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«Wer auf die Karte schaut, sieht eindeutig eine Lücke»

Er baute die erste Brücke für die Lückenschliessung. Sie wird jedoch nie benutzt werden. Bauingenieur Jürg Kägi setzt sich seit Jahrzehnten für den Zusammenschluss der Oberlandautobahn ein.

Der Wetziker Bauingenieur Jürg Kägi baute 1972 beim Betzholz eine Brücke, die nie benötigt wurde., Links im Bild ist die nie benutzte Brücke beim Betzholzkreisel zu sehen., Die nutzlose Brücke, vor bald 50 Jahren gebaut, dient auch nicht als Mahnmal, findet dessen Erbauer Jürg Kägi., Die ursprüngliche Strecke von Rüti her endet beim Betzholzkreisel im Grünen., Der Betzholzkreisel ist in der Schweiz ein verkehrstechnisches Unikum.

Fabio Meier

«Wer auf die Karte schaut, sieht eindeutig eine Lücke»

Herr Kägi, was ist Ihre erste Erinnerung zum Stichwort « Lückenschliessung » ?

Das war der Auftrag, die allererste Brücke zu bauen am Kreisel Betzholz, eine Überführung. Das habe ich damals ausgeführt mit der Firma Locher & Cie AG und Hirzel Bauunternehmung AG Wetzikon in einer Arbeitsgemeinschaft.

Seit 20 Jahren setzten Sie sich, organisiert im Verein Zusammenschluss Oberlandstrasse, für die Lückenschliessung ein. Sie gehörten zu den Gründern. Heute sind wir immer noch weit entfernt von einem Baustart. Ermüdet ein solcher Kampf nicht?

Zunächst: Der Verein Zusammenschluss Oberlandstrasse wurde von Gemeindepräsidenten, Kantons- und Nationalräten gegründet im Bestreben, aus der Politik heraus das Projekt zu unterstützen zu fördern. Ermüdet bin ich aber nicht. So lange ich arbeiten und denken kann, mache ich frisch und zielgerichtet mit. Es gibt ja auch Fortschritte und es ist nicht einfach nur mühsam. Und doch –  es dauert einfach lang.

Zur Person
Jürg Kägi ist Bauingenieur HTL. Der Wetziker mit Jahrgang 1946 ist Präsident des Schweizerischen Fachverbandes für Sicherheit auf Strassen (Sistra). Der ehemalige Wetziker Gemeinderat gehört dem Verein Zusammenschluss Oberlandstrasse seit seiner Gründung an und wirkt in dessen Vorstand als Aktuar.

 

Wieso braucht es eigentlich die Lückenschliessung?

Es ist ja nicht so, dass ich, nur weil ich entlang dieser Strecke damals etliche Brücken gebaut habe, meine, das Werk müsse deswegen vollendet werden. Klar ist doch: Wer auf die Karte schaut, sieht eindeutig eine Lücke. Also kann das System der Hochleistungsstrassen den ursprünglichen Zweck nicht erfüllen. Eine besondere Bedeutung hat dieses Stück seit Februar 2017. Seither steht fest, dass die Strecke Brüttisellen-Reichenburg nach dem Willen des Souveräns ab dem 1. Januar 2020 ein Teil des Nationalstrassennetzes ist.

« Betont werden muss auch der volkswirtschaftliche Nutzen einer « anständigen »  Infrastruktur. »

Jürg Kägi

Betont werden muss auch der volkswirtschaftliche Nutzen einer « anständigen »  Infrastruktur. Tausende von Betroffen im Oberland leiden unter der fehlenden Verbindung. Wir haben täglich 30‘000 Fahrzeuge auf der Strecke Aathal-Wetzikon-Hinwil. Nur zum Vergleich. Beim Gotthardtunnel sind es 18‘000. Mit der heute vorgesehenen Streckenführung, eine relativ landschaftsverträgliche Linie, bringen wir etwa die Hälfte dieses Verkehrs auf die Autobahn.

Das ist gerade aus Sicht von Wetzikon wichtig, ist Wetzikon doch einer der grössten S-Bahn-Knoten. Wenn wir mit dem öffentlichen Verkehr staufrei auf diesen Knoten gelangen wollen, muss der übergeordnete Verkehr weg. Kommt hinzu, dass mit der geplanten Verdichtung in Unterwetzikon dort um die 1000 Einwohner hinzukommen werden. 

Welchen Rückhalt geniesst die Lückenschliessung in der Bevölkerung?

Wir sind mit unserem Verein jährlich an der Züri Oberland Mäss (ZOM). Dort spüren wir ausschliesslich Unterstützung. Seit 20 Jahren zählt der Verein einiges über 1000 Mitglieder. Dieser Bestand erneuert sich dauernd. Auch hier spüren wir also den Rückhalt.

Hat sich die Stimmung  in den letzten 20 Jahren geändert?

Die Stimmung hat sich höchstens ins Positive verändert. Der Bundesgerichtsentscheid von 2012 gegen die Linienführung am Rande der Moorlandschaft wurde in der breiten Bevölkerung mit völligem Unverständnis aufgenommen. Allerdings gilt festzuhalten, dass die jetzige Linienführung geeigneter ist.  Aber der Interessenskonflikt zwischen Siedlungsgebiet, Naturschutzgebiet und dem Strassenbau bleibt gleichwohl bestehen. Letztlich benötigen wir aber ein Infrastruktursystem, das diesen Namen verdient.  Das ist eine Bedingung für unseren Wohlstand.

Aus der Gemeinde Gossau, die nun am meisten von der geplanten Routenwahl betroffen ist, gibt es Forderungen. Eine davon ist der Verzicht auf den Anschluss Ottikon. Kann das eine Option sein?

Nach meiner Kenntnis ist nicht der Verzicht auf den Anschluss Ottikon ein Thema, sondern dessen Redimensionierung. Welche Beziehungen wirklich sinnvoll sind, das hinterfragt aktuell der Kanton ja nochmals. Aus Wetziker Sicht gilt es festzuhalten, dass mit dem Bundesgerichtsentscheid auch der Anschluss Unterwetzikon weggefallen ist, weshalb ein Anschluss Ottikon Sinn macht – auch im Interesse von Gossau. Denn wenn es diesen Anschluss nicht gäbe, ginge der Verkehr einfach durch Gossau hindurch oder auch durch Hinwil zum nächsten Anschluss.

« Wegen mir jedenfalls braucht es ein solches Mahnmal schon gar nicht. »

Jürg Kägi

Sie waren schon einmal nah an einer Realisierung dran. 1972 haben Sie sogar als Bauingenieur die Zugangsbrücke in den Betzholzkreisel gebaut. Nur, diese Brücke wird nie in Betrieb genommen werden? Frustriert das?

Die Brücke hat damals 600‘000 Franken gekostet. In der schweizerischen und zürcherischen Politik wurden doch schon teurere Leerläufe verbrochen. Deshalb gibt es keinen Frust. Man wünscht sich das zwar nicht, und es kommt ja auch nicht regelmässig vor.

Die Brücke wurde auch schon als Mahnmal für die unendliche Geschichte rund um die Oberlandautobahn bezeichnet. Soll sie also als Mahnmal stehen bleiben?

Das würde ich wirklich nicht machen. Diese Brücke verdient das nicht. Wegen mir jedenfalls braucht es ein solches Mahnmal schon gar nicht.

2008 hatten wir bereits einmal ein Ausführungsprojekt, das vom Regierungsrat beschlossen worden war. Allein, 2012 entschied das Bundesgericht, dass sich diese Streckenführung wegen des Schutzes der Moorlandschaft nicht  realisieren lässt. Was ging in Ihnen vor, als Sie damals von diesem Entscheid hörten?

Es war eine Enttäuschung, vor allem aber ein Unverständnis, warum unser Bundesrat, der den Perimeter einer Moorlandschaft in eigener Kompetenz festsetzt, nicht auch berechtigt sein soll, diesen Perimeter wieder abzuändern.

Wir haben in all den Jahren schon verschiedene Linienführungen für die Oberlandautobahn gesehen. Welche wäre denn Ihrer Meinung nach die optimale?

Mit dem heutigen Kenntnisstand ist das, was jetzt vorgesehen ist, wahrscheinlich das Optimum. So gesehen hat der damalige Kantonsrat Kurt Schellenberg (FDP) die Ideallinie vorausgesehen mit seiner Variante Süd, die er vorgeschlagen hat. Er sagte immer, dass die Linie vom Aathal aus zur Forchstrasse hinüberführen muss. Die Variante Nord hätte damals der Bahnlinie entlang geführt werden sollen. Gelandet ist man dann bei der Variante Mitte+, die Regierungsrat Hans Hofmann zusammen mit dem damaligen Buwal festgelegt hatte.

Auf der Karte von 1987 hat der damalige Kantonsrat Kurt Schellenberg (FDP, Wetzikon) seine Linienführung, die Variante Süd, grün eingezeichnet. Rot ist die Variante der Planungsregion Zürcher Oberland (RZO) eingetragen. Und die gestrichelte Strecke ist der Vorschlag gemäss Gesamtplan von 1978. (Quelle: Kurt Schellenberg)

 

Im regionalen Richtplan von 2017 ist die ganze Oberlandautobahn komplett unter dem Boden. Ist das überhaupt machbar?

Technisch ist alles möglich, aber nicht alles ist sinnvoll. Ich erachte zudem das Problem nicht als ein grosses. Es geht ja nur um eine wenige hundert Meter lange Strecke, die offen geführt würde. Die Strasse kann man in diesem Abschnitt mit technischen Mitteln unsichtbar und unhörbar machen. Aber auch dieses Problem ist momentan beim Kanton im Studium zwecks Optimierung.

Die ersten Pläne für die Lückenschliessung sind nun schon über 60 Jahre alt. Geht es in der Schweiz immer so lange, bis eine Autobahn gebaut werden kann?

Es geht lang. Wir haben ein Nationalstrassennetz von 1870 Kilometer und per 1. Januar 2020 kommen noch 400 Kilometer dazu. Doch auch ohne letztere ist das Netz noch nicht vollendet. Es geht übrigens anderswo auch so lange. Ich erinnere an die Rhonetalautobahn im Kanton Wallis.

Sind wir heute näher an der Realisierung der durchgehenden Oberlandautobahn als 2008?

Ich bin kein Prophet, aber ich sage: Wir sind noch nie so nahe dran gewesen: Wir haben eine Linienführung, wir haben mit dem Bund einen Bauträger und wir haben den Willen der Politik in Zürich und in Bern, dieses Stück zu realisieren.

Und wann werden wir erstmals über die neue Autobahn rollen können?

An der letzten ZOM sagte ich allen Leuten: 2033.

Was wünschen Sie dem Oberland in Sachen Verkehr?

Punkt 1: Dass der übergeordnete Verkehr aus den Dörfern raus kommt, Stichwort Zusammenschluss. Punkt 2: In Dörfern und Städten können und sollen Autofahrten möglichst mittels Langsamverkehr, also zu Fuss oder per Velo, ersetzt werden.

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