Der ugandische Arzt und die Schweizer Wehwehchen
Ein bisschen unkonventionell ist dieser Arzt schon. Kopfporträts von Elefanten und Löwen zieren die Wände seiner Praxis. Das Patientenbett von Dr. Khaukha ist nicht einfach eine klinische Liege, sondern ein Safari-Fahrzeug mit den obligaten Zebrastreifen.
Und dann ist da dieses breite, herzliche Lachen, wenn er über sein Heimatland spricht. John Khaukha kommt ursprünglich aus Uganda, hat sich nach seinem Abitur nach Deutschland abgesetzt und ist mittlerweile in Volketswil gelandet. «Meine beiden Töchter studieren bald an der ETH Physik und Architektur, deshalb sind wir nach Zürich gezogen», sagt er mit einem Akzent, der seine alte Heimat anklingen lässt.
Der Tausendsassa
Khaukha hat eine Vielfalt an Dienstleistungen im Angebot. Er ist sowohl Kinderarzt als auch Kinder- und Jugendpsychiater. Seine im Dezember eröffnete Praxis bietet Ergotherapie, Elektroenzephalogramme (EEG), Langzeit-EKG und Ultraschall-Untersuchung an. Und Khaukha hat eine zweite Praxis im luzernischen Reiden.
Auf die Frage, wie er so viel unter einen Hut bringt, beschwichtigt Khaukha: «Ich mache das alles ja nicht alleine. Mit mir arbeitet ein Team aus Praxisassistenten, Ärzten und Therapeuten.» Für die Patienten habe der ganzheitliche Ansatz den Vorteil, dass sie viele Dienstleistungen an einem Ort vorfänden, ohne von Praxis zu Praxis wechseln zu müssen, so Khaukha.
Viel beschäftigt wirkt er trotzdem. Während des Gesprächs in seiner Praxis im Volketswiler Zentrum nimmt er immer wieder Anrufe entgegen. Zweimal verlässt er den Raum, um eine Ultra-Kurz-Untersuchung an einem Patienten anzustellen.
«Ein hyperaktives Kind bekommt in Uganda zur Strafe einfach eins auf den Po.»
John Khaukha, Kinderarzt aus Volketswil
Neben seiner Praxis unterhält Khaukha auch noch ein Hilfswerk in der Heimat. Die Gründung eines Ambulatoriums in Uganda war für ihn eine Herzensangelegenheit: «Ich wollte den Leuten etwas zurückgeben.» Khaukha entstammt einer armen Bauernfamilie. Seine Mutter musste für seine Ausbildung einen Teil ihres Viehbestands verkaufen. Dank guter schulischer Leistungen erhielt er nach dem Schulabschluss ein Stipendium – und so kam es, dass er in der damaligen DDR ein Medizin-Studium abschloss. Nach längerer Praxistätigkeit in Deutschland zog er vor einigen Jahren in die Schweiz und eröffnete dort in Reiden eine erste Praxis.
Das Hilfswerk
Der Volketswiler Arzt John Khaukha hat in seinem Heimatland Uganda das Kinderhilfswerk Babaana aufgebaut. Dabei handelt es sich um ein Ambulatorium in der Stadt Mbale. Behandelt werden Waisenkinder und Kinder, die unter häuslicher Gewalt und an Krankheiten wie Malaria oder psychischen Störungen leiden – unter anderem als Folge kriegerischer Auseinandersetzungen. Babaana unterstützt aber auch Eltern und Betreuungspersonen. Weiter will das Hilfswerk für mehr Rechte sowie den besseren Schutz von Familien und Kindern in der ugandischen Gesellschaft sorgen. (zo)
Die Ausgangslagen in seiner einstigen Heimat und der Schweiz könnten verschiedener nicht sein. In Uganda sei die medizinische Versorgung so schlecht, dass sein kleines Team in einer Sprechstunde auf dem Land 200 Patienten an einem einzigen Tag betreuen müsse, weil es dort zu wenige Ärzte gibt. Psychisch Kranke seien stigmatisiert, weil in der Gesellschaft der Aberglaube vorherrsche, solche Leute seien verhext und brächten Unglück. «Manche Mütter verstecken sogar ihre Kinder», so Khaukha.
Der Entwicklungsgraben
In der Schweiz hingegen, wo man wegen jedem Husten zum Arzt rennt, könnte man seiner Meinung nach auch einmal einen Moment länger zuwarten. In Uganda seien die Leute schon etwas widerstandsfähiger, weil sie mehr aushalten müssten. Und oft löse man die Probleme pragmatisch. «Ein hyperaktives Kind erhält hier sofort Diagnose ADHS und wird entsprechend mit Medikamenten behandelt.» In Uganda habe man diese Ressourcen nicht: «Da bekommt das Kind zur Strafe einfach eins auf den Po.» Er lacht laut. «Die Prioritäten liegen einfach anders.»
Zu einer verbindlichen Regel machen will Khaukha seinen Vorschlag, hierzulande mit Arzt-Konsultationen etwas zurückhaltender zu sein, aber nicht: «Das kulturelle Umfeld ist in der Schweiz ganz ein anderes. In der Schweiz würden Einzelpersonen tendenziell weniger von ihrer Umgebung getragen. In Uganda dagegen lachten die Leute viel und sprächen mehr miteinander. Man nehme sich etwas mehr Zeit füreinander: «Nur schon das Grüssen dauert da eine halbe Stunde.» Er lacht: «Eine halbe Stunde – so etwas würde in der Schweiz nie gehen.»
So locker und gesellig wie der Mann hinter seinem Pult auch erscheint, bei einer Sache ist er streng: Sein Alter will er um keinen Preis verraten. Er glaubt, das sei schlecht fürs Geschäft. Erahnen kann man in diesem Zusammenhang nur eins: Seine Körperhaltung ist wohl nicht mehr ganz so straff wie sie damals gewesen sein mag, als er Uganda verlassen hat.