«Der Gemeinde Hinwil drohte das Holz auszugehen»
Der Oberländer Wald ist heute wegen des tiefen Holzpreises und dem aktuellen Käferbefall wirtschaftlich nicht sonderlich attraktiv. Früher war das anders, der Wald war für viele Bauern überlebenswichtig, wie die Dübendorfer Historikerin Katja Hürlimann weiss.
Katja Hürlimann, wieso ist im Zürcher Oberland so viel Wald in Privatbesitz?
Privatwald ist ein schwieriger Begriff, den man erst seit dem 19. Jahrhundert kennt. Vorher hat man von Nutzungsrechten im Wald gesprochen. Damit erhielten zumeist Bauern von Grundherren – im Zürcher Oberland waren das vorwiegend Klöster und die Stadt Zürich – das Recht, den Wald zu nutzen, beispielsweise um Äste oder Baumfrüchte an ihre Tiere zu verfüttern oder Bau- und Brennholz zu schlagen. Diese Nutzungsrechte haben sich im Verlaufe der Zeit verfestigt und die Bauern konnten sie auch handeln. Aus dem Nutzungsrecht hat sich dann Privateigentum entwickelt.
Zur Person
Katja Hürliman ist Historikerin. Sie arbeitete während zehn Jahren im Arbeitsbereich für Wald- und Umweltgeschichte im Departement für Umweltwissenschaften der ETH Zürich. Zurzeit unterrichtet die gebürtige Dübendorferin an der Berufsfachschule Uster «Geschichte & Politik».
Wie sah der Oberländer Wald früher aus?
Bevor der Mensch eingegriffen hat, gab es vor allem Laubmischwald im Zürcher Oberland. Mit der Nutzung der Wälder griffen die Menschen auch in die Artenzusammensetzung ein: So war beispielsweise die Eiche im Mittelalter weiter verbreitet als heute. Diese war speziell geschützt, weil die Eicheln gebraucht wurden, um Schweine zu mästen. Allgemein waren die Bäume weniger hoch als heute, weil die Bauern nur die Axt zur Verfügung hatten und damit grosse Bäume viel mühsamer zu fällen waren.
«In Hinwil verschwanden innert zehn Jahren rund 85 Prozent der Waldfläche.»
Die Rodung von Wäldern ist heute nur in Ausnahmefällen möglich, war das früher anders?
Einen Spezialfall stellt der Tössstock dar. Dieser wurde im 18. Jahrhundert praktisch vollständig abgeholzt, weil der Berg an Köhler verpachtet wurde, die fast den gesamten Wald zu Holzkohle verarbeiteten. Erst um das Jahr 1875 wurde der Tössstock wieder aufgeforstet, weil man den Überschwemmungen entgegenwirken wollte, die zu der Zeit zunahmen.
Die Übernutzung des Oberländer Waldes war aber kein Ausnahmefall?
Nein, der Wald wurde intensiv genutzt. Dies lässt sich am Beispiel der Gemeinde Hinwil um 1800 sehr gut zeigen. Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts wollte Hinwil im Zuge der veränderten wirtschaftlichen Vorstellungen durch den Liberalismus ihren Gemeinbesitz individualisieren und die Allmend aufteilen. Sie folgten der Idee des Ökonomen Adam Smith, dass der Einzelne nach einem möglichst hohen wirtschaftlichen Ertrag handelt. Die einzelnen Hinwiler Bauern haben ihre Waldgebiete praktisch vollständig abgeholzt und das Holz verkauft. So verschwanden innert zehn Jahren rund 85 Prozent der Waldfläche. Der Gemeinde drohte das Holz auszugehen. 1809 gab es daraufhin eine Gemeindeversammlung, an der man die Privatisierung des Waldes wieder aufhob. Diejenigen Bauern, die ihren Wald nicht abgeholzt hatten, fühlten sich betrogen. Ein 5-jähriger Streit entbrannte in der Gemeinde, bis man den benachteiligten Bauern, die ihren Wald noch nicht abgeholzt hatten, zugestand, ihr einstiges Waldstück etappenweise fällen zu dürfen.
Welche Bedeutung hatte der Wald für die Bevölkerung?
Der Wald war die wichtigste Ressource. Aus Bäumen wurde Brenn- und Bauholz gewonnen, aus Laub wurden Schlafsäcke gemacht, als Nebenprodukt der Köhlerei entstand Teer und vieles mehr. Auch das Vieh weidete früher im Wald. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam dann die professionelle Forstwirtschaft auf, die im Wald vor allem Holz produzieren wollte. Wenn damals Beamte des Stadtzürcher Forstamtes durch die bäuerlichen Wälder des Zürcher Oberland zogen, haben sie jeweils vom schlechten Zustand des Waldes gesprochen. Dabei wäre dieser Wald heute ein Musterbeispiel für biologische Vielfalt, die heute wieder in vielen Wäldern angestrebt wird.
