Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Politik

Frau Hofmann muss aus ihrer Wohnung raus

Weil ihr Haus an der Arnold-Islerstrasse 5 in Dübendorf abgerissen wird, müssen sich alle Mieter eine neue Bleibe suchen. Die 84-jährige Josy Hofmann ist verzweifelt, denn sie findet einfach keine bezahlbare Wohnung.

Die Kündigung ihrer Wohnung hat Josy Hofmanns Leben auf den Kopf gestellt., Dieses Mehrfamilienhaus an der Arnold-Islerstrasse wird abgerissen.

Google Maps

Frau Hofmann muss aus ihrer Wohnung raus

Josy Hofmann hat keinen Appetit mehr. Schon seit Wochen. Mittlerweile wiegt sie nicht einmal mehr 40 Kilo. «Mein Arzt wollte mich schon für eine Zwangsernährung ins Spital einweisen», sagt die 84-Jährige, «doch da habe ich nicht mitgemacht.»

Was Josy Hofmann aus der Bahn geworfen hat, ist die Kündigung ihres Mietvertrags. Mitte Mai wurde ihr und den anderen Mietparteien des Mehrfamilienhauses an der Arnold-Islerstrasse 5 im Dübendorfer Flugfeldquartier mitgeteilt, dass sie aus ihren Wohnungen raus müssen.

Im Kündigungsschreiben teilt die zuständige Immobilienfirma mit, dass Abklärungen für eine Sanierung vorgenommen worden seien. Letztlich habe sich die Eigentümerschaft aber für einen Ersatzneubau entschieden. Weitere Angaben wollte das Unternehmen gegenüber «Züriost» nicht machen.

Schwierige Wohnungssuche

Seit sie die Hiobsbotschaft erhalten hat, muss Josy Hofmann immer an ein Datum denken – den 31. März 2020. Denn spätestens dann müssen sie und die anderen Mieter ihre Wohnung geräumt haben. «Das klingt nach viel Zeit», sagt die Rentnerin. Doch sie habe in den letzten Wochen zahllose Wohnungsinserate rausgesucht, Mietobjekte besichtigt, Bewerbungen geschrieben. Alles ohne Erfolg.

«Entweder sind die Wohnungen viel zu teuer und kommen deshalb gar nicht erst in Frage, oder sie sind in einem sehr schlechten Zustand», sagt Hofmann. Erschwerend komme hinzu, dass sie keine Treppen mehr steigen könne und deshalb auf eine Wohnung im Parterre angewiesen sei. Oder auf einen Lift. Aber den gebe es nur selten in Liegenschaften mit günstigen Wohnungen. Und ihr finanzieller Spielraum sei beschränkt. Schon jetzt weiss sie nicht, wie sie ein Zahnimplantat, das sie benötigt, bezahlen soll.

«Der Besitzer hat Eigenbedarf angemeldet, jetzt steht da ein Prunkbau.»

Josy Hofmann, Mieterin

Immerhin: Durch eine Bekannte hat man auf der Stadtverwaltung von der Not Hofmanns erfahren. «Ein leitender Mitarbeiter hat versprochen, er melde sich bei mir, sobald er von einer freien Wohnung erfahre.»

Kein günstiger Wohnraum in Dübendorf

Wie schwierig es ist, eine geeignete Wohnung zu finden, hat Hofmann bereits vor 14 Jahren erfahren, als sie aus ihrem damaligen Heim an der Birchlenstrasse raus musste – nach 28 Jahren. «Der Besitzer hat Eigenbedarf angemeldet, jetzt steht da ein Prunkbau.»

Auch ihr Nachbar Nariman Aziz sucht bisher vergebens. In der Region Dübendorf gebe es keine günstigen Wohnungen, sagt der 39-Jährige. Und in Zürich versuche er es gar nicht mehr. «Einmal wollte ich dort eine Wohnung besichtigen. Ich war 20 Minuten zu früh da, und die Interessenten standen schon bis auf die Strasse hinaus Schlange, da bin ich gleich wieder gegangen», sagt Aziz, der nicht verstehen kann, wieso es die Eigentümer nicht bei einer Sanierung der Liegenschaft belassen können. «Wenn sie das Bad und die Küche renovieren würden, könnten sie ja auch mehr Miete verlangen.»

Möbel fürs Brockenhaus

Manchmal verlässt Josy Hofmann jeglicher Lebensmut. «Ich habe mich auch schon gefragt, ob es nicht besser wäre, wenn ich von einer Brücke springen würde», sagt sie. Denn ihr gewohntes Umfeld möchte sie auf keinen Fall verlieren. Da ist einmal ihre liebevoll eingerichtete 3,5-Zimmer-Wohnung, für deren Möblierung sie lange gespart hat. «Wenn ich am Ende in eine kleine Abstellkammer ziehen muss, dann kann ich die Möbel nur noch ins Brockenhaus bringen, denn dafür bekomme ich ja nichts mehr.»

«Wenn ich doch nur noch ein paar Jahre hier bleiben könnte.»

Josy Hofmann, Mieterin

Ein Leben ohne ihre Nachbarn kann sie sich erst recht nicht vorstellen. «Wenn ich eine neue Glühbirne brauche oder ein Glas nicht öffnen kann, dann muss ich nur nebenan klingeln, und schon bekomme ich Hilfe.» Und dann ist da auch noch der Mann ein paar Häuser weiter, der regelmässig mit ihrem Hund Blacky spazieren geht, weil sie nicht mehr so gut zu Fuss ist. «Wenn ich hier weg muss, dann verliere ich auch das.»

Doch kampflos will sich Josy Hofmann nicht aus der Wohnung werfen lassen. Sie hat den Mieterverband kontaktiert, ein auf Mietrecht spezialisierter Anwalt vertritt nun ihre Interessen. Der erste Schritt war, die Kündigung anzufechten und ein Begehren um Mieterstreckung einzureichen. «Wenn ich doch nur noch ein paar Jahre hier bleiben könnte», sagt sie, «denn irgendwann gibt es mich ja nicht mehr.»

Das sagt der Mieterverband
 
Die Kündigung der Mietverhältnisse in der Liegenschaft an der Arnold-Islerstrasse 5 bewegt sich innerhalb des gesetzlichen Rahmens. Das sagt Walter Angst vom Zürcher Mieterinnen- und Mieterverband. Gleichzeitig kritisiert er das Mietrecht als «extrem einseitig» zugunsten der Vermieter. «Die Eigentümer haben völlig freie Hand, sie dürfen einzig beim Kündigungsgrund keine falschen Angaben machen.» Also etwa Eigenbedarf ausweisen und die Wohnung dann doch weitervermieten.
 
Dass Vermieter von Anfang an eine vermeintlich grosszügige Verlängerung der Kündigungsfrist gewährten, sei mittlerweile gängige Praxis, sagt Angst. «Damit wollen sie verhindern, dass betroffene Mieter die Kündigung anfechten oder eine Mieterstreckung einfordern.» Letztlich brächten ein paar wenige Monate mehr Zeit aber oftmals nicht viel. «Die Leute bekommen trotzdem schnell Torschlusspanik und entscheiden sich dann häufig für eine Wohnung, die unter dem Strich eine Verschlechterung ihrer Wohnsituation darstellt.»
 
Dagegen sei es oft hilfreich, der Schlichtungsbehörde ein Begehren um Mieterstreckung einzureichen – und das in zweifacher Hinsicht. Einerseits hätten die Mieter dann mehr Zeit für die Wohnungssuche. «Und auf der anderen Seite hat man bessere Chancen, ein gutes Ersatzobjekt zu erhalten», so Angst. «Die Eigentümer möchten ihr Bauvorhaben realisieren. Deshalb sind sie auch bereit, anfechtenden Mietern eine ebenbürtige Ersatzwohnung anzubieten.»

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns