Rektor Popov: «Noten sind lediglich eine Norm»
«Sie sind jetzt nicht mehr Reifende, sondern reife Gereifte.» Claudia Honegger, emeritierte Professorin für Allgemeine Soziologie und – so bezeichnet sie KZO-Rektor Aleksandar Popov – führende Person in der Schweizer 68er-Bewegung, startet mit diesen Worten an der Maturfeier der KZO Wetzikon ein rhetorisches Feuerwerk. Sie zitiert Kants Kritik an der einseitigen Vernunft, ruft die Maturanden auf: «Bleiben Sie neugierig und behalten Sie Ihren kritischen Geist!»
«Wir wurden von der Feier abgesondert und in einem einsamen Klassenzimmer aus dem Schulbetrieb entlassen.»
Claudia Honegger, Prof. allgem. Soziologie und Ex-KZO-Schülerin
Doch wirklich in sich hat es ihre Anekdote aus der eigenen Zeit an der KZO, die sie 1966 abschloss. Honegger, so zitiert Popov ein altes Protokoll, habe einer rebellischen Klasse angehört. Ein Prorektor habe sich beschwert, dass diese Klasse – G7c hiess sie und legendär sei sie damals gewesen – mit der Tradition brach, mit Anzügen an der Maturfeier teilzunehmen.
Gemeinnützige Arbeit statt Maturreise
«Das hatte Konsequenzen», erzählt Honegger. «Wir wurden von der Feier abgesondert und in einem einsamen Klassenzimmer aus dem Schulbetrieb entlassen. Der Rektor gab uns mit auf den Weg, er hoffe, dass trotzdem noch etwas aus uns würde.» Statt einer Maturreise habe die Klasse im Sinne gemeinnütziger Arbeit Waldwege ausmessen müssen. «Die Beatles, Stones und Dylan begleiteten uns. Und andere Dinge. Die Messergebnisse erwiesen sich jedenfalls am Ende als nicht allzu akkurat», kalauert sie und gibt sich selbstkritisch. «Eine Aktion, die nicht eben von Reife zeugte.»
Dabei sei die KZO schon damals eigentlich durchaus fortschrittlich gewesen. So hätten Mädchen etwa, anders als in der Stadt Zürich, mit Hosen zur Schule gehen dürfen. «Und im Deutschunterricht durften wir Bücher lesen, die damals als unerhört, als zu links oder zu aufwieglerisch galten.» Die legendäre Klasse hätte einige Zeit vor der Matur auch die Schülerzeitung, die damals «Antenne» hiess, praktisch im Alleingang übernommen. Sie übte laute pädagogische Kritik, gesellschaftliche ebenso, rief zu Demonstrationen und zu Rebellion auf.
«Hinter uns lagen nur Weltkriege. Da wollten wir keinesfalls hin.»
Claudia Honegger
«Wir blickten nach vorn, niemals aber zurück. Hinter uns lagen nur Weltkriege. Da wollten wir keinesfalls hin.» Sie seien überzeugt gewesen, dass sie alles erreichen könnten. «Und das schnell.» Heute, so glaubt Honegger, seien die äusseren Hindernisse überraschend gross, um nach vorn zu denken. «Die kritische Öffentlichkeit ist gefährdet. Zensur, Überwachung und Informationsüberflutung sind die Schwierigkeiten. Sie werden selber herausfinden müssen, wie Sie damit umgehen sollen.» Diese kritische Öffentlichkeit sei jedoch zu erstreben und zu verteidigen.
Ein versehentliches Shakespeare-Zitat?
Wie viel von dieser Art des Denkens der Maturitätsjahrgang 2019 tatsächlich mitbringt, ist indes nicht erhebbar. Auch Rektor Popov ist diesbezüglich etwas ratlos, als er erwähnt, er habe einen Schüler nach den Prüfungen die Worte sagen gehört: «Ende gut, alles gut.» Als Linguist freue ihn, dass ein KZO-Maturand zum Schluss Shakespeare zitiere. «Doch ob ihm das überhaupt bewusst war, ist auch fraglich.»
«Vielleicht war der Ausspruch des Schülers ein Hinweis, dass die KZO-Zeit eine dunkle Komödie war.»
Aleksandar Popov, KZO-Rektor
Das besagte Stück von Shakespeare gelte denn auch als Problemstück, da es nicht ins Oeuvre passe. «Es ist eine Art dunkle Komödie. Vielleicht war der Ausspruch des Schülers also ein Hinweis darauf, dass auch die KZO-Zeit eine dunkle Komödie war.» Doch auch das sei ungewiss. So oder so zeige das Zitat aber, dass das Gefühl am Ende alle teils auch weniger erfreulichen Dinge oder Phasen der Schullaufbahn überstrahle.
14 Auszeichnungen
Und so gratuliert er den Maturanden, von denen heuer 14 die preiswürdige Marke einer Durchschnittsnote von 5,3 überschritten haben. Jahrgangsbeste – «schnallen Sie sich fest» – war Savannah Eckhardt mit einer Durchschnittsnote von 5,73 aus dem Neusprachlichen Typus.
Von den 233 zur Prüfung angetretenen Maturanden bestanden 229. «Die Noten sind dabei lediglich eine Norm, die bei weitem nicht allen Faktoren Rechnung trägt.» Er sei genauso beeindruckt von Schülern, die die Marke von 5,3 nicht geschafft hätten. «Einige liessen sich nicht unterkriegen. Andere glänzten mit haushälterischem Umgang mit ihren Ressourcen.» Und den vier Personen, die nicht bestanden, wünsche er die Ausdauer und Entschlossenheit, nochmals anzutreten.
Der Klassenzug bewegt sich laut Popv in Bezug auf die Auszeichnungen in etwa im Durchschnitt der letzten Jahre. Vergangenes Jahr schafften 19 die Marke von 5,3, 2017 waren es 23, ein Jahr zuvor 24, bis dahin waren es meist zwischen 10 und 15.
Die ausgezeichneten Maturanden
Marvin Keller (A6)
Martina Lehmann (A6)
Bernhard Meyer (A6)
Samuel Mink (A6)
Serge Amos (C6c)
Julia Gabriel (C6d)
Til Hämmig (C6d)
Jennifer To (C6d)
Melanie Jauch (CW6)
Matteo Stürm (CW6)
Anja Ehrensperger (M6a)
Susana De Pinho Tavares (N6b)
Savannah Eckhardt (N6c) Jahrgangsbeste
Stefan Wittwer (W6)