Ein «Klotz» ohne Balkon?
Das Wichtigste in Kürze
- Das Angebot an Pflege- und Alterswohnung in Greifensee soll erhöht werden
- Einwohner haben sich kritisch zum Projekt geäussert
- Eine Architektin und eine Gemeinderätin verteidigen den Anbau
Noch steht keine Wand des Anbaus beim «Zentrum im Hof», doch einigen Greifenseer reicht schon die Visualisierung des geplanten Erweiterungsbaus der Alters- und Pflegewohnungen, um sich über das Projekt zu ärgern (siehe Box). Das Bild wurde kürzlich an einer Infoveranstaltung gezeigt. Der Ärger entlud sich dann in mehreren Leserbriefen, die in den Nachrichten am Greifensee abgedruckt wurden.
«Ich wünsche mir, dass die Leute hinter die Fassade schauen und auch die vielen Vorteile sehen.»
Franziska Graf Schläppi (Aktion G), Gemeinderätin Greifensee
Als «Klotz» wird der 15-Millionen-Bau verschrien, «kalt und lieblos». Den Mitgliedern des Beurteilungsgremiums, das den Sieger des Architekturwettbewerb bestimmt, wird fehlende «städtebauliche Sensibilität und Weitsicht» attestiert. Darunter sind Architekten, Stiftungsratsvertreter, Gemeindevertreter und Denkmalpfleger. Diese haben Anfang Jahr aus fünf Vorschlägen für den Erweiterungsbau das Siegerprojekt mit dem Namen «Assemblage» auserkoren.
Bau zu hoch
An der besagten Infoveranstaltung stellte Jurypräsidentin und Architektin Tina Arndt das Projekt vor. Für sie kam die darauffolgende Kritik jedoch nicht unerwartet: «In einem kleinen Dorf wie Greifensee, wo viele Leute in Einfamilienhäusern wohnen, ist Widerstand gegen einen grösseren Bau nichts Aussergewöhnliches.»
Der Umbau
Beim Pflegezentrum «Zentrum im Hof» sind neben den bereits bestehenden Gebäuden ein zweigeschossiger und ein sechsgeschossiger Gebäudeteil geplant. Darin soll Platz für 12 zusätzliche Pflegebetten und 18 Alterswohnungen sowie Räume für die Spitex geschaffen werden. Nach heutigen Schätzungen wird der Bau rund 15 Millionen Franken kosten. Die Gemeinde müsste dafür ein Darlehen sprechen und Land im Baurecht abgeben.
Arndt stört aber, dass Leute den Bau undifferenziert kritisiert hätten. «Manche Leute haben meinen Ausführungen aus der Präsentation gar nicht richtig zugehört. Das ist schade.» So sei bemängelt worden, dass der sechsstöckige Bau zu hoch sei für Greifensee und nicht ins Stadtbild passe. Doch um Platz und Boden zu sparen, sei ein Bau in die Höhe sinnvoll.
Balkon oder nicht Balkon
Laut Arndt wurde der Bedarf an Balkonen besonders kontrovers diskutiert. Einige verstanden nicht, wieso im Projekt auf diese verzichtet wurde, andere fanden Balkone unnötig. Aus ökonomischen Gründen seien bei den Projektvorgaben keine Balkone gefordert worden. Damit sollen «preislich attraktive Alterswohnungen und Pflegeplätze» zur Verfügung gestellt werden, so Arndt. Als Balkonersatz sollen geschosshohe Fenster dienen.
Gemeinderätin Franziska Graf Schläppi (Aktion G), die ebenfalls im Beurteilungsgremium sass, sagt: «Ich wünsche mir, dass die Leute hinter die Fassade schauen und auch die vielen Vorteile sehen.» Prozesse würden beispielsweise klar getrennt. So könnten die Bewohner im vorgeschlagenen Anbau durch einen eigenen Eingang in ihre Alterswohnungen kommen und müssten nicht den Weg durch die Pflege-Abteilungen nehmen «Diese Lösung sorgt für mehr Ruhe im Betrieb», sagt die Gemeinderätin.
Stimmbürger entscheiden
Über das Darlehen, das laut Stiftung in der Höhe von fünf Millionen Franken liegt, und den Baurechtsvertrag sollen die Greifenseer an der Gemeindeversammlung am 4. Dezember abstimmen.
Graf Schläppi würde ein Ja «sehr begrüssen». Bei einem Nein könne der gesetzliche Auftrag, dass die Gemeinden für die stationäre und ambulante Pflege ihrer Einwohner zu sorgen haben, nur noch teilweise wahrgenommen werden könnte. So müsste die Gemeinde allenfalls eine Auslagerung der Altersbetreuung in Betracht ziehen. «Eine Umfrage in der Gemeinde hat aber gezeigt, dass die Greifenseer hier alt werden wollen», sagt Graf Schläppi.
