Veränderung stellt Fazli Shoshi auch auf Social Media fest. Dort vernetzen sich rund 60‘000 Mitglieder aus der Schweiz, aber auch aus Deutschland und Österreich, in der Gruppe «Du bisch en Albaner erscht wenn». Seien früher Ferienfotos und Autos omnipräsent gewesen, findet man in der Gruppe heute vor allem Ratschläge, wenn es um Rechtsfragen, Visa, Übersetzungen und Ähnliches geht.

Neutraler Doppeladler

Die jungen Albaner in der Region, sagt Shoshi, würden sich vor allem über das Internet vernetzen. Den Verein Bashkimi kennt zwar auch er. Jedoch vor allem von der albanischen Tanzgruppe, die bei zahlreichen Events in der Region auftritt. Der Tanz bietet schliesslich eine neutrale Plattform, auf der sich alle Albaner treffen können. Der Verein hat sich bei seiner Gründung 1993 die religiöse und politische Neutralität auf die rote Fahne mit dem Doppeladler geschrieben. Ganz dem Vereinsnamen Bashkimi, zu Deutsch Union, entsprechend.

Einer der Mitbegründer war Bajram Kllokoqi, der heute in Mönchaltdorf wohnt. Dort sticht die albanische Bevölkerung zwar nicht aus der Statistik hervor. Das hat Kllokoqi aber nicht davon abgehalten, den Verein Atdheu, Vaterland, zu gründen. Im Prinzip ist Bashkimi, den er zwölf Jahre lang leitete, die Blaupause für seinen neuen Verein. Auch Atdheu ist bei Anlässen im Dorf, etwa der Chilbi, mit einem Stand präsent. «Unser Ziel ist es, dass sich die Leute vernetzen und in die Gesellschaft integrieren», sagt Kllokoqi.

Ähnlich wie die italienische Bevölkerung scheint sich die albanische Bevölkerung nach einer anfänglichen Aufregung ­– von Messerschlitzer-Plakaten über Raserunfälle – über die Jahrzehnte in die Strukturen der Schweiz eingefügt zu haben. Die Verbundenheit mit der Kultur der Eltern wird durch die Bemühungen von Alushi, Kllokoqi und Co. trotzdem so schnell jedoch nicht verloren gehen.

Starke albanische Minderheit in der Region

Im Zürcher Oberland ist die albanische Community stark. Albanerinnen und Albaner identifizieren sich vor allem über die Sprache – und damit über drei Ländergrenzen und Religionen hinweg. Am stärksten ist jedoch der kosovarische Anteil und damit der Anteil Albaner muslimischen Glaubens.

Gemäss einer Analyse des Statistischen Amts von Mitte Juli sind die Agglomerationsgemeinen nördlich von Zürich (Schlieren, Regensdorf) und jene Oberländer Gemeinden entlang der Bahnlinie Dübendorf-Hinwil überdurchschnittlich von Menschen mit kosovarischer Nationalität bewohnt.

Auswertungen des Statistischen Amts für die Zürcher Oberland Medien zeigen an den neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2018 Peaks in einzelnen Gemeinden. So sind in Wetzikon 2,5 Prozent der Bevölkerung kosovarisch, das sind mehr als doppelt so viele wie der kantonale Schnitt von 1,2 Prozent, Volketswil ist gar zu 3 Prozent von Kosovarinnen und Kosovaren bevölkert.

Die Zahlen erfassen aber nur einen Teil der albanischen Community. Die Statistik kategorisiert die ausländische Bevölkerung nach Nationalität. Viele albanischstämmige Menschen, vor allem in der zweiten und dritten Generation, sind jedoch eingebürgert. So ist anzunehmen, dass der Anteil Menschen mit albanischen Wurzeln weitaus höher ist. Ausserdem speist sich die albanische Bevölkerung aus drei Nationen: Albanien, Kosovo und Mazedonien. Zählt man diese zusammen, kommt man in Volketswil auf fast 5 Prozent Bevölkerungsanteil. Auch Wangen-Brüttisellen, Rüti, Wald und Wetzikon bewegen sich um 4 Prozent herum. Darin können aber wiederum auch Gruppen fallen, die sich nicht als Albaner identifizieren.

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